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Aus dem Leben der infamen Menschen - 45/2016

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Talfahrt Wirtschaftswunder

Peter Zimmermann schreibt mit „Aus dem Leben der infamen Menschen“
einen Gesellschafts- und Familienroman.


| Von Erich Klein

Am Anfang steht ein abs-traktes Bild aus irisierenden Farben und Formen, das Ort und Zeit des Geschehens verrät: „Das Licht ist gelb und fällt schräg ins Dunkle, die Nacht ist voll gelber, weißer, roter und grüner Flächen und Punkte und Schlangen, die zu Wörtern verknotet sind.“ Auf den für die 1950er- und 1960er-Jahre typischen Leuchtreklamen ist sogleich „Telefunken“ oder „Kaloderma“ zu lesen, die Stadt selbst, in der sich das Leben von drei Fauland-Generationen abspielt, bleibt bis zum Ende namenlos. Den Regeln des Film noir entsprechend tritt eine Figur aus düsterem Hintergrund und stößt eine Drohung aus: „‚Doktor Eisenmenger‘, sagt Fauland forsch, als habe er den Namen überhört, ‚das ist mein letzter Anruf …‘.“ Wenig später wird am Rand der Stadt ein schlafendes Kind mit aufgesetztem Schuss in die Schläfe ermordet.
Der Autor und Literaturkritiker Peter Zimmermann macht in seinem fünften Roman von Anbeginn klar, dass er die Gesetze des Krimi-Genres nicht nur virtuos beherrscht, sondern damit auch zu spielen weiß: Mehr als nur Krimi ist „Aus dem Leben der infamen Menschen“ ein Gesellschaftsroman über die Zeit des Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg, ein Familienroman über jene Ära, da der Niedergang der einstigen Keimzelle der Gesellschaft besiegelt war.
Was üblicherweise als Wirtschaftswunder beschrieben wird, erweist sich hier als rasantes Schlittern in totale Heruntergekommenheit. Nach vollbrachter Tat feixen die beiden Mörder in ihrem gepolsterten Opel Kapitän vergnügt: „‚Jedes Jahr dasselbe‘, sagt Mosgöller, als er zur Fahrerseite des Opel geht. ‚Was?‘, fragt Fauland. ‚Weihnachten.‘“ Die Leuchtreklamen der Stadt funkeln: „Die Großen der Gegenwart tragen Rolex-Uhren.“
Was der Grund für die bestialische Ermordung des David Grünwald ist, stellt sich erst sehr viel später heraus – dessen Vater war Faulands und Mosgöllers Kommandant im Zweiten Weltkrieg, ein rücksichtsloser Partisanenbekämpfer in den weißrussischen Pripjet-Sümpfen, der damals noch Eisenmenger hieß, eine schwarze Uniform trug und obskuren Handel mit Morphium betrieb. Der ehemalige SSler gab sich nach Kriegsende als Jude und Opfer aus und ist nunmehr Konkurrent im Wettgeschäft, beim Handel mit Drogen und Huren – er verdiente einen Schuss vor den Bug. Neben raschem Profit und Vergnügen lautet das moralische Gesetz der Nachkriegszeit für alle Beteiligten mit deutlichem Bezug nach oben und als sarkastische Parodie auf Kants „gestirnten Himmel über mir“: „Wega steht in der Leier, und der Geier steht im Weg, Deneb liegt im Schwan, und wer im Weg steht, der ist dran.“
Ein gutes Dutzend Figuren wird in diesem düsteren Wiederaufbauroman ein- und vorgeführt: Da finden sich ein ominöser „Sparverein“, der im Hintergrund alles deckt; die Musikerstars der 1950/60er-Jahre, Musiker Bert Kämpfert und Bully Buhlan, die in der Warenhauskette des angesehenen Kaufmannes Fauland für stimmungsvollen Glamour sorgen; ein zweifelhafter Anwalt namens Zwicky tritt mehrfach auf den Plan. Und dann sind da die Frauen der Protagonisten und ihre erfolglosen Ausbruchsversuche in Krankheit, Drogen und Sex. Ella, Faulands Frau, ist alkoholabhängig, Tochter Rita ist Kleptomanin und räumt die Supermarktregale des Vaters leer; schließlich trifft da noch die mysteriöse Greta in einem Amsterdamer Hotel auf Achim, Faulands Enkel. Der künftige Erbe des Firmenimperiums hält vor Staatsanwälten einen Vortrag über Berufsethik, hat aber zum Privatvergnügen en passent die Kreditkarte einer Kollegin geklaut und im Bordell achttausend Euro verprasst. Was diese abstruse Sozietät zusammenhält? „Wenn sie von Familie sprachen, meinten sie Männer, mit denen man etwas auf die Beine stellen konnte. Abhängigkeitsverhältnisse und Loyalität. Mit Gefühlen ließ sich nichts verdienen.“

Spannung durchgezogen

Zimmermann belässt es bei den vielen Standortwechseln zwischen Wörthersee und Berlin, Italien, einem südamerikanischen Land und der immer wiederkehrenden namenlosen deutschen oder österreichischen Stadt als Hauptschauplatz bei Andeutungen; dennoch verfallen die atmosphärisch dichten Beschreibungen und Vexierspiele seiner Figuren, die sich bisweilen in bernhardesk lange Gesprächstiraden ergehen, nie in monotone Langeweile. Spannung wird geschickt aufrechterhalten, auch wenn am Ende kein Rätsel eines Kriminalfalles gelöst wird. Oder doch? Genügt nicht auch der Befund, der sich im Gespräch zwischen Grünwalds Tochter und dem Erben Achim ergibt: „Die Taschendiebe von früher sind pensionsberechtigte Bankbeamte geworden, das ist das feine Wirtschaftswunder der Herren Erhard und Adenauer. (…) Niemand lacht mehr, man lacht nur mehr andere aus oder man lacht über etwas, über dicke Komiker zum Beispiel, die über ihre Verdauung witzeln und altkluge Kinderreime schmieden.“
Peter Zimmermanns „Das Leben der infamen Menschen“ macht es dem Leser nicht leicht. Das Buch bietet nicht, wie im Krimi üblich, Spannung und Erlösung – vielmehr bewirkt es neugieriges Warten auf das Eintreten eines schrecklichen Erlebnisses, das im Traum vielleicht zu einem Happy End geführt hätte. Aber vermutlich ist im Leben infamer Menschen auch nichts anderes zu erwarten.


Aus dem Leben der infamen Menschen
Roman von Peter Zimmermann
Milena 2016
262 S., geb., € 23,–
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