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Geliehene Landschaften - 11/2017

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Von der Kunst des genauen Sehens

Marion Poschmann lässt uns den Mond sehen, auch wenn er gar nicht scheint. Brillant und gewohnt virtuos zeigt sich die Autorin in ihrem Lyrikband „Geliehene Landschaften“ wie auch in den Essays „über Dichtung“, die auf das Geheimnisvolle in der Lyrik verweisen.

| Von Maria Renhardt

Im Feuilleton ist die Schriftstellerin Marion Poschmann einmal als „literarischer Prototyp“ bezeichnet worden, als eine, die sich nicht so leicht einordnen lasse, weil sie „radikal anders“ schreibe. Ihre schon fast vierzehnjährige Präsenz am deutschsprachigen Literaturmarkt, auf dem sie mit Prosa und Lyrik vertreten ist, begleiten Stipendien, Preise, Stadtschreibertätigkeiten, Poetik-Vorlesungen und Buchpreisnominierungen im Rahmen der großen deutschen Buchmessen. Mittlerweile kann man sie durchaus als erfolgreiche Autorin bezeichnen. Ihr letzter Gedichtband „Geliehene Landschaften“ ist auf der Shortlist des Leipziger Buchpreises 2016 gelandet, jüngst erhielt sie den Deutschen Preis für Nature Writing 2017

„die Polsterheimat / lange verlassen“

Der Titel ihrer Lehrgedichte und Elegien stammt aus der ostasiatischen Gartenkunst. Poschmann durchstreift darin unterschiedliche Landschaften und künstlich gestaltete Räume in aller Welt. Das lyrische Ich hat „die Polsterheimat / lange verlassen“, es bewegt sich sogar im Traum über das „Schlafmoos“: „Ich war vollgesogen mit Visionen, ein Kissen, / auf welches der Wald sich bettete.“ Poschmann hat kein Faible für stilisierte romantische Naturschilderungen, sondern lässt in ihrer Lyrik polyperspektivische Raumwahrnehmungen transparent werden, die von einem kontemplativen Blick und Sinn für das tiefere Bedeutungspotenzial eines Ortes getragen sind. Und der muss nicht nur schön sein. Poschmann konzentriert sich hier oft auf das Detail, das als Puzzlestück ein Farben- und Formenmosaik erst möglich macht. Die Vorstadt einer Metropole präsentiert sich plötzlich als „gewürfelte Welt“, zwischen im Wind verblühender Wäsche „bricht jemand fliederfarbenen Flieder / im Stadtpark und trägt ihn zum Bus“. Wenn Landschaft jäh halbiert wird, „in Vorder- und Rückseite“, gibt sogar der Raum nach und bringt Dinge zum Leuchten: „Dauerwald. Freiflächen. / Vormals und jetzt“ in Kalingrad. Wenn die Parks sprechen könnten, was gäbe es da nicht zu erfahren: „Rede, Park, ... von Kriegerdenkmälern, die sich mit roten / Tulpen umgeben, mit Siegen und Seufzern und mit einer / brunnendurchflossenen Gegenwart. Hier wandeln jene, / die tot sein werden.“ Orte erzählen Geschichte, bewahren in ihren Sedimentschichten das Gedächtnis einer Nation. Wege enden, führen ins Leere, die schlussendlich auch ertragen werden will. Die DNA der Kindheit ruht in Erinnerungslandschaften, wenn sich „Plattenbaulaub zu Zweierreihen formiert“, zum „Modul einer magischen / Kindheit“.
Poschmann nähert sich den verschiedensten Landschaften mit sprachlicher Brillanz, die sich nicht nur in klassischen Gedichtformen oder zahlreichen Stilmitteln zeigt, sondern vor allem auch in einer kühnen Bildsprache. Neologismen, ungewöhnliche Gedankenführung und meisterhafte Versenkung in Alltäglichkeiten verdichten sich zu flirrenden Bildern: „Nebelregale, Reiseregen, du hältst es für Übungswetter, / ... Sämtliche / Wolkenbänke wollen durchstoßen sein, flüchtiger / Stuck an der Decke des Alls.“ Mit filmischem Auge fängt sie Szenen ein und bringt die Zeit zum Stillstand.
Neben ihrer Lyrik hat sie heuer auch verstreut publizierte Texte in einem Sammelband unter dem Titel „Mondbetrachtung in mondloser Nacht“ herausgebracht. Er handelt von der Dichtung, und das in ganz grundsätzlicher Manier. Im Vorwort beschreibt Poschmann die Intention dieser Textsammlung. Sie habe chronologisch „eine Reihe von Betrachtungen“ angeordnet, entstanden sind sie allesamt – inspiriert von einer Verhaltensanweisung, wie sie in einigen Museen Japans zu lesen sei – „aus Notizen mit Bleistift“. Diese Auseinandersetzung mit der Dichtkunst geht nicht nur mit einer neuen Sicht auf die Dinge einher, vielmehr solle dem Gegenstand der Aufmerksamkeit auch etwas Geheimnisvolles gegeben werden. Im Zentrum steht für sie das Bild, das durchdrungen, ja ganz und gar bis zum „dunklen Grund“ erfasst werden soll: „Die Dichtung als Betrachtungskunst aufgefaßt, ist ein Medium bildbezogener Erkenntnis. Sie arbeitet mit bildgebenden Verfahren, sie beschwört etwas Abwesendes und läßt es in der Gegenwart anwesend sein, aber dies geschieht in einem geistigen Raum, im Bereich der Imagination.“ Damit ist eigentlich alles gesagt.

Der Fokus dem Detail

Poschmann beschreibt Natur- oder Raumbilder, etwa den Hortus conclusus im Stift Fischbeck, in dem sie einmal schreibend zu Gast war. Da geht es beispielsweise um die Hierarchie und Symbolkraft der darin angelegten Gärten, die von Frauen gepflegt werden. Ihren Fokus schenkt sie dem Detail, etwa dem Ornament und seiner Bedeutung im Kontext, der Blumenmetaphorik oder dem Stiftsraum an sich. Poschmanns kontemplative Betrachtung dieses freiweltlichen Ortes von „kultivierter Schönheit“ und die kulturelle Anreicherung der Bilder mündet in eine feinsinnige Wahrnehmung eines Stücks „weiblicher Kultur“, die Innerlichkeit und Stille zum Ziel hat, die bei der Lektüre förmlich spürbar wird.
In einem anderen Text umkreist Poschmann die Walchenseebilder von Lovis Corinth, indem sie Farben, Ausdruckskraft, Licht und Formen minutiös interpretiert, Pinselstrichen und der Bedeutung von Konturen nachgeht. Wenn das Kleine aus der Landschaft herausgehoben wird, kommt die Seele des Bildes zum Vorschein. Später sind es wiederum Erfahrungen als Grenzgängerin während ihrer Unterrichtstätigkeit in polnischen Dorfschulen nahe der deutschen Grenze, die hier zur Sprache kommen. Der Text wird zu einer Reflexion über Grenzen und Entgrenzung ganz generell, bezogen auf unterschiedlichste Lebensbereiche.
Ihre Texte geben einen Einblick in ihre Reiseerfahrungen und Aufenthaltsorte, wenn sie sich beispielsweise im „Schriftstellerknast“ in Schreyahn befindet oder in Kyoto die Merkmale der Zenkunst studiert. Einen großen Teil nehmen ihre Poetik-Vorlesungen ein, in denen sie Raum, Zeit, Handlung, Ich und Deutungshoheit literarisch ausbalanciert. Diese kluge, fein komponierte Textsammlung beweist Tiefgang und inspiriert dazu, den Dingen auf den Grund zu gehen. Man weiß ja, „Wege waren bereits vorhanden ... Du findest hier den Mut zur Lücke ... und überall Parkmöglichkeiten.“


Geliehene Landschaften
Gedichte von Marion Poschmann
Suhrkamp 2016.
118 S., geb.
€ 20,60

Mondbetrachtung 

in mondloser Nacht

Über Dichtung.

Von Marion Poschmann
Suhrkamp 2013.
218 S., kart.
€ 18,50
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