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Suchbild mit Katze - 45/2016

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„Und schau hinaus oder, genauer, hinunter“

Peter Henisch legt mit seinem neuen Roman „Suchbild mit Katze“ feinsinnige „Memoiren“ vor.

| Von Maria Renhardt

„All die Fenster, aus denen ich schon geschaut habe. Nicht ganz wenige im Laufe eines Lebens“, resümiert Peter Henisch in seinem neuen Roman „Suchbild mit Katze“. Eine Rückschau auf Fensterblicke? Ja, unter anderem auch das, denn Fenster und Wege dürfen als durchaus bestimmend für diesen Henisch-Text gesehen werden, weil sie zum Katalysator persönlicher Erinnerungen werden.
Tatsächlich ist der Wiener Autor in seinen Büchern immer wieder seinem Leben auf der Spur. Mit der 1975 veröffentlichten Erzählung „Die kleine Figur meines Vaters“ ist Henisch bekannt geworden – mittlerweile eines der wichtigsten Werke der österreichischen Nachkriegsliteratur. Auch die Prosa „Eine sehr kleine Frau“ ist mit den Reminiszenzen an seine Großmutter autobiografisch grundiert. Während der Vater „seine Herkunft ... weitgehend verdrängt“, geht Henisch seinen Wurzeln nach, um Dinge zu klären und Vergangenes im Spiel mit der Fiktion in einem Suchbild zu verorten.
Die Zeit, in die Henisch hineingeboren wird, ist schwierig. Der Vater – er ist jüdischer Herkunft – arbeitet als Pressefotograf, dokumentiert das Kriegsgeschehen und tritt damals sogar der nationalsozialistischen Partei bei. „Er hatte immer wieder Angst, als Jude entlarvt zu werden. Nach dem Krieg hatte er das Problem, Nazi gewesen zu sein“, sagt Henisch dazu einmal im Falter. Die Wörter „Jud“ und „Nazi“ erhalten plötzlich einen peinlichen Beigeschmack, registriert der Junge im Roman. Damals wird für Henisch die Auseinandersetzung mit der eigenen Herkunft unabdingbar: „Dass ich ein Kind bin, werde ich schreiben, vielleicht ein Judenkind, vielleicht ein Nazikind ... Woher kommen wir, wohin gehen wir, wieso ist es so gekommen, was ist davon geblieben?“
Der neue Roman, in dem Henisch auf die Nachkriegszeit zurückblickt, lässt sich somit als Beitrag zu dieser Spurensuche lesen. Behutsam folgt er dem Blickmuster der Erinnerung, in dem Fenster eine innovative leitmotivische Struktur darstellen. Das Gegenwartsfenster auf die Schulgasse bildet den Ausgangs- und fortwährenden Bezugspunkt. Es repräsentiert den Ausschnitt aus der jüngsten „Welt“ im Spiegel des Alltäglichen und im Zusammenleben mit seiner Katze.

Bedeutung der Perspektive

Henisch lässt die Gedanken zurück an Orte gleiten, die sich tief ins Bewusstsein eingegraben haben. Etwa zur Keinergasse 11 im dritten Wiener Gemeindebezirk. Am Erkerfenster dieses „invaliden Hauses“ nimmt der kleine Junge gemeinsam mit seiner Katze seine Position ein: „Die Ellbogen aufs Fensterbrett gestützt, das Kinn in die Hände geschmiegt. Und schau hinaus oder, genauer, hinunter – wir wohnen im Mezzanin.“ Schon das Kind erkennt die Bedeutung der Perspektive, die jeweils einen völlig anderen Über- oder Durchblick bietet. Hier offenbart sich nur scheinbar die Weltsicht eines Jungen, vielmehr ist es eine Sicht, die die Bildquelle thematisiert („Es scheint Sommer zu sein in dieser Erinnerung“) und durch den Filter einer kommentierten Retrospektive läuft („So etwas wie die Wegwerfgesellschaft kann man sich damals noch nicht vorstellen“). Auf jeden Fall zeigt sich hier ein brüchiges, markantes Panorama der 1940er- und 1950er-Jahre: barfuß laufende Kinder, die zwischen Schutthügeln Verstecken spielen, Frauen mit Kopftuch und Männer mit Hüten, Kriegsversehrte mit fehlenden Beinen und dunklen Brillen. Dazwischen rattern Pferdefuhrwerke durch die Straßen. Scherenschleifer bieten ihre Dienste an, Musikanten singen „in einer fremden Sprache“.

Unaufgeregt und feinsinnig

Der Vater des kleinen Jungen hat „die ersten Aufräumarbeiten unter dem in den letzten Kriegstagen eingestürzten Dachstuhl des Stephansdoms“ foto-
grafiert: „Interessante Perspektive: unten die Menschen, die zupacken, Männer und Frauen, entschlossen, die Trümmer wegzuräumen ... Oben die paar übrig gebliebenen, angesengten Dachbalken, durch die man den rauchgeschwärzten Turm und ein Stück hellen Himmel sieht.“ Aber auch Heimkehrertransporte und Aktbilder sind unter den Fotografien, auf die der Vater stolz ist. Wenn die Mutter den Vater auf Pressefahrten begleitet, ist der Junge bei seinen Großeltern mütter-
licherseits. Dort kritisiert der Onkel die lyrischen Anfänge des Neffen, weil seine Gedichte den Reim vermissen lassen. Die „belesene Oma“ väterlicherseits hingegen, „die sich auskennt mit Gedichten“, ist da ganz anderer Meinung.
Anhand des Textes lässt sich auch die Entwicklung neu aufkommender Medien mitverfolgen. Neben diversen Büchern wird das Kino zum wichtigen Erfahrungsbereich, später auch das Radio oder das Telefon. In den Fünfzigerjahren präsentiert Herr Ostry eine Radiosendung vom Fenster hinaus in die Welt schauend: „Eine Welt, von der ich mir erst nach und nach eine Vorstellung zu machen begann. Wo sind wir? In Wien. Einer Stadt, die in vier Zonen geteilt ist ...“ Erst sehr langsam konstituiert sich mit der Unterzeichnung des Staatsvertrags Österreichs Identität – eine „patriotische Herzerhebung“. Theodor Körner wird erster „vom österreichischen Volk gewählter Bundespräsident“, während draußen der Koreakrieg beginnt oder „ein Hund in den Weltraum fliegt“.
Den erzählerischen Referenzrahmen des Romans bildet ein Interview mit einer jungen Frau, mit der Henisch auch über poetologische Konzepte und fiktionale Freiräume spricht. Erinnerungsfenster und Rückblenden reichen, dicht durchwachsen von Austriazismen, fragmentarisch sogar bis in die Zwischenkriegszeit zurück. Die Erlebnisse des quasi autobiografischen Ich-Erzählers – es sind ja doch „Memoiren“ – verschränken sich dabei eindrucksvoll zu einer einfühlsamen, authentischen, zugleich aber auch kritischen Zeitdiagnose. In diesem leichtfüßig gemalten „Suchbild“ belichtet Henisch als Zeitzeuge unaufgeregt und feinsinnig einmal ganz anders historische Puzzleteile der Nachkriegszeit und Österreichs erste Schritte in die Souveränität.


Suchbild mit Katze
Roman von Peter Henisch 

Deuticke 2016, 208 S.,
geb., € 20,60
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