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Ein deutsches Leben - 14/2017

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Verhohlene Bewunderung. Leises Erkennen

„Ein deutsches Leben“: Die 102-jährige Brunhilde Pomsel, Sekretärin von Joseph Goebbels, erzählt in einem beeindruckenden Dokumentarfilm aus ihrem Leben.


| Von Otto Friedrich

Über Goebbels kann ich nur noch sagen, er war ein ausgezeichneter Schauspieler. Er war ein guter Schauspieler. Und die Verwandlung eines wohlerzogenen, seriösen Menschen in einen wüsten Krakeeler kann kaum ein Schauspieler besser vollziehen als er […] Wenn man das so erlebt hat, wie ein Mensch, den man fast täglich, wenn er im Büro war, sah – gepflegt, vornehm, fast edle Vornehmheit – und da dieser tobende Zwerg …“

„Wollt ihr den totalen Krieg?!“

Die hier zitierte Beobachtung des Propagandaministers anlässlich seiner berüchtigten Sportpalastrede in Berlin 1943, wo Joseph Goebbels sein „Wollt ihr den totalen Krieg“ dem Auditorium entgegenschleuderte, stellt eine Schlüsselpassage des Films „Ein deutsches Leben“ dar. Wie Brunhilde Pomsel, damals Sekretärin bei Goebbels im Ministerium, da zwischen verhohlener Bewunderung und leisem Erkennen über den mörderischen Charakter des NS-Oberpropagandisten hin- und herschwankt, ist typisch für den exzeptionellen Dokumentarfilm. Und ein Zeitzeugnis ersten Ranges.
Mit 102 Jahren stand die 1911 geborene Pomsel dem vierköpfigen Regieteam – Christian Krönes, Olaf S. Müller, Roland Schrotthofer und Florian Weigensamer – Rede und Antwort. Im Jänner 2017 ist sie 106-jährig verstorben.
Was die gefilmten Erzählungen der Brunhilde Pomsel so bestechend macht, ist ihre Präzision und auch das Konzise an ihrer Narration. Ein unheimlicher Glücksgriff, dieser Zeugin des Alltags an der Spitze des NS-Systems via Film begegnen zu können. Pomsel erinnert sich gar noch an den Ersten Weltkrieg und vor allem an seine Folgen, sie erzählt von der Anstellung bei einem jüdischen Versicherungsmakler, von der sie in ihrem Empfinden ohne Bruch nach der NS-Machtergreifung als Sekretärin beim Reichsrundfunk landet, um dann ab 1943 bis zum Untergang des Dritten Reiches im Vorzimmer von Joseph Goebbels tätig zu sein.
Nach dem Krieg war Pomsel bis 1950 in sowjetischen Lagern interniert – unter anderem in den ehe--
maligen KZs Buchenwald und Sachsenhausen. Danach war sie bei 
der ARD als Chefsekretärin tätig – bis zu ihrer Pensionierung 1971.

Zweierlei Methodiken

Zweierlei Methodiken der Filme-macher tragen wesentlich dazu bei, dass aus Pomsels Auslassungen ein derart eindrücklicher Film geworden sind. Die eine ist die gerade-zu gespenstisch wirkende Ausleuchtung der Gesprächs-szenerie, die jede Falte der Protagonistin in dem schwarzweiß gestalteten Film zur Geltung kommen lässt. Neben der Stimme spricht das Gesicht – und das allein erzählt von einem Leben, das heute unvorstellbar scheint.
Die andere Methodik ist die völlige Zurücknahme der Fragesituation: Man sieht die Fragesteller weder im Bild noch hört man das, was sie fragen. Nur der O-Ton von Brunhilde Pomsel gestaltet den Film. Als einziges unterteilen sparsam eingesetzte Film- und Ton-Ausschnitte von Propagandamaterial der Nazis (inklusive der berüchtigten Sportpalastrede von 1943), aber auch US-amerikanischer Dokumentarfilme von der Befreiung der KZs, die unmittelbar nach Kriegsende den Deutschen gezeigt wurden.
Diese Einschübe halten einerseits als Einteilungsprinzipien her, anderseits stellen sie leise in Frage, was Pomsel sich und der Nachwelt weiszumachen sucht. Denn die Erinnerungen, die sie sich hier zurechtgelegt hat, und die historische Wahrheit sind mit Sicherheit oft genug nicht -deckungsgleich.

Der Sinn von Oral History

Es ist ja nicht der Sinn von Oral History, wie es auch der Dokumentarfilm „Ein deutsches Leben“ darstellt, die historische Wahrheit objektiv wiederzugeben. Sondern es geht auch in diesem Film darum, die Denkweise und die Aufarbeitung eines Lebens aus dem Munde jener zu erfahren, die ein derartiges Leben gelebt hat. Dass sie von der Judenvernichtung erst nach dem Krieg gehört hat, und dass sie an sich selber und an ihrem Verhalten keine Schuld erkennen kann, passt in dieses Szenario.
Die Regisseure kommentieren diese Einlassungen nicht. Aber sie konterkarieren mit den eingeschobenen Filmsequenzen doch jede biografische Behübschung – und halten den Zweifel wach, ob sich Brunhilde Pomsel da nicht doch in den Sack lügt oder sich ihre Vergangenheit so zurechtzimmert, dass 
sie keine wirkliche Verantwortung dafür zu übernehmen braucht. (Man kann Pomsels Erörterungen auch im gleichfalls beeindrucken-den Buch zum Film nachlesen.)
Dennoch lag den Filmemachern keineswegs daran, ihre Protagonistin plump vorzuführen und zu verurteilen. Ein Moment dieses Dokumentarfilms ist zweifelsohne auch, den Zuschauer zur Reflexion darüber zu bringen, wie er in analogen Szenarien des Lebens zu handeln imstande wäre. Wer ehrlich ist, wird konsta-tieren, dass der Grat zwischen 
kaum ertragbarer Selbst-bezich-tigung und der Lebenslüge sehr schmal ist.


Film:

Ein deutsches Leben
A/D 2016. Regie: Christian Krönes, Olaf
S. Müller, Roland Schrotthofer, Florian Weigensamer.
Polyfilm. 113 Min.


Buch:
Ein deutsches Leben
Was uns die Geschichte von Goebbels’ Sekretärin
für die Gegenwart lehrt.
Von Brunhilde Pomsel und Thore D. Hansen,
Europaverlag 2017.
208 Seiten., geb.
€ 19,50
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