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Werke von Anton Kuh - 11/2017

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Der Kaffeehausliterat 
als hochpolitischer Autor

Zeitgenossen feierten und fürchteten seine Texte gleichermaßen, die Nachwelt vergaß sie. 75 Jahre nach dem Tod des Publizisten Anton Kuh liegt die erste Werkausgabe vor.


| Von Markus Grill


Die Berliner Wochenschrift Die literarische Welt war ein gewichtiges Blatt in der Weimarer Republik und bekannt für ihre originellen Rundfragen. „Wie soll Ihr Nekrolog aussehen?“, lautete im April 1927 das Thema, zu dem Feuilleton-Größen wie Egon Friedell, Alfred Polgar und Anton Kuh Texte beisteuerten. „Es gibt nur eine Form zu überleben“, schrieb Kuh, „nämlich die, dass die Leute das Gefühl haben, das Eigentliche und Wesentliche, das mit einem gestorben sei, könne in keine Nachrufformel gefasst werden. Es kann sich nur in der von Mann zu Mann gehenden Legende erhalten.“
Ein Aphorismus griff dem Schicksal bitter-ironisch voraus. In der Zwischenkriegszeit zählte Kuh zu den bekanntesten Autoren im deutschsprachigen Raum; heute ist sein Name – paradoxe Ungerechtigkeit der Literaturgeschichte – zugleich verkannt und vergessen. Gehalten hat sich die Legende vom Wiener Kaffeehaus-original, an der nicht zuletzt Kuh selbst zeitlebens strickte. Die humorvoll sprühenden Anekdoten über den „geistreichen Wirr- und Feuerkopf“ (Friedrich Torberg) mit dem „verzerrten Wiener Charme“ (Klaus Mann) unterhalten ungebrochen. Sie verstellen aber den Blick auf Kuhs Werk und dessen gesellschaftskritische Bedeutung.

Fanatiker des freien Wortes

Mit wortakrobatischen Vorträgen, Essays, Glossen und Kritiken etablierte sich Kuh in den 1910er-Jahren als ebenso witziger wie geistreicher Analytiker des Tagesgeschehens. Der Text „Lenin und Demel“ (1919) ist eine zynische Karikatur der ehemaligen Hoch-aristokratie in Österreich, die nach dem Niedergang der Donaumonarchie bei Kaffee und Kuchen über die soziale Misere schäkerte. In einer Sprechweise, die Kuh „Demel-Prosa“ nannte: „Die Zunge legt sich da faul zurück wie in einen Klubfauteuil, die Vokale erhalten eine kleine Parfum-Injektion Langweile aus verengter Nasenhöhle, die ‚r‘ werden von der Gaumenplatte aufgepickt wie Krumen einer delikaten Torte, die Lippen öffnen sich zu nicht mehr Atem, als man dem öffentlichen Besitz unbedingt entnehmen muss – und dieser tönende Mundvorrat wird schluckweise konsumiert, zerbröckelt in einer Sauce von Gelächel.“
Einen Freigeist und Fanatiker des freien Wortes musste der Zerfall der demokratischen Ordnung in Europa besonders treffen, wenngleich nicht unerwartet. Bereits in den frühen Zwanzigern fiel Kuh mit antifaschistischen Reaktionen auf. 1923 geißelte er im Prager Tagblatt die „überhand nehmenden Ausschreitungen der extremen Nationalisten (unter dem Namen ‚Hakenkreuzler‘ bekannt)“. In einem Artikel für die Weltbühne 1928 wiederum kritisierte er die Defensivstellung der Linken: „In tiefster Nacht des Krieges und im Kerker unsres militarisierten Daseins zuckte einmal ein scherzhafter Piepston aus einer Demonstrantenkehle: ‚Ein bisschen Freiheit täte gut‘. Ein bisschen – hier machte sich der Ernst aus sich einen Spaß. Sie wollen alle wirklich nur ein bisschen, zu viel wäre staatsunterwühlend, chaotisch, ungesund.“

„In Berlin unter Wienern“

Bereits 1926 war Kuh nach Berlin übersiedelt. Um „in Berlin unter Wienern statt in Wien unter Kremsern zu leben“, wie er erklärte. Kuh war nur einer von vielen Wiener Intellektuellen, die sich in der aufstrebenden deutschen Hauptstadt bessere Schaffensbedingungen versprachen und diese auch vorfanden. Er schätzte das liberale, weltoffene Klima Berlins, wie er die geistige Enge seiner Geburtsstadt beklagte. Wien, einst internationales Kreativzentrum, sah er angesichts des zunehmenden Nationalismus zum „Weandorf“, also zur Provinz, verkommen.
Journalistisch reüssierte Kuh auch in Deutschland. Sein einziges Bühnenprojekt allerdings fiel bei den deutschen Kritikern spektakulär durch. Die versuchte Neuinterpretation von Nestroys „Lumpacivagabundus“ an der Volksbühne Berlin 1931 war ein Opfer der Umstände. Um dem Trend zum einfachen Unterhaltungstheater zu entsprechen, strich die Regie wesentliche Teile aus Kuhs Bearbeitung. So auch eine Szene, die als beißende Satire auf die Deutschtümelei der zeitgenössischen Rechten angelegt war.

„Der Redenste aller Redenden“

Seit 1933 hielt sich Kuh wieder bevorzugt in Wien auf. Mit dem Erstarken des Nationalsozialismus wuchs sein publizistisches Engagement für die demokratische Sache. Beliebtes Spottobjekt seiner freimütigen Polemiken war Hitler, den er in Texten wie „Das Eintopfgesicht“ (1936) vorführte. Für Kuh wurde die Luft gefährlich dünn, zumal er Jude war. Wien verließ er dennoch erst, als der Anschluss Österreichs unmittelbar bevorstand. Er flüchtete über Prag und London nach New York. Dort nahm er die Arbeit für Presse und Radio auf, weiterhin gegen das nationalsozialistische Regime agitierend. Am 18. Jänner 1941 starb Kuh, fünfzigjährig, an den Folgen eines Herzinfarkts.
Franz Werfel würdigte ihn in seinem Nachruf als den „Redendsten aller Redenden“. Die meisten Zeitgenossen sahen Kuhs wahre Meis-terschaft in der Vortragskunst. Zu Recht glaubte man die rhetorischen Glanzleistungen mit dem Tod des „Sprechstellers“ (Kurt Tucholsky) verloren, zu Unrecht geriet darüber sein ganzes Werk in Vergessenheit. Freilich in Erinnerung geblieben: die aufsehenerregende Stegreifrede gegen Karl Kraus am 25. Oktober 1925 im überfüllten Wiener Konzerthaus, Polizeieinsatz inklusive. Die Legendenfabrik griff derlei Sensationen dankbar auf. Indes blieben die nicht weniger als 1500 Zeitungs- und Zeitschriftenartikel des Autors unbeachtet und verstreut. Ein Hindernis für verdienten Nachruhm, das Werfel erkannte. Er wünschte sich jene Hand, die eines Tages Kuhs „staunenswerte Worte sammelt und überliefert.“
Gewiss waren dazu beide Hände des Germanisten Walter Schübler notwendig. Er hat besorgt, was Jahrzehnte lang niemand wagte: tonnenweise Zeitung lesen. Um Kuhs Schriften überhaupt einmal systematisch zu erfassen, von Aufarbeitung ist da noch keine Rede. Die zehnjährige Kärrnerarbeit hat nun ihren Abschluss gefunden. Vor liegt die erste Anton-Kuh-Werkausgabe, die das schriftliche Œuvre auf über 4000 Seiten präsentiert. Die Erläuterungen des Herausgebers sind von einer inhaltlichen und stilistischen Finesse, die dem Gegenstand bestens ansteht. Zweifellos markieren die bei Wallstein erschienenen „Werke“ die erhoffte, längst überfällige Zäsur in der wissenschaftlichen Beschäftigung mit Anton Kuh. Bleibt zu wünschen, dass sie auch die Repopularisierung in der nicht-akademischen Leserschaft anstößt. Und zwar im Sinne einer Neubewertung, die der Legende des Autors seine Texte zur Seite stellt.


| Der Autor ist Lektor am Institut für germanische Studien der Karls-Universität Prag und forscht zum Werk von Anton Kuh
|

Werke
Von Anton Kuh
Hg. Walter Schübler
Wallstein 2016
4230 S., geb.,

7 Bände im Schuber,
€ 255,–
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