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Selbst - 10/2017

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Geschlechterdings

Thomas Meinecke ist mehr DJ als Autor, er sampelt und mixt gerne. Der Roman „Selbst“ bleibt in der akademischen Gender- und Queer-Theorie-Blase.

| Von Veronika Schuchter

Wer Conchita Wurst für revolutionär hielt, der hat wohl Thomas Meineckes „Tomboy“ verpasst. In dem 1998 erschienenen Roman stellte Meinecke alles auf den Kopf, was in unserem heteronormativen, binär strukturierten Geschlechtssystem als normal gilt. Da gab es lesbische Männer, Frauen die Frauen lieben und Männer, die zu Frauen werden. Die Stars in „Tomboy“ sind nicht die Protagnisten, sondern Theoretiker und Theoretikerinnen von Foucault über Lacan bis Butler. Bis heute ist „Tomboy“ der Gen-der-Roman schlechthin und ein Paradebeispiel für eine queere literarische Ästhetik. Mit seinem neuen Roman „Selbst“ führt der 1955 in Hamburg geborene Meinecke dieses Konzept nicht nur fort, er spitzt es auch noch einmal ordentlich zu.

Unruhiger Montagetext

Meinecke ist mehr DJ als Autor, er sampelt und mixt lieber, als tatsächlich zu erzählen. Dem schon lange für tot erklärten postmodernen Roman haucht er wieder Leben ein, und auch der Pop-Roman hat hier noch einmal einen gro-ßen Auftritt. Radikaler als in seinen anderen Texten verzichtet er auf eine klimatische oder auch nur nachvollziehbare Handlung, weshalb diese hier auch nicht wiedergegeben werden kann. Im Mittelpunkt stehen die Mitglieder einer WG in Frankfurt am Main, die mit ihrem Begehren, ihrem sexuellen Selbstverständnis, ihren Beziehungskonstellationen traditionelle Geschlechterrollen und Identitätspolitik sprengen. Das kennt man schon von „Tomboy“ und auch dieses Mal bewegen sich die Figuren im universitären Bereich. Da ist Eva, Designerin und Kunsthistorikerin, Genoveva, autodidaktische Sexualwissenschaftlerin, die über männlichen Feminismus sinniert und Klaus Theweleit mit Bettina von Arnim vergleichen möchte, die dritte im Bunde ist Venus, androgynes Model und Kulturwissenschaftlerin, die ihr wissenschaftliches Engagement Kolonien deutscher Vormärz-Auswanderer in Texas widmet. Dass die Polizei da das besetzte Institut für Vergleichende Irrelevanz stürmt, verwundert nicht. In bes-ter postmoderner Manier sampelt sich der selbsterklärte Feminist Meinecke quer durch Geistesgeschichte und Boulevard, Literatur, Film und Mode. Das ergibt in Summe einen unruhigen Montagetext, der den Lesern und Leserinnen einiges abverlangt.
„Es gab zeitgeschichtliche Momente, sagt Genoveva eine Viertelstunde später, in denen die Attitüde der Affirmation Qualitäten einer differenzierten politischen Kritik besitzen konnte. Denke nur an L’art pour l’art, die dandyistische Verweigerung einer künstlerischen Bestätigung der Staatsraison im