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Der verlorene Ton - 45/2016

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Porträt eines verlorenen Milieus

In ihrem jüngsten Roman „Der verlorene Ton“ erzählt Lida Winiewicz ihre Lebensgeschichte neu.

| Von Evelyne Polt-Heinzl

Lida Winiewicz ist eine überaus erfolgreiche Autorin, in der Wahrnehmung des heimischen Literaturbetriebs freilich eher eine Randfigur, der Nähe zu seichter Unterhaltung zugeschrieben wird. Das hat vor allem damit zu tun, dass sie lange Jahre als Drehbuchautorin für das Fernsehen und auch als Mitautorin von Musicals wie „Freudiana“ (1990) arbeitete. Am Theater reüssierten vor allem Dramatisierungen ihres 1986 erschienenen Romans „Späte Gegend. Protokoll eines Lebens“. Mit großem Respekt lässt die Autorin hier eine Mühlviertler Kleinhäuslertochter und spätere Bäuerin ihr Leben und damit ein knappes Jahrhundert Zeitgeschichte von unten erzählen.

Auf Schräglagen zeigen

Winiewicz’ Stärke ist der genaue Blick für die kleinen Unebenheiten des Alltags, die soziale und andere Ungerechtigkeiten und Schräglagen unserer Gesellschaft sichtbar machen. Der 2005 erschienene Band „Alte Dame, grauer Hund“ ist das Protokoll einer Reise durch die USA in der problematischen Sozialrolle der „grauen Wölfin“. Die beiden Prosabände „Geisterbahn“ (2006) und „Katzentisch“ (2009) versammeln Miniaturen aus dem Alltag, und schon hier zeigen sich thematische Obsessionen, die wiederholt nahezu gleichlautend verarbeitet werden. Der Schwerpunkt ihres Schreibens, „wie sich rückschauend herausstellt“, so 
Winiewicz in einem Interview, sei die österreichische NS-Zeit. In 
„Miami Murder Show“, uraufgeführt 2001 am Wiener Volkstheater, geht es etwa um Langzeitfolgen für die Opfer des Nationalsozialismus, denn: „Für die Zerfallszeit der Schäden reicht ein Menschenleben nicht aus. Also werden die Probleme unbewusst an die Kinder weitergereicht“.
2007 erschien ihre Doppelbiografie über ein Geschwisterpaar „Die Kinder gehen in die Oper“. Das Echo war nicht groß, und so wird sich beim eben erschienenen Band „Der verlorene Ton“ kaum jemand erinnern, dass es diese Geschichte in anderer poetologischer Darreichungsform schon einmal gegeben hat. Auch der Verlag gibt keinen Hinweis darauf und kündigt das Buch mit einem Satz an, für den eine der Schwestern im Roman eine veritable Ohrfeige kassiert: „Eine längst verstorbene jüdische Großmutter macht diesen Traum zunichte“.
Der Traum betrifft eine Karriere als Sängerin, und zunichte gemacht wird er eben nicht von der jüdischen Großmutter, sondern von der Arithmetik der NS-Rassengesetze, die 1938 aus zwei Schwestern „Mischlinge zweiten Grades“ macht, denen nach und nach immer mehr verboten ist. Zum Beispiel beim Schulfest ein Schubert-Lied vorzutragen, was die jüngere, Lida – das Alter Ego der Autorin –, mit dem Verlust der „Höhe“ ihrer Stimme bezahlt. Entgegen der Prophezeiungen diverser Gesangslehrerinnen kommt sie nicht wieder, ebenso wenig wie der Vater. Er war mit seiner zweiten Frau, einer wohlhabenden jüdischen Bürgerstochter, zwar rechtzeitig ins Exil nach Frankreich entkommen, aber von dort aus nach Auschwitz deportiert worden.

Familiengeschichte

In „Die Kinder gehen in die Oper“ wird diese Familiengeschichte ohne Gattungsbezeichnung erzählt, perspektivisch aufgeteilt zwischen Wien, wo die Schwestern bei einer überforderten Tante wohnen, der Wiener Staatsoper, wo abends im Stehparterre eine Gruppe bedrohter Jugendlicher Momente der Freiheit und des Glücks erlebt, den Aufzeichnungen des Vaters von den Exilstationen in Frankreich und so banalen wie folgenreichen Fakten der großen Geschichte. Die Kapitelschlüsse funktionieren alle nach dem – nur im dritten Teil wechselnden – Muster: „Der Vater macht das Heft zu. / Tante Frieda legt Patience. / Die Firma Topf & Söhne, Erfurt, liefert die bestellten zwei Stück Doppelmuffel-Leichen-Einäscherungs-Öfen. / Die Kinder gehen in die Oper.“
Nun erzählt die Autorin ihre Lebensgeschichte neu, mit dem Etikett Roman versehen und zugleich auf die Perspektive der jüngeren Schwester Lida konzentriert. Gleich zu Beginn begegnen wir ihr – und damit der Autorin – als alte Dame, die das Haus ihrer frühen Kindheit in Hietzing besucht. Damals war das gutbürgerliche und freigeistige Familienleben noch in Ordnung. Der liberale, weltoffene und ein wenig leichtlebige Vater, Beamter der DDSG, die musikalische Mutter, das warmherzige Kindermädchen Judy und die Katze Graupi. Mit dem frühen Tod der Mutter beginnt die Idylle zu erodieren. Zwar bemüht sich der 
Vater mit Ritualen und fantasievollen Spielen für Kontinuität und Geborgenheit zu sorgen. Aber mit seiner Wiederverheiratung beginnen dann die klassischen Stiefmutter-Abwehrkämpfe der Kinder – so ungerecht wie nachvollziehbar.

Ohne Sentimentalität

Was Winiewicz gelingt, ist das Porträt eines Milieus, das durch den Exodus von 1938 weitgehend verloren ging. Eine bürgerlich liberale, humanistische Atmosphäre, die Kindern lange vor dem Ende der schwarzen Pädagogik eine selbstbewusste Entwicklung ermöglichte, bis die Zeitgeschichte für einen radikalen Bruch sorgte. Durch die Einbeziehung der Schicksale von Onkeln und Tanten, Lehrern und Nachbarn entfaltet sich die ganze Bandbreite der Verhaltensoptionen unter dem Terrorregime, in den Luftschutzkellern und dann in den Jahren der Not der ersten Nachkriegszeit. Gesehen wird das alles aus der Perspektive des heranwachsenden Mädchens und bleibt trotzdem ohne Sentimentalität und vor allem ohne falsche Naivität – wohl auch, weil für Jugend und Pubertätssorgen schon im Erleben weder Zeit noch Raum blieben.


Der verlorene Ton
Roman von Lida Winiewicz
Braumüller 2016
200 S., geb., € 22,–
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