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Kompass - 12/2017

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Der Schmuggler der Ware Orient

Für seinen Roman „Kompass“ erhielt der französische Schriftsteller Mathias Énard den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung.

| Von Anton Thuswaldner

Bescheidenheit ist Mathias Énards Sache nicht. Er misst sich mit den Großen der Weltliteratur, James Joyce und Malcolm Lowry kommen einem in den Sinn, vielleicht auch der wüste Louis-Ferdinand Céline, die antiken Mythen, Homer und Dante sowieso. Wer sich derart in Szene setzt, hat etwas vor. Entweder er macht sich wichtig, oder es geht ihm um etwas derart Wichtiges, dass für ihn ein Zurückschrauben der Ansprüche gar nicht in Frage kommt.
Als im Jahr 2010 der zwei Jahre zuvor erschienene Roman „Zone“ auf Deutsch erschien, machte man Bekanntschaft mit einem Autor, der seinen Lesern deutlich machte, dass das, was er zu sagen hat, so leicht nicht zu haben ist. Selbstverständlich erwartete er von seinem Publikum, dass es sich anstrengen solle. Ein Buch über den Krieg muss erarbeitet, wenn nicht überhaupt durchlitten werden. Und dafür sorgt die Form, die einen zwingt, höchste Konzentration aufzubringen. Wer nicht aufpasst, fliegt raus.

Grundlegende Verstörung

Ein ehemaliger Söldner im Dienste der kroatischen Nationalarmee unternimmt eine Zugreise nach Rom. Mit sich führt er einen Koffer mit brisantem Material. Er hat vor, Disketten mit den Personaldaten von Kriegsverbrechern an den Vatikan auszuliefern. Minutiös ist vermerkt, welcher Untaten sie sich schuldig gemacht haben. „Menschenfresser“ nennt er die Täter oder „Henker“. Dass jemand, der das Grauen des Krieges erlebt und in seinem Gedächtnis abrufbar hält, selbst nicht unbeschadet daraus hervorgegangen ist, liegt nahe. Jetzt verspürt er den Auftrag in sich, für Gerechtigkeit sorgen zu müssen. Die will er sich aber teuer bezahlen lassen, soviel Kapitalismus muss sein.
Wie aber ist die grundlegende Verstörung literarisch sichtbar zu machen? Sollte jemand Zweifel an der Unersetzbarkeit von Literatur haben, der Roman „Zone“ leistet ernüchternde Aufklärungsarbeit, wie es kein anderes Medium der Kommunikation schafft. Allein dieser Roman würde den Leipziger Buchpreis für Europäische Verständigung rechtfertigen, der Mathias Énard am Mittwoch überreicht worden ist. Mit „Zone“ meint Énard die Mittelmeerländer, immer schon eine gewalttätige Region. Francis Servain Mirkovi´c, der Informant, gehört nicht zu den Guten. Er hat sich freiwillig für den Krieg gemeldet, ist ein übler Kerl. Die Geis-ter lassen ihn jetzt nicht los. In einem inneren Monolog auf Endlos-Kurs stößt ihm seine ganze Vergangenheit bitter auf. Aber Énard belässt es nicht beim Jugoslawien-Krieg. Die blutige Geschichte des Mittelmeerraums wird mit hineingenommen in diese Selbstvergewisserung eines hochgradig Geschädigten. Nahezu ohne Satzzeichen geht es durch diesen Dschungel an Eindrücken, Erinnerungen, Vorstellungen, das entspricht der Gehetztheit eines Mannes, von dem fraglich ist, ob ihm jemals eine Befreiung von all den Bedrängnissen gelingen mag. Eine neue Identität, die er sich verpasst hat, wird dafür nicht reichen.
Zuletzt erschien der Roman „Kompass“, wieder so ein Schwergewicht: ein Buch, das dem Islam andere Seiten zugesteht als eine rein kriegerische. Wenn jemand im ers-ten Satz schon bekennt, als Opiumraucher Erfahrung zu haben, dürfen wir uns auf eine Geschichte glasklarer Fakten gar nicht erst einstellen. Noch dazu, wo der Erzähler die Kulisse einer Orientfantasie errichtet, die mit der krisengeschüttelten Region, wie wir sie tagtäglich über Nachrichtendienste vermittelt bekommen, wenig zu tun hat. Das hat seine guten Gründe. Der Musikwissenschaftler Franz Ritter verbringt eine unruhige Nacht. Gesundheitlich bedenklich angeschlagen ziehen Erinnerungen an eine freundlichere Vergangenheit an seinem inneren Auge vorbei. Sei es die Liebe zur Idealisierung, sei es die Flucht vor der Gegenwart, die ihn unerbittlich und schroff anherrscht, dieser Mann, man muss ihm das zugestehen, verstand einmal etwas von einer zum Aufregenden neigenden Lebensführung.
Eine Frau und Reisen nach Raqqa, Aleppo, Palmyra und anderswohin besetzen sein Bewusstsein, keine Frage, das waren seine große Zeit, seine große Liebe, seine großen Erfolge. Und weil die Vorstellung all des Vergangenen allzu unsinnlich ausfällt, gerinnen ihm die Erfahrungen zu Geschichten, Episoden und bunt ausgemalten Fabulierereignissen. Was einmal war, leuchtet jetzt dem Darniederliegenden nur umso strahlender ins Herz. Und tatsächlich ist ihm der verlorene Orient mehr eine emotionale Angelegenheit denn Anlass zur reflexiven Durchdringung des so weit in die Ferne Gerückten.
Franz Ritter verfügt über die Gabe, eine Phase der Enttäuschung über eine unglückliche Liebe in eine Glücksgeschichte zu verwandeln. Dazu reichen die eigenen Wahrnehmungen aber nicht aus. Erfreulicherweise ist er ein gebildeter Mann, sodass er sich kurzfristig in die Welt früherer Morgenland-Reisender zu versetzen vermag. Damit leistet Énard eine Gegengeschichte zum heutigen Verlauf der Ereignisse. Die Begegnung mit der anderen Kultur war eine des regen Austauschs, der gegenseitigen Neugier auf das Unbekannte und die Bereitschaft, das Fremde fremd sein zu lassen und es nicht den eigenen Vorstellungen anzupassen. So steckt die indirekte Aufforderung in dem Buch, raus aus der Verengung des Blicks zu kommen und die Schönheit, die Kraft und die Eigenständigkeit der Anderen zu bemerken. Der Erinnerungssturm bekommt im Buch eine doppelte Funktion: einmal wird eine große Vergangenheit geborgen und gleichzeitig bekämpft Ritter damit seine Angst vor dem Sterben.
Was hatte der Orient doch einmal für eine Strahlkraft. Mozart, Goethe, Rückert, Liszt, sie alle ließen sich verzaubern, wie es merkbar auch Mathias Énard geschieht. Einem Zauber wohnt die Eigenart inne, sich um politische Wahrheiten nicht zu scheren, sondern Leben und Wirklichkeit in ein Licht des Wunderbaren zu setzen. Das passt gut zu einem, der sich in einem somnambulen nächtlichen Zustand befindet, in dem Imagination und Assoziation die ästhetischen Vorgaben liefern.

Wunderbares Sperrgut

Zwischen „Zone“ und „Kompass“ erschienen kleinere Romane. „Erzähle ihnen von Schlachten, Königen und Elefanten“ begegnet uns mit dem Anspruch, der islamischen Kultur den Schrecken zu nehmen, indem eine Was-wäre-wenn-Geschichte durchgespielt wird. Im 16. Jahrhundert reist Michelangelo nach Konstantinopel, wo er dem Auftrag nachkommen will, eine Brücke über das Goldene Horn zu bauen. Europa und Asien sollen einander näher gebracht werden, ein Klima der Toleranz macht das möglich. Dieser Idee lässt sich heute eine Menge abgewinnen.
„Straße der Diebe“, kein herausragender Roman, eignet sich gut, in die Welt von Mathias Énard einzusteigen. Ein junger Marokkaner, der nichts lieber möchte als frei zu sein, gerät dennoch in Abhängigkeiten, von denen er sich befreien muss. Er hat die Islamisten am Hals, flieht vor ihnen, taucht ab in die Illegalität und bekommt hautnah alle Probleme mit, die der gescheiterte Arabische Frühling und die europäische Wirtschaftskrise mit sich bringen.
Mathias Énard erweist sich, und das ist großartig, als wenig kooperativ, gefällige Literatur zu schreiben. Er wirkt wie ein später Kämpfer der Moderne, der eine Handlung gern aufbricht und sie mit Material aus der Gelehrtenstube eines rastlosen Geistes füllt. Immerhin studierte er das Arabische und das Persische und unterrichtet in Barcelona die arabische Sprache. Schon deshalb, weil ihm der Orient so nahegeht, sieht er seine Rolle als Vermittler zwischen den Kulturen auch in seiner literarischen Arbeit. Von akademischer Trockenheit sind seine Bücher nie. Sie bewähren sich als wunderbares Sperrgut im breiten Strom einer sonst doch recht gleichmäßigen Gegenwartsliteratur. Als Schmuggler der Ware Orient in unser nachrichtengesättigtes Bewusstsein ist Énard nicht zu schlagen.


Kompass
Roman von Mathias Énard

Aus dem Franz. von Holger Fock
und Sabine Müller
Hanser Berlin 2016
427 Seiten, 
geb.,
€ 25,70
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