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Moonlight - 10/2017

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Drei Farben Schwarz

Bester Film, Bester Nebendarsteller, Bestes adaptiertes Drehbuch: Auch die drei Oscars zeigen, dass „Moonlight“ ein „schwarzer“ Film der Extraklasse ist.

| Von Otto Friedrich

Das Tohuwabohu bei der diesjährigen Oscar-Verleihung passt irgendwie zum tatsächlichen Gewinner des Hauptpreises „Moonlight“: als ob ein Underdog sich seinen Platz am Filmhimmel erobern müsste, beinahe ausgestochen vom Mainstream-Zauber „La La Land“. Aber eben nur fast.
Und es mochte böse Zungen geben, die den diesjährigen Oscar-Sieger sogleich mit der amerikanischen Polit-Lage in Verbindung brachten: Wäre nicht Donald Trump an die Macht gekommen, wäre „Moonlight“ bei den Oscars wohl in der zweiten Reihe geblieben. Aber nun, da das gute Amerika den Bach hinunterzugehen drohe, musste ein Drama die von Neuem im Weißen Haus so verachteten Landsleute in den Mittelpunkt rücken. Und ein Protagonist (rein technisch: ein Protagonisten-Trio), der schwarz und schwul sei, würde es dem Donald so richtig 
hineinsagen.

Nicht nur ein Signal gegen Trump

Gemach, Gemach: Derart eind-imensional lässt sich der Preisregen für „Moonlight“ nicht erklären. Auch die Vermutung, dass nach dem Oscar-Skandal 2016, als kein einziger Schwarzer unter den Nominierten war, nun als Trost Afroamerikaner im Übermaß bedacht werden mussten, stimmt nicht. Denn zuvor hatten Schwarze bei den Academy Awards längst bei den Spitzenpreisen reüssiert – zuletzt 2014, als mit „12 
Years A Slave“ von Steve McQueen ein von und mit Schwarzen gemachter Film den Oscar für den Besten Film sowie die Trophäen für Nebendarsteller und das Beste adaptierte Drehbuch errang. Exakt dieselben drei Oscars wurden nun auch „Moonlight“ zuteil.
Und auch die cinephile Aufmerksamkeit für „Beasts Of The Southern Wild“ liegt bereits ein halbes Jahrzehnt zurück: Die vor allem thematische Verwandschaft – Lebenskraft inmitten der sozia-len Tristesse des afroamerikanischen Milieus – dieser Film-Fabel reichte 2012 zwar „nur“ für vier Oscar-Nominierungen, aber darunter war mit der damals neunjährigen Quvenzhané Wallis die jüngste Kandidatin aller Zeiten für den Hauptrollen-Oscar.
In dieser Reihe setzt sich nun „Moonlight“ an die Spitze – mit überraschenden Akzenten: Denn was von diesem Film lange unbewusst nachhängt, ist seine exzeptionelle Farbgebung. Die drei Kapitel von „Moonlight weisen einen ausgeklügelten, jeweils unterschiedlichen Look auf und stellen eine Hommage an den gefilmten Schwarzen dar. Das klingt banal, ist es aber beileibe nicht. Denn lange Zeit blieben der Film – und Hollywood – ein Medium des weißen Mannes. Die Farbempfindlichkeit des Materials war auf weiße Schauspieler eingestellt, Schwarze konnten nur unzulänglich nuanciert abgebildet werden – mit dem Ergebnis, dass es schwer war, unterschiedliche schwarze Gesichter nebeneinander abzubilden.
Der Schweizer Arthaus-Altmei-s-ter Jean-Luc Godard, der Ende der 1970-Jahre in Mosambik filmte, weigerte sich deswegen sogar, Kodak-Filme zu verwenden, er nannte dieses Filmmaterial gar „rassistisch“. Erst in den 1980er-Jahren entwickelte Kodak die Technologie, die es erlaubte, auch Schwarze adäquat ins Bild zu setzen.
Die drei Geschichten von „Moonlight“, die den Lebensweg des neunjährigen Chiron (hier mit dem Spitznamen „Little“), dann des 16-jährigen Teenagers und schließlich des 30-Jährigen als Drogenboss mit dem Spitznamen „Black“ erzählen, sind farblich jeweils einer der drei großen Filmmaterialfirmen vor der Digitalisierung nachempfunden: Das erste Kapitel gibt sich à la Fujichrome mit wärmeren Farben und die Strukturen der Haut besser zur Geltung bringend. Das zweite ahmt die deutsche Agfachrome-Technologie nach und kommt in grünlich-blauem Look daher. Und das Finale lehnt sich an die Farblichkeit von Kodachrome-Filmen an.
Schon diese technische Raffinesse entspricht der Methode des afroamerikanischen Regisseurs Barry Jenkins, das Lebensdrama seiner Hauptfigur Chiron in drei in sich geschlossenen Geschichten zu erzählen, die von drei Schauspielern – jeder für sich grandios – gespielt werden. Noch disparater sind die Figuren von Chirons Freund (und später auch Geliebten) Kevin, der im ersten Kapitel ein schwarzer Bub, im zweiten ein dunkelhäutiger Teenager und im dritten Teil ein erwachsener Latino ist: Es geht in „Moonlight“ somit um die innere Dynamik und nicht um eine physiognomische Exaktheit.

Nuancierte Bilder von Schwarzen

Nur zwei Protagonistinnen werden kapitelübergreifend jeweils von derselben Schauspielerin dargestellt: Chirons cracksüchtige Mutter Paula (außergewöhnlich: Naomi Harris) und seine mütterliche Freundin Teresa (Janelle Monáe). Bestimmend auch der nur im ersten Teil auftretende Drogendealer Juan (Nebenrollen-Oscar für Mahershala Ali), der den vor mobbenden Schulkameraden flüchtenden Chiron aufliest und sich seiner wie ein einfühlsamer Vater annimmt: Er sucht ihn nicht zuletzt vor den Drogenanbietern in der tristen Umgebung von Liberty City, einem sozialen Brennpunkt in Miami, zu schützen. Dass ebendieser Juan, der sich so fürsorglich um Little, den kleinen Chiron, kümmert, dessen Mutter Paula mit Crack ins Unglück stürzt, ist eine der bitteren Realtitäten, die „Moonlight“ ebenso grandios wie beiläufig erzählt.
Sowohl Regisseur Barry Jenkins als auch Autor Tarell Alvin McCraney, dessen Theaterstück von Jenkins für den Film adaptiert wurde (auch dafür gab es einen Oscar), stammen aus Liberty City. Sie erzählen also von einem Leben, das sie kennen. Ein Leben, dessen Freuden immer ein Ablaufdatum haben, in dem aber die gefährdetsten Existenzen doch nicht restlos verloren sind: Triste Verhältnisse, die nicht in völligem Unglück enden – und die Liebe zweier Männer, die in diesem Milieu ein No-Go bedeutet, haben vielleicht gerade hier eine verrückte Chance.
Barry Jenkins nimmt sich die Freiheit, das in eben drei Versionen zu erzählen. Im Kapitel „Little“ kann der den neunjährigen Chiron darstellende Alex R. Hibbert gleichzeitig so neugierig wie unglücklich schauen, dass es – wenn der Ausdruck nicht gar deplatziert wäre – eine Freud ist. Im Teil „Chiron“ wird der 16-jährige Protagonist von Ashton Sanders genial als schlaksiger Träumer gespielt, der unter seine Mitschüler wie unter die Wölfe fällt, und der sich von ihnen in fatalem Furor emanzipiert.

Schlüsselepisoden aus dem Leben

Schließlich zeigt „Moonlight“ die Geschichte von Black, dem erwachsenen Chiron (Trevante Rhodes), der gleich seinem einstigen Mentor Juan in der Dealer-Hierarchie einen oberen Platz ergattert hat, der aber gleichzeitig verletzlich wie Little geblieben ist – und der sich auf die Suche nach Kevin macht, den er schließlich als Koch in Miami wiederfindet.
In jeder der drei Lebensepisoden des Chiron hat Jenkins Schlüssel-szenen hingewoben: Berührend, wie der raue Juan seinem Schützling Little das Schwimmen beibringt: Lebensertüchtigung, ganz praktisch. Brutal, wie aus dem schüchternen 16-Jährigen 
die sich anbahnende Liebe hinausgeprügelt wird. Und unerreicht, wie dann zuletzt Black, der ins Kriminelle abgedriftete Chiron, und der sich aus der Kriminalität befreien-de Kevin sich anschicken, einander von Mann zu Mann zu finden.
„Moonlight“ ist als Film außergewöhnlich. Der diesjährige Haupt-Oscar gebührt ihm zu Recht.


Moonlight
USA 2016.
Regie: Barry Jenkins. 

Mit Alex R. Hibbert, Ashton Sanders, Trevante Rhodes,
Mahershala Ali, Naomi Harris, Janelle Monáe.
Thimfilm. 111 Min.
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