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Ritus und Rita - 12/2017

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Prosa mit wild wuchernden Traditionen

Bodo Hell auf den Spuren von Heiligen und Reliquien: In der Wiener Alten Schmiede präsentierte er sein neues Buch „Ritus und Rita“, Götz Bury stellte Kunst dazu und Brigitte Schwens-Harrant sprach die Einführung. Leicht gekürzter Abdruck ihrer Rede.

| Von Brigitte Schwens-Harrant

Ein schmales Büchlein, und was für ein großes Projekt. So banal wie wahr könnte ich beginnen. Was den Autor Bodo Hell seit Jahren umtreibt und in Titeln wie „Nothelfer“ oder „Matri Mitram“ bereits ausschnittshaft Buch geworden ist, scheint mir wie ein Fass ohne Boden.
Oder anders: Wer einmal anfängt, den Heiligen nachzustellen, den wirft’s leicht aus der Bahn. Der kann keiner geraden Linie mehr folgen, sondern der muss sich zerfransen, der muss mäandern: durch Kunst- und Kulturgeschichte, durch Redensarten und Ortsnamen, mit Bauernkalendern und Monstranzen. Und dieses Mäandern hat Auswirkungen auf die Form. Chronologie, lineare Logik, Abgeschlossenheit, Widerspruchslosigkeit – all das wäre hier fehl am Platz.
Bodo Hell hat eine derartige Fülle an recherchiertem Material zur Verfügung, dass er es teils wie nebenbei antippt, anstreift, dann wieder einem Faden nachgeht, bevor er ihn fallenlässt, um einem anderen Faden zu folgen. Bilder und Reliquien, Hennen, Eier und Knochen begegnen da, und zwar nicht irgendwelche Knochen, sondern von Heiligen oder von ihnen zumindest berührt, was sie auch ein bisschen heilig macht und ihnen dann seltsame Zauberkraft verleihen kann: zumindest wird diese erzählt. Und Erzählen ist bekanntlich performativ.

Kraft der Fiktionen

Widersprüche, wohin man nur schaut, denn von manchen Heiligen gibt es mehr Schädel als Menschen normalerweise zwischen den Schultern tragen; die Splitter von Christi Kreuz ergeben in Summe, so ein Bonmot, einen ganzen Wald – doch all das tut der Kraft der Fiktion keinen Abbruch. Ganz im Gegenteil.
Vielleicht sind alle Heiligengeschichten eine einzige Geschichte, in vielen Variationen und mit derselben Funktion: Krisen zu bewältigen etwa, eine Gemeinschaft zu festigen – diese Zauberkraft von Erzählungen ist uns selbst in säkularen Zusammenhängen vertraut. Die sinnstiftenden Kräfte von Narrationen sind durchaus ambivalent, denn sie können so oder so zum Einsatz kommen. Auch Kriege wurden dafür schon geführt.
Auf den ersten Blick könnte man meinen, was Bodo Hell da tut, dieses Sammeln und Versammeln, das Suchen und Verschränken, sei traditionell, womöglich traditionalistisch, und vielleicht auch sehr regional. Doch was heißt hier regional, und was ist traditionell?
Sicher, die Heiligen sind von jeher eng mit Orten verbunden, sie zu schützen wurden sie oft als Heilige installiert. Sie hatten nicht nur Kapellen und Kirchen in ihrer Obhut, sondern auch Städte, Landschaften, Berufsgruppen. Aber sehr ortsansässig scheinen sie mir nicht. Ihre Knochen wanderten – sie wurden gestohlen, verkauft und gefälscht –, ihre Geschichten wanderten auch. Und wenn Bodo Hell hier auf jeweils wenigen Seiten auch von Heiligen erzählt, dann kennt das keine Grenzen und quert er sogar Kontinente. Aber die heiligen drei Könige kamen ja auch bis nach Köln.

Wildes Wuchern

Und die Tradition? Sicher, Bodo Hell gräbt hier nach den Wurzeln unserer Kultur, besser: unserer Kulturen, mit einer Neugier, wie sie selten zu finden ist. Und so findet er sich nicht an einem Flusslauf wieder, sondern in einem Delta. Spuren allerorten, wohin der Blick auch schweift. Kaum klappt man ein Buch auf, weitere Verweise. Kaum sieht man ein Altarbild, weitere Verweise. Ein Rhizom, kein Stammbaum tut sich da auf, auch wenn Stammbäume und Genealogien den Hütern der Religion stets wichtig waren. Doch im Volksglauben wuchert es wild. Tradition geht ständig fremd und zeigt sich plural, sehr zum Ärgernis der öffentlichen Ordnungshüter. Freilich gab es autorisierte Legenden, die gestattet waren, um die Ordnung zu bekräftigen. Doch so manche Art der Volksfrömmigkeit scherte sich nicht darum. Anders und pointiert gesagt: Während sich die Theologen auf Konzilen versammelten, um Erziehungsmaßnahmen zu beschließen, auf dass das Volk auf Kurs bleibe, ging eben dieses Volk in die Kirche oder woanders hin, berührte ein wundertätiges Gnadenbild oder erfand sich gar ein neues. Theologische Dogmatik ist nicht zu begreifen, die Dinge schon. Oder wie Michel de Certeau in „Das Schreiben der Geschichte“ schrieb: „Jedesmal auf Regeln gestützt, die den Status der kirchlichen Gesellschaft charakterisieren, entnimmt die klerikale Zensur der Masse der hagiografischen Literatur einen Teil, der einer Norm des Wissens entspricht: dieser Teil wird kanonisch und kanonisierbar sein. Der Rest, der den Hauptteil bildet, wird streng verurteilt, dennoch aber wegen seiner Nützlichkeit für das Volk geduldet.“
Man kann diese wuchernden Traditionen also auch so sehen: Sie widersetzen sich den Vereinheitlichungsbestrebungen (heute würde man sagen: der „Leitkultur“), sie sind nicht in den Griff zu kriegen. Sie sind Kultur. Die Pluralität der Fakten und Fiktionen bringt – was für eine Kunst! – Bodo Hell in kürzesten Texten zusammen. Schichten, Stimmen und Spuren – in Summe ergibt das so manche Subversion. Dazu gesellt sich die schöne Bodo Hell’sche Ironie, die auch entsteht, wenn Dinge nebeneinander stehen, die einander widersprächen – würde man denn mit einem logischen Interesse vorgehen. Aber Hells Texte laden zu etwas anderem ein.

Besonders die Frauen

Und sie führen zu den Frauen, die von der katholischen Kirche mit Erfolg über Jahrhunderte an den Rand gedrängt wurden und in der Kirche zwar putzen, aber nicht reden durften. Selbst bei den Heiligen gibt es eine historische Soziologie des Helden, las ich beim Soziologen und Kulturphilosophen Michel de Certeau und wunderte mich nicht: Erst kamen die Märtyrer, dann die Bekenner (die Einsiedler und die Hirten), dann die Männer der Tugend. Die Frauen kamen erst spät.
Sie sind es, so scheint mir, die Bodo Hell besonders interessieren: Anna, Birgitta, Cäcilia, Helena, Rita, um nur einige zu nennen. Die Erzählungen und Bilder von Frauen bilden oft aufschlussreiche Gegengeschichten zur offiziellen Kirchen- oder Theologiegeschichte. „Ritus und Rita“: Der Titel von Bodo Hells Buch stellt dem im Katholischen immer männlich assoziierten Ritus die weibliche Form dazu: „Rita“. Rita ist übrigens die Patronin der Wursthersteller, wie ich erst seit der Lektüre von „Ritus und Rita“ weiß.
Und was macht der Autor hier mit der Zeit? Manchmal scheint der Leserin, als dürfe sie wie eine Restauratorin anlässlich von Renovierungen kurz einen Blick auf das darunterliegende, kurz freigelegte Bild erhaschen, bis es wieder überdeckt wird mit anderen Bildern. Bodo Hell als Archäologe, der den erzählten Ursprüngen ebenso nachgeht wie den vielen Rezeptionsgeschichten und der – indem ihm alles gleichzeitig ist – dabei auch zeitlose Phänomene aufspüren kann wie etwa die immer noch übliche Aufwertung des eigenen Clans. Nein, Bodo Hell als Wortmaler, der all das nicht in Schichten darstellt, sondern beinahe als Gleichzeitigkeit, in Satzbildern, in denen viele Zeiten und Räume enthalten sind.
Wahrnehmung ändert den Raum. Bodo Hell schaut genau. Seinen Bildbeschreibungen verdanken wir das Entdecken von Stiefeletten, wir sehen Josef aus dem Rahmen treten ... Aber wir hören auch. Zum Beispiel „die akus-tischen Phänomene in einem rindviehbeweideten Großgebiet“ ...


Ritus und Rita
Von Bodo Hell
Literaturverlag Droschl 2017
120 Seiten,
kart., €18,–
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