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Zersplittertes Erinnern - 45/2016

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Scheiterhaufen und Reisauflauf

Julian Schuttings beeindruckendes neues buch schenkt Erinnerungen in Splittern.

| Von Christa Gürtler

Gleich zu Beginn entwirft Julian Schutting eine Szene, die mitten in die Welt des Nationalsozialismus führt und zugleich auf die Poetologie dieses ebenso schmalen wie gewichtigen Buches „Zersplittertes Erinnern“ verweist. Das Kind zeichnet mit einem Zimmermannsbleistift einander umschlingende, durchdringende Linien, „die nicht abreißen, sondern, sich rundend, zum Ausgangspunkt zurückfinden [...], bald wie ein Wollknäuel anzusehen, das auseinanderfällt?“ Erst als das Kind von „mir nicht erinnerlicher Tante“ nach einer Ohrfeige Nasenbluten bekommt, weiß es, dass es gerade Verbotenes getan hat, denn es entdeckt unter seinem Gekritzel einen Mann, der „wie hinter Drahtmaschen auftaucht“ und dazu die Stimme (der Tante?): „Den Führer zu verkratzeln!“

Splitter der Erinnerung

Das Kind, das ist der 1937 geborene Erzähler und Autor, der sich an seine Kindheitsjahre in Amstetten und seine Jugendjahre im Nachkriegswien erinnert. Julian Schutting breitet keine Autobiografie vor uns aus, sondern Beobachtungen, Wahrnehmungen, Sinneseindrücke. Sie weisen ihn als sehr genauen Beobachter aus und zeigen, dass das Aufwachsen in einer österreichischen Kleinstadt gleichermaßen von den politischen Verwerfungen wie vom sinnlichen Entdecken der unmittelbaren Wirklichkeit bestimmt war. Schon der Titel „Zersplittertes Erinnern“ verweist auf die literarische Verfahrensweise. Sehr stimmig zeigt auch das schwarz-weiße Coverfoto des Buches Menschen vor einem teilweise zerbombten Haus. Seit Robert Musil wissen wir, dass der „rote Faden der Erzählung“ gerissen ist, und Julian Schutting beweist es in seinem beeindruckenden Erinnerungsbuch, nicht zuletzt im Wechsel der Perspektive vom Ich zum Du der zweiten Person und von lyrischen Passagen und Prosa. Er traut seinen „Alterserinnerungen“ nicht, weiß, dass manches anders gewesen sein muss und gibt nicht vor, dass seine Kinderperspektive authentisch ist.
Julian Schuttings Vater war Tierarzt und Jagdliebhaber (ihm hat er als Jutta Schutting in der Erzählung „Der Vater“ 1980 ein liebevolles literarisches Denkmal gesetzt), im Krieg war er in der Kavallerie eingesetzt.
Die Mutter, die schon vor dem sogenannten „Anschluss“ Mitglied des Deutschen Turnerbundes und der NSDAP war, verkehrte während des Krieges mit französischen „Feinden“, fälschte Heimatsurlaubs- und Entlassungspapiere, landete dafür sogar kurz im Gefängnis, war sehr tanzfreudig und lebenslustig, dem „Nüchternheitsjammer der aus dem tausendjährigen Märchen Aufgeschreckten“ entzieht sie sich nach dem Krieg eine Zeitlang durch Messbesuche.
Die Erinnerungssplitter umkreisen Detailbeobachtungen und immer wieder Gerüche und Geschmäcker. An den Bezeichnungen für das Essen lassen sich sogar Erkenntnisse für die Dichtung gewinnen. Das Kind schreibt verbotener Weise mit der linken Hand seine Schulaufgaben, würde aber lieber von dem schreiben, was ihm geschmeckt hat, „Scheiterhaufen, Reisauflauf, Grenadiermarsch“ zum Beispiel. In den Reflexionen des Dichters – an vielen Stellen in den Text gestreut und meist in Klammern gesetzt –, erweist sich die Namensgebung von Gerichten im Krieg „Paniertes Zellerkalbsschnitzel, Fleischlos Faschiertes, Semmelknödel mit einer Art Wildsauce“ als „ästhetische Erziehung durch die Kriegsküche“, denn sie arbeitet mit dem „Wie wenn“ und dem „Als ob“, also dem Vergleich, „von dem die Kunst lebt, die heikle Sphäre der Metaphorik“.

Geruch und Geschmack

Auch im zweiten, viel kürzeren Kapitel „BEHA (‚Wena‘ auszusprechen, Wien in kyrillischer Schrift)“ widmet sich Julian Schutting, der eine Fotografenlehre an der Wiener Grafischen Lehr- und Versuchsanstalt absolvierte und später Geschichte und Germanistik studierte, vor allem sinnlichen Erfahrungen der Jugendzeit im „düsterlichen“ Nachkriegswien. Als Ernährung dienten in kochendem Wasser aufgelöste Pulver, die „eine Rindfleischgeschmack enthaltende Suppe“ ergaben, höchsten Genuss boten Semmeln mit Pferdeleberkäse, die man beim Kriauer Pferderennen gestürzten Pferden verdankte, Apfelsorten, die heute verschwunden sind, und Wasser, das nach Chlor roch.
Lag schon Amstetten in der russischen Besatzungszone, bewegte sich auch der Lehrling in Wien vorwiegend in der russischen Zone, wo man sich in den Usia-Läden versorgen konnte mit Grundnahrungsmitteln und Konserven, wo auf allen Gütern der mohnrote Sowjetstern „wie der Stern von Bethlehem“ strahlte. Schutting bezieht eine differenzierte Position zur russischen Besatzung, setzt kein Vertrauen in die amerikanische Propaganda wie seine Großtante Ida, bekennt aber doch: „(trotz allem damals lieber in amerikanische Kriegsfilme als in sowjetische Naturfilme gegangen)“
Wichtigster Orientierungspunkt ist für ihn die Musik, die Oper, die zunächst im „Theater an der Wien“ eingerichtet wird, wo der Stehplatzbesucher Ljuba Welitsch in „Salome“ und „Tosca“ bewundert. Was er dagegen vermisst, sind „Erinnerungen an Erd-, Brand- und Rußgerüche“, die es in den Bombenruinen gegeben hat, und das hält er für unverzeihlich, „daß du dich im Dahinfedern über / Bretterstege, im Ausschauen nach dem schon / von weitem im Kleindruck erkennbaren Namen, / über Gerüche hinweggehoben hast, an die du dich / heutzutage lieber erinnern wolltest / als an das Veilchen- und Fliederparfum / einer Sängerin!“ Was es dennoch gibt, sind Erinnerungen an das „Rauch- und Nebelgemisch“, an den „wie glosende Braunkohle beißenden Nachkriegsrauch“.
Julian Schutting verdichtet in seinem neuen Buch auf beeindruckend kunstvolle Weise Erinnerungslinien, die zeigen, wie sehr persönliche und politische Geschichte einander durchdringen und wie zersplittert und fragmentarisch unsere Erinnerungen sind.


Zersplittertes Erinnern
Von Julian Schutting
Jung und Jung 2016
87 S., geb., € 18,–
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