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Zwanzig Lewa oder tot - 13/2017

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Eine besondere Art der Landes-Kunde

Karl-Markus Gauß hat Osteuropa bereist: In „Zwanzig Lewa oder tot“ verflicht er Geschichte, Reportage und Biografie zu einem emphatischen Appell, Kultur und intellektuelle Ressourcen auch „flussabwärts“ der Donau in ein europäisches Narrativ miteinzubeziehen.

| Von Walter Grünzweig

Jahrzehntelang bin ich in den Büchern von Karl-Markus Gauß an die inneren und äußeren Ränder Europas gereist. Immer wieder war ich erstaunt und erschrocken, was ich alles nicht über Städte und Länder, vor allem aber Regionen meines Kontinents wusste. Bei Gauß lernt man Völker kennen, von denen man noch nie gehört hat; Sprachen, die einem nicht nur unverständlich sind, sondern bislang unbekannt waren; und Minderheiten, deren Existenz oder Überleben man nie für möglich gehalten hätte. Auch für Gruppen, die inzwischen nicht mehr existieren, findet dieser Autor aus Salzburg, nach Eigendefinition ein „alter Friedhofsgänger“, genügend Spuren für deren Existenz und deren kulturelle Anliegen. Was Gauß in seinem neuen Buch über den „pannonischen Juden“ und „Fremdling unter Fremden“, Danilo Kisˇ, sagt, gilt offensichtlich auch für ihn selbst: „Wie notwendig er ist, dieser Versuch, erinnernd, halluzinierend, schreibend die ausgelöschte Welt noch einmal zu erschaffen, ein Versuch, der niemals gelingen kann und niemals zu einem Ende kommen darf.“

Einzigartige kulturelle Diplomatie

Aber es geht nicht nur um ausgelöschte Welten, sondern vor allem um existierende unbekannte, in die die ausgelöschten kräftig hineinspielen. Denjenigen, die sie gar nicht kannten oder bestenfalls in ihrer „folkloristischen Prostitution“ erfuhren, öffnet er sie und erschafft sie dabei vor dem Hintergrund seines enormen Wissens, seiner umfassenden Recherchen und seiner vielfältigen Erfahrungen neu. Seine kulturelle Diplomatie ist einzigartig. Die Darstellungen sind so aufschlussreich und überzeugend, weil sie auf intensiven Dialogen mit Schriftstellern – Lyrikern, Romanciers, Essayisten, Übersetzern – beruhen. In seinen vielen Gesprächen eröffnen sich Zugänge und privilegierte Einsichten zum historisch geprägten Selbstverständnis dieser Kulturen.
Es ist eine besondere Art der Landes-Kunde, die Gauß hier betreibt. Literarische Texte werden zu kulturellen Dokumenten; Biografien zu Symbolen und Metaphern für Ethnien und Nationen; Denkmäler zum Ausdruck geheimer Wünsche und Sehnsüchte, die sich oft gegen die Intentionen der Schöpfer und Errichter wenden. Die vielen Autoren, Philosophen oder Künstler, die auf den Schildern der Straßen und Plätze stehen, die Gauß besucht, sind aufmerksam registrierte Mit-Bewohner, die zu den vielstimmigen Geschichten der besuchten Landschaften und Orte beitragen.

„Das Vergessen verordnet“

Das neue Buch führt zunächst in die Moldau (nicht „Moldawien“, wie der Autor unter Hinweis auf eine falsche Übersetzung deutlich macht). Literarisch gesehen ist es die intensivste und für die meisten Leser wohl auch exotischste Reise. Es ist ein Land voller Widersprüche, wo man – Erbe der sowjetischen Periode – die rumänische Nationalsprache oft in kyrillischer Schrift schreibt; wo das christliche Turkvolk der Gagausen nach seiner Identität sucht; und wo handelstüchtige Roma Paläste errichtet haben, deren Ursprung oft in der Traumfabrik Hollywood liegt. Der Reisende begegnet auf Schritt und Tritt merkwürdigen Varianten der Ästhetisierung – einem perfekt ausgestatteten, blitzsauberen Bahnhof fast ohne Züge und Reisende; Städten, die in ihrer beispiellosen Hässlichkeit schön sind; und dem permanent militärisch bewachten „Complexul Memorial Eternitate“, bei dem nicht klar ist, was genau der ewigen Erinnerung anheimfallen soll. Woran man sich allerdings wirklich erinnern sollte, so Gauß in sehr expliziter Sprache zum Schluss, ist, dass Bessarabien „im Zweiten Weltkrieg ein einziges Schlachthaus war“.
Die zweite Reise führt in die Vojvodina, genauer gesagt in die Batschka, und sie ist bio-grafisch geprägt. Gauß’ Interesse an ethnischen Minderheiten im Allgemeinen und speziell dem europäischen „Osten“ hat biografische Gründe – er ist Kind donauschwäbischer Eltern, die 1944 flüchten mussten. Mit der Reise nach Futog bei Novi Sad, dem Heimatort seiner Mutter, wendet er sich, nachdem er halb Europa durchquert und aufgeschrieben hatte, in diesem Buch nun endlich dem Ursprung seiner literarischen Spürtätigkeit zu, der Familiengeschichte, die er, wie viele unserer Generation, lange beiseitegeschoben hatte. Nach dieser sehr autobiografischen Reise kann er seiner inzwischen verstorbenen Mutter mitteilen: „Ja, jetzt bin ich hierhergekommen.“
Die dritte Reise führt nach Zagreb – für den Autor eine Rückkehr. Kroatien ist Anlass zur Reflexion nationaler Fiktionen. Seit der Unabhängigkeit wurde hier „das Vergessen verordnet“, unter anderem sollte verdrängt werden, „dass hier ein genuin kroatischer Faschismus gewütet hatte“. Bitter stellt Gauß in einem der eindrücklichsten Sätze des Buchs fest: „Nationalisten können sich ja immer erst auf die Vergangenheit ihrer Nation berufen, wenn sie diese vorher gründlich verfälscht haben.“ Schlimmer noch, es sei schockierend, „wie wenig gerade die Nationalisten von der Geschichte ihrer Nation wüssten“. Hier findet sich eine der interessantesten der vielen kleinen Biografien des Buches, nämlich die von Ina Jun-Broda, einer jüdisch-kroatisch-österreichischen Lyrikerin und Übersetzerin, deren Familie in einem kroatischen Lager ermordet wurde. Die einstige Freundin Miroslav Krlezˇas, jahrelang als Mittlerin zwischen Österreich und Jugoslawien tätig, fiel jedoch der Vergessenheit anheim und publizierte ihre Artikel zum Schluss, wie Gauß mit feiner Ironie feststellt, „nur mehr im Wiener Tagebuch, dem intellektuellen Zentralorgan der von ihrer Partei abgefallenen Kommunisten, und der Furche, einer Wochenzeitung für die in ihrer Kirche unglücklich gewordenen Katholiken“. Ein sehr indirektes und ungewöhnliches Kriterium für Qualitätsjournalismus.
Das letzte Kapitel spielt in Bulgarien. Der Titel des Buches bezieht sich auf ein Erlebnis mit einem Bettler, der unter Hinweis auf seine angeblich lebensbedrohliche Situation ein Almosen erlangen möchte. (Gauß ist ein Reisender mit beneidenswerten Zufallsbekanntschaften.) Katastrophaler noch als die Armut des Landes scheint der umfassende imperiale Einfluss des „Westens“, ein an die postkoloniale Theorie gemahnendes Thema, das das ganze Buch durchzieht. In einer bemerkenswerten Metapher wird das Land als „Museum der ausrangierten Zukunft“ bezeichnet, in dem Shoppingmalls „bereits als Ruinen erbaut werden“, weil „Kaufhausketten aus dem Westen, in denen um westliche Preise westliche Waren an die Kunden aus dem Osten verkauft wurden“, diesen Kunden dann doch nicht gerecht werden.

Begegnung mit Kultur und Alltag

Das apokalyptische Bild des „fabriksneuen Verfallenen“ macht den hegemonialen Westen zum Schuldigen in einem Prozess, der die Deklassierung vieler Regionen nach der Wende noch beschleunigt hat – in der EU und außerhalb. Die neue Orientierung auf einen hemmungslosen Konsumismus zerstört die kulturellen und geistigen Werte, die in den Begegnungen des Autors mit Kulturschaffenden und Alltagsmenschen auf der Straße thematisiert werden. Die -enormen, im Westen weitgehend ignorierten kulturellen Leistungen der Region, die etwa im Werk des kroatischen Schriftstellers Miroslav Krlezˇa zum Ausdruck kommen, zählen nicht mehr – nicht bei „uns“ und inzwischen auch nicht mehr „dort“.
Gauß’ Bücher erinnerten immer schon daran, dass die Europäische Union nicht mit Europa gleichzusetzen ist. Sie machten auf „randständige Länder unseres Kontinents“ aufmerksam, wobei das paternalistische Konzept einer „abgehängten Provinz“ Europas natürlich vor allem unser eigenes problematisches mentales Produkt ist. In der gegenwärtigen Phase der Desintegration produziert dieses neue Werk jedoch unmittelbare Betroffenheit, da die beschriebenen Prozesse näher an uns herangerücken. Auch wenn er das nicht explizit sagt, ist Gauß’ Buch ein emphatischer Appell, in die anstehenden Diskussionen über ein über das Ökonomische hinausgehendes europäisches Narrativ auch die kulturellen Erfahrungen und intellektuellen Ressourcen „flussabwärts“ (auf die Donau bezogen) einzubeziehen, die – obwohl das viele vergessen haben – auch unsere eigenen sind.


| Der Autor unterrichtet Literatur- und Kulturwissenschaft an der Technischen Universität Dortmund und ist Privatdozent an der Karl-Franzens-Universität Graz. |

Zwanzig Lewa oder tot
Vier Reisen
Von Karl-Markus Gauß

Zsolnay 2017
208 S., geb.,

€ 22,70
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