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Die Dämmerung der Steppengötter - 10/2

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Der düstere Mythos der Steppengötter

Ismail Kadares Roman „Die Dämmerung der Steppengötter“ entführt ins kommunistische Moskau der späten Fünfzigerjahre. Die nun zum ersten Mal auf Deutsch übersetzte Prosa erweist sich als beklemmend aktuell hinsichtlich Literaturzensur in autoritären Staaten.

| Von Oliver vom Hove

Unerschöpflich scheint der Erzählstoff, den der große albanische Schriftsteller Ismail Kadare vor seinen Lesern ausbreitet. Parabelhafte Geschichten wurden gewoben, balladeske Erzählungen geknüpft, Legenden vom Balkan eingesponnen und große epische Tapisserien entrollt. Dazu kommen historische Epopöen über die osmanische Gewaltherrschaft in Albanien und – wenig ruhmreich – über die Annäherung der albanischen Diktatur unter Enver Hoxha an das große chinesische Brudervolk unter Mao Tse-tung. Mit Ausnahme solcher botmäßigen Entgleisungen blieb der Autor erstaunlich konstant auf der Höhe seiner Erzählkunst von weltliterarischem Niveau.
Der nun zum ersten Mal auf Deutsch veröffentlichte Roman „Die Dämmerung der Steppengötter“ zeigt den immer wieder als Nobelpreiskandidat gehandelten Erzähler von einer bislang unbekannten Seite. Mit schelmischem autobiografischem Ges-tus entführt er ins kommunistische Moskau der späten Fünfzigerjahre, als Kadare, der junge Poet aus Hoxhas stalinistisch verharrendem Albanien, als Stipendiat am führenden Maxim-Gorki-Literaturinstitut mit vielen Kollegen beiderlei Geschlechts den Unterweisungen im sozialistischen Realismus lauschen sollte.

Liebesgrüße aus Moskau

Es waren verworrene Zeiten mit verwirrenden Gefühlen der jungen Leute. Zeiten voll Liebeshändel, Eifersüchteleien, literarischen Konkurrenzkämpfen. Schon im Sommerlager in Lettland war der Ich-Erzähler verblüfft über die kühne Selbständigkeit eines von ihm umworbenen baltischen Mädchens. Später, in Moskau, kämpft der junge Autor hilflos um die Liebe einer Medizinstudentin, deren unabhängigem Auftreten er nicht gewachsen ist. Idealismus und individuelle Stärke sind verpönt unter dem roten Stern, und schon gar in dieser Erziehungsanstalt für angehende Schriftsteller. Doch die jungen Frauen durchschauen diese aufgezwungene Unfreiheit der ehrgeizigen Skribenten und gehen ihre eigenen Wege.
Aus allen Teilen des sowjetischen Großreichs waren damals Studierende in der Eliteschule für Staatsliteratur versammelt. Alle wurden eingesponnen in ein politisches System voll Anpassungs- und Überwachungsdruck, den der Autor in der stets spürbaren Stimmung von Vorsicht und Bedrücktheit auch nach Jahrzehnten noch beklemmend deutlich zu beschwören vermag.
Von nichts Geringerem als vom Schreiben in totalitären Systemen handelt demnach Kadares Roman – und ist dadurch wieder brennend aktuell. Als borniert, voll selbstgefälligem Realitätsverlust erweisen sich viele der sich aufplusternden Literaten und Literaturfunktionäre. Ihre Taktik: Sich selbst 
zu erhöhen, um die anderen umso tiefer 
in die moralische Bedeutungslosigkeit zu stoßen.
Geschrieben wird entlang der von der Partei vorgegebenen Themen- und Motivliste, die Feder tief eingetaucht in die ideologische Tinte einer wortreich beschworenen Weltrevolution und einer vorgeblichen internationalen Solidarität der Werktätigen.
Die Lage in dem von Nachstellungen und Intrigen summenden Bienenhaus namens Gorki-Institut eskalierte im Herbst 1958 vollends, als mit einem Mal der herausragende Dichter Boris Pasternak für seinen Roman „Doktor Schiwago“, der bislang in der Sowjetunion totgeschwiegen wurde, von der Schwedischen Akademie den Literaturnobelpreis zugesprochen erhielt.

Propaganda gegen Pasternak

Ungesäumt verfiel damals der gesamte Sowjetstaat in eine Art panischen Ausnahmezustand. Alle ihm zur Verfügung stehenden Mittel der Denunziation und Verunglimpfung bot er auf, um seinen missliebigen Autor zu verfemen. Frauen aus Irkutsk hielten Kundgebungen ab. Walfänger aus dem Nordmeer meldeten sich in Leserbriefen zu Wort. Kolchosengruppen aus dem Ural, die nie eine Zeile des Autors gelesen hatten, forderten die Ausbürgerung des Geehrten. Ein Radiosender, dem der junge Kadare zuhörte, „überzog ohne Unterlass zweiundzwanzig Millionen Quadratkilometer, also ein Sechs-tel der Erde, mit Schimpfattacken“. Dem verblüfften Leser von heute stechen die Parallelen zur Niedertracht der elektronisch verbreiteten Verleumdungen in unseren Tagen, zum digitalen Pranger und zur politischen Manipulation, ins Auge.
Damals wurde, nur zwei Jahre nach dem niedergeschlagenen Ungarn-Aufstand, in der Sowjetunion samt ihren Satrapenstaaten mit voller Wucht die Stalinorgel für Propagandalügen angeworfen und der Nobelpreisträger durch Erpressung an der Entgegennahme der Ehrung gehindert. Pas-ternak hat diese ungeheure Kränkung nie verwunden und verstarb nur knapp zwei Jahre danach, 70-jährig.

Methode Meinungsmanipulation

Wenn Kadares politische Kritik so, wie sie sich nun in der deutschen Übersetzung präsentiert, 1981 in Albanien tatsächlich erscheinen konnte, dann ist dem Autor damit ein wahres subversives Husarenstück gelungen. Denn obschon das Regime Enver Hoxhas längst mit der Sowjetunion gebrochen hatte, führte Kadare dem Leser doch klar vor Augen, wie Zensur und Meinungsmanipulation in einem totalitären System funktionieren. Und Albaniens Diktatur unterschied sich da nur in der Stoßrichtung, nicht in den Methoden.
Ismail Kadares Meisterschaft als Erzähler erweist sich hier vor allem in der bruchlosen Verknüpfung von Privatem mit Politischem, vom Verrat an der Liebe mit dem Verrat an der Literatur. In einem Klima allgemeinen Misstrauens und der geschürten Hetze verkümmern auch die Gefühle von Zuneigung und Zweisamkeit. Mit schonungsloser Deutlichkeit zeigt der Autor das Versagen einer Gesellschaft, der Freiheit nicht vergönnt, sondern Anpassung auferlegt war.
Der Übersetzer Joachim Röhm hat abermals, wie stets bei den Werken Kadares, einen stilistisch ebenbürtigen deutschen Erzählton getroffen, und sein Nachwort macht kenntlich, in welch sukzessiven Abständen der Autor sein Werk in die Öffentlichkeit entließ. Leider wird daraus nicht zweifelsfrei ersichtlich, wie vollständig der albanische Leser seine Kritik an der Literaturzensur unter Hoxhas eisernem Regime zur Kenntnis nehmen konnte.


Die Dämmerung der Steppengötter
Roman von Ismail Kadare
Aus dem Albanischen von Joachim Röhm
S. Fischer 2016
206 S., geb. € 20,–
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