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Die Paradiesmaschine - 45/2016

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Der tiefe Blick in Mördergruben

Ein Gegenmodell zum Unterhaltungswahn liefert Lydia Mischkulnig mit ihrem jüngsten Erzählband.

| Von Anton Thuswaldner

Das Leben verläuft unrund. Glücklich der, der sagen darf, es eiert. Meistens holpert es ganz gewaltig, ohne seelische Verletzungen geht kaum etwas. So sieht es jedenfalls Lydia Mischkulnig, und die muss es wissen. Buch um Buch erzählt sie von den Verschlingungen des Lebens, unerfreulich das Meiste, erschreckend gar vieles. Diese Autorin ist eine Gemütlichkeits-Allergikerin, eine, der man keine Elfriede Jelinek-Hölle für ein Rosamunde Pilcher-Idyll vormachen kann. Tragische Verläufe, schlimme Momente nimmt sie mit einem Schulterzucken hin. Nie hegt sie die Absicht, uns etwas Trost mit auf den Weg zu geben, damit wir besser schlafen und denken, alles wird wieder gut.

Ungerechte Welt

Bei Mischkulnig wird nichts gut, sie bleibt hart. Schlimmer noch, eine zynische Haltung ist ihr nicht fremd. Die nimmt sie dann ein, wenn sich eine ihrer Figuren gerettet meint und einen Glücksschimmer am Horizont als Zeichen für eine bessere Zukunft sieht. Mit Antonella verfährt sie so. Die bleibt wahrlich ausgeschlossen von einem freuderfüllten Leben. Sie schlägt sich als Dulderin durch, verlangt für sich gar nichts. Sie hat einen Mann aufgenommen, einen rechten Versager, den sie betreuen muss, um ihm über seine Unfähigkeit hinwegzuhelfen. Leidlich hält sie sich mit einer wöchentlichen Kolumne über Wasser. Dann kippt Luis um, er wird wohl ein Pflegefall werden. Ihre Kolumne findet sie auch nicht im Blatt, sieht so aus, als wolle man sie abservieren. Zwei Menschen droht der Untergang. Und dann findet Antonella ihre Kolumne auf der ersten Seite: „Sie ist nicht ausradiert, sondern befördert worden.“
Und wie passt das in die so gnadenlose Mischkulnig-Welt? Abwarten! Auf dem Weg zum Besuch im Krankenhaus passiert es. „Antonella steigt auf das Gaspedal.“ Solch ein Satz, bei jemand anderem die Beschreibung eines gewöhnlichen Vorgangs, mausert sich bei Mischkulnig zum Alarm. Der Schlusssatz vernichtet den Ansatz zur Euphorie grausam: „Ja, Antonella lenkt, ohne den Zufall zu achten, nicht wahr?“ Elegant kippt die Autorin ihre Heldin aus der Geschichte und aus dem Leben. Zu früh gefreut, ruft sie Antonella nach. Alles Streben umsonst, die sich abstrampelnden Unglücksraben werden abgestraft. Natürlich ist das nicht gerecht, aber der Vorwurf ist nicht der Autorin zu machen, sie erfindet eine ungerechte Welt ja nicht.
Antonella ist sich für eine kurze Zeit zu sicher. Das muss sie büßen. Mischkulnig steht ja nicht für das Prinzip Hoffnung, sondern füllt das Konzept Verunsicherung mit rauem Erzählstoff. Vielfach erzählt sie von Menschen, die nicht zu sich finden. Sie haben Schwierigkeiten mit der Anpassung, werden überwältigt von einem Zuviel an Zwang und einem Mangel an Freiheit. Das kriegen sogar die Kinder mit, die auf dem Land irgendwo in der Tiefe der österreichischen Provinz wohnen und mitbekommen, wie eine Magd verschwindet. Wahrscheinlich hat sie sich einfach aus dem Staub gemacht, die Gegend verlassen, in der sie nichts als Unterdrückung erfahren hat. Sie wird zu einem Symbol für das andere Leben, von dem die, die daheimbleiben, allenfalls träumen. „Die Gegend rund um den Silo ist paradiesisch, doch haust hier etwas, das Besitz von allem nimmt.“ Die Kinder, noch mehr in der Ahnung denn im Wissen zu Hause, nehmen den Silo „als Aussichtswarte“, der ihnen „einen Ausblick auf ein selbstbestimmtes Leben“ erschließt.
Von Selbstbestimmung ist sonst bei Mischkulnig wenig die Rede. Deshalb stoßen wir an allen Ecken und Enden auf Menschen unter Einfluss. Wenn sie Machtgeschichten auspackt, erwachsen sie nicht aus der Gesellschaft, sondern aus der Schwäche der Individuen.
In den Erzählungen nimmt sich Mischkulnig als politische Autorin sehr zurück. Sie schaut sich einzelne Personen an und gibt diesen eine Geschichte. Zwei treffen aufeinander und schon entsteht eine Spannung. Eine triumphiert, die andere kapituliert, das ist die Regel. Jede wahrt das Gesicht, der Kampf verläuft zivilisiert. Die Wunden, die geschlagen werden, befinden sich innerlich. So sieht man sie nicht. Doris erlebt einen sanften Untergang. Sie fällt in die Hände einer charmanten Kosmetikerin, die ihr Hygieneartikel zu horrenden Preisen aufschwatzt. Das geschieht in einer derart angenehmen Atmosphäre, dass Doris die Kraft zum Widerstand nicht aufbringt im Wissen, dass sie sich damit ruiniert. Eine Zwangsläufigkeit herrscht vor, die Katastrophe verläuft wie auf Schienen. Eine Psychologin würde aus dem Fall ihre Schlüsse ziehen, wie es zu diesem Niedergang überhaupt kommen kann. Mischkulnig spart sich Erklärungen und Kommentare, sie führt schlimme Entwicklungen an ihr tragisches Ende. Sie bestätigt damit nur, dass Moral, Gerechtigkeit und Anstand keine Kategorien sind, mit denen in menschlicher Gesellschaft zu rechnen ist.

Abgeklärte Brutalität

Es ist normal, dass sich ein Erzählband aus gelungenen und schwächeren Geschichten zusammensetzt. Das ist auch hier der Fall. Manche Texte sind rhetorisch angestrengt, bemüht originell, verkommen in Leerlauf. Andere sind richtig stark, treten mit sprachlicher Wucht in Erscheinung und verfügen auch über Figuren und Schicksale, an denen man mit Neugier dranbleibt. Der Schrecken ist die logische Folge, mit der der Leser zu rechnen hat. Etwas Besseres kann einer Autorin nicht passieren, als dass man ihre Erzählungen nicht einfach wegsteckt. Mischkulnig liefert Literatur als Gegenmodell zum grassierenden Unterhaltungswahn – und das mit der staunenswerten Konsequenz einer Radikal-Individualistin.
Früher war mehr Sprachwut. Im Vergleich zu ihren älteren Arbeiten hat sich Mischkulnig jetzt auf eine gemäßigte Behandlung des Wortmaterials eingelassen. Ihre Prosa tobt weniger, muss sich nicht mehr in einem permanenten Sprachüberbietungsschwall beweisen, findet zu einer mehr abgeklärten Brutalität. Das schraubt den Unheimlichkeitsgrad keineswegs zurück. In ihrem Herzen bleibt Lydia Mischkulnig eine, die tief in Mördergruben blickt.


Die Paradiesmaschine
Erzählungen von 
Lydia Mischkulnig

Haymon 2016, 200 S.,
geb.,
 € 19,90
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