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Arbeiterroman - 14/2017

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Erneut Eintauchen in den Schlosser-Clan

Längst verschwimmen im Schlosser-Zyklus Fiktion und Realität: Ausführlich berichtet Gerhard Henschel im siebten Band „Arbeiterroman“ von sich, intensiv breitet er Briefe und Dokumente aus und lässt doch vieles im Verborgenen. Ein Bravourstück des Erzählens.

| Von Rainer Moritz

Zu einem der ungewöhnlichsten Projekte der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur setzte Gerhard Henschel mit seinem 2004 veröffentlichten „Kindheitsroman“ an – das Präludium, den umfangreichen Briefroman „Die Liebenden“, eingerechnet. Detailbesessen machte er sich fortan daran, ein Bild seines eigenen Lebens nachzuzeichnen. Mittlerweise ist Henschels sehr autobiografisch geprägter Ich-Erzähler Martin Schlosser vielen Lesern ans Herz gewachsen, und mit Ungeduld wartet man darauf, lesend wieder in den Schlosser-Clan eintauchen zu dürfen.
Mit dem „Arbeiterroman“ liegt nun der siebte Band dieses Unterfangens vor. Und nach rund 4000 Seiten, Martin Schlosser hat immerhin sein 28. Lebensjahr erreicht, sind wir im Jahr 1990 angelangt. Reale und fiktionale Figuren sind kaum mehr auseinanderzuhalten, und Henschels Verlag treibt dieses Spiel munter voran und lädt zum Kaffeeplausch mit Tanten und Kusinen ein, die dem Autor bereitwillig als Romanvorlage dienten.

Ein sogenannter freier Schriftsteller

Im „Arbeiterroman“ schickt sich Martin Schlosser an, seinen Lebensplan – allen Unkenrufen der Familie zum Trotz – zu realisieren. Sein Studium hat er abgebrochen, um sich als sogenannter freier Schriftsteller zu etablieren. Zusammen mit seiner sozialpädagogisch-esoterisch angehauchten Freundin Andrea lebt er in einer preisgünstigen Wohnung in Oldenburg, und da es mit den Autoreneinkünften noch nicht weit her ist, jobbt er als Hilfsarbeiter in einer Spedition und später als Kellner in einem verruchten Lokal. Mit bewundernswürdiger Beharrlichkeit lässt er sich von nichts und niemandem von seinen Vorstellungen abbringen. Er steckt es weg, dass Verlage seine Manuskripte mit Standardfloskeln ablehnen und sich Weggefährten dafür entscheiden, vergnügungsarme Brotberufe zu ergreifen. Für Martin ist ein solcher Kompromiss undenkbar: „Allen Träumen abschwören? Und vierzig Stunden die Woche bei Rhenus ackern? Bis zur Rente? Für mich wäre das der Tod gewesen.“
Gegenwind erfährt Martin naturgemäß aus seinem Elternhaus, vor allem von seinem Vater, einem verbitterten Ingenieur im Ruhestand, der als Kind des Wirtschaftswunders allein einen bürgerlichen Beruf als Sprungbrett zu Reichtum und Erfolg akzeptiert und seinem Sohn vorrechnet, was er in dessen Alter bereits vorzuweisen hatte. So sehr sich Martin dadurch angegangen fühlt, so wenig denkt er daran, dem Vater und den Seinen dauerhaft den Rücken zu kehren. Die Familienbande sind eng verflochten in den Schlosser-Romanen, und einen Großteil ihrer Komik ziehen sie aus den haarsträubenden Konflikten innerhalb des weit verzweigten Clans. Vater Richard und Mutter Inge sind ein sich gegenseitig zerfleischendes Paar, das Elizabeth und Richard Burton nachzueifern droht: da der vor Wut zerfressene Vater, der sich in seinen Hobbykeller verkriecht und ständig etwas zu renovieren hat, da die weltoffene Mutter, die ständig daran denkt, den unleidlichen Ehemann und das gemeinsame Heim im niedersächsischen Meppen zu verlassen.

Inventarisierung von Alltagsphänomenen

Henschel strukturiert seinen Roman in vertrauter Weise: Meist kleine Erzählblöcke folgen der Chronologie der Ereignisse und legen ein Netz von wiederkehrenden Themen und Motiven aus. So sind wir rasch vertraut mit dem Vielleser Martin, der Karl Kraus’ „Fackel“ in Gänze studiert, auf Arno Schmidt und Eckhard Henscheid schwört, Bob Dylan hört, in Konfliktsituationen Zuflucht in der Badewanne sucht, alkoholischen Getränken, klassisch bürgerlichen Gerichten wie Rindsrouladen und Putenoberkeulengulasch (was für ein Wort ...) und Sex sehr aufgeschlossen gegenübersteht. Die Inventarisierung der Alltagsphänomene – Fernsehserien, Filme, Gebrauchsgegenstände, die zur „Grundausstattung“ der Bundesrepublik Deutschland gehören, machen den Schlosser-Zyklus zu einem faszinierenden Abbild dieser Epoche.

Reichlich Unglück

So wird auch der „Arbeiterroman“ zum Zeugnis eines deutschen Provinzalltags, der durch die eintretenden politischen Groß-ereignisse – der Mauerfall, die Wiedervereinigung – ungeahnte Erschütterungen erfährt. Martin Schlosser registriert das alles sehr genau und bleibt dabei der Lakonie seiner Beschreibungen treu. Sein Erfinder ist kein Autor, der zu einer allzu intimen Nabelschau seiner Gefühle neigt. Und genau darin liegt ein eigentümlicher Aspekt seines neuen Romans. Denn von den üblichen Erniedrigungen des zurückgewiesenen Jungautorenlebens abgesehen, halten diese Jahre reichlich Unglück bereit: Ein arbeitsloser Vetter bringt sich um; seine Freundin Andrea verlässt ihn und seine Mutter wird ihre Aufbruchspläne nicht mehr umsetzen können: Sie erkrankt an Krebs, stirbt qualvoll und lässt einen Mann zurück, der am Totenbett seiner Frau verzweifelt und vom jahrelangen Ehedesaster nichts mehr wissen will.
Wie Gerhard Henschel die Trauer über den Verlust der Mutter ohne jede Sentimentalität in seinen Roman integriert, wie er en passant notiert, dass sein Vater ihn seit einem Vierteljahrhundert nicht mehr umarmt habe, ist ein Bravourstück eines Erzählens, das seine Wirkung durch Dezenz erzielt. Es mag paradox klingen: Je ausführlicher Henschel von sich erzählt, je intensiver er Briefe und andere Dokumente ausbreitet, desto mehr scheint er zwischen den Zeilen zu verbergen. Dass Martin Schlosser wie ein offenes Buch vor uns stünde, ist eine Illusion, sein Innenleben bleibt trotz allem ein Geheimnis. Das untergründige Faszinosum dieser Romanfolge wird sich in den kommenden Bänden weiterverfolgen lassen. Der sein Schriftstellerleben akribisch planende Gerhard Henschel ist sich über die Titel seiner Fortsetzungen längst im Klaren: Dorf-, Großstadt-, Frauen-, Heide- und Spannungsromane sollen folgen, ehe er – sagen wir: in fünfundzwanzig Jahren und ungebrochene Schaffenskraft vorausgesetzt – mit einem „Altersroman“ und einem „Arzt-roman“ dieses Mammutwerk abschließen will. Spätestens dann werden erzählte Zeit und Lebenszeit des Autors zusammenfallen – tröstliche Aussichten.


Arbeiterroman
Roman von Gerhard Henschel
Hoffmann und Campe 2017

528 S., geb.,
€ 25,70
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