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Silence - 09/2017

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Kein Glaube wie zänkische Konkubinen

Regiemeister Martin Scorsese nimmt sich in „Silence“ der ersten Christen in Japan an. Der anspruchsvolle (und an den US-Kinokassen wenig erfolgreiche) Film regt zum Nachdenken über Inkulturation und über das Christsein in der Diaspora – damals wie heute – an.


| Von Robert Mitscha-Eibl


Passt das an der Peripherie des Imperium Romanum entstandene Chris-tentum in völlig andere kulturelle Kontexte? Ja, sagten der Völkerapostel Paulus und seine Nachfolger wie die iroschottischen Wandermönche, Bartolomé de Las Casas oder Francisco de Xavier SJ. Nein, sagten die japanischen Shogune des ausgehenden 16. Jahrhunderts, als es im „Land der aufgehenden Sonne“ zu ersten Verboten des Christentums und in weiterer Folge zu dessen grausamer Verfolgung kam.
In „Silence“ von Hollywood-Altmeister Martin Scorsese begründet der Inquisitor 
Inoue, warum die Kirche in Japan unerwünscht sei: Die europäischen Kolonialmächte Portugal, Spanien, Holland brächten mit ihrem Glauben wie zänkische Konkubinen Unfrieden in das Haus Japans; der Inselstaat sei wie ein Sumpf, in dem der eingepflanzte christliche Baum zum Absterben verurteilt sei.

Adaptierung eines japanischen Bestsellers

Nicht nur religiöse Inkulturation thematisiert Scorsese in seiner Adaptierung des vielgelobten Buches von Shusaku Endo, „Chinmoku“ („Schweigen“, 1966). Es geht auch um die Frage, ob das äußerliche Bekenntnis zu einer Institution und ihrem ausdifferenzierten Glaubensgebäude nicht zweitrangig ist gegenüber einem gottgefälligen Leben, um das Theodizeeproblem, warum Gott unverschuldetes Leid seiner Gläubigen zulässt und dazu schweigt; um den Vorrang von Menschlichkeit und Mitleid gegenüber der „Todsünde“ Glaubensabfall; schließlich um die verborgenen Spuren Gottes im Leben schwacher Menschen.
All dies packt der 74-jährige Starregisseur in seinen 161 Minuten langen Streifen – ein Projekt, das ihn, wie er oftmals betont, seit 1988 innerlich umtrieb: als ihm der New Yorker anglikanische Erzbischof Paul Moore nach dem Skandal um den angeblich blasphemischen Scorsese-Film „Die letzte Versuchung Chris-ti“ das Buch Endos überreichte. „Schweigen“ habe er wieder und wieder gelesen, es habe ihm „geistige Nahrung gegeben wie kaum ein anderes Kunstwerk“, sagt der Regisseur heute.
Die Handlung von Buch und Film kreist um den jungen Jesuiten Sebastião Rodrigues (Andrew Garfield). Gemeinsam mit seinem Ordensbruder Francisco Garupe (Adam Driver) macht er sich 1638 von Portugal auf den Weg, um ein Gerücht zu widerlegen. Sein ehemaliger Mentor P. Cristóvão Ferreira (Liam Neeson) – eine historische Figur – sei vom Glauben abgefallen und führe nun ein Leben als buddhistischer Gelehrter und Familienvater. In Japan bestätigen sich die Berichte über die systematische Chris-tenverfolgung, die in Japan Platz gegriffen hat: Rodrigues und Garupe gelangen mithilfe des geheimen Christen Kichijiro von Macao aus nach Japan. In einem Dorf voller verängs-tigter Glaubensgenossen nehmen sie pries-terliche Tätigkeiten auf. Doch die Häscher 
des Regimes enttarnen erst die Dorfbewohner und foltern drei von ihnen zu Tode, dann werden sie der beiden Jesuiten habhaft.

Jesuiten-Martyrium im 17. Jahrhundert

Inquisitor Inoue, der seine Tätigkeit ohne Hass, dafür mit pragmatischer Grausamkeit ausübt, will P. Rodrigues nicht töten, sondern – wegen der größeren Wirkung – zur Apostasie bewegen. Der Gefangene brauche dafür nur auf ein Bildnis Christi zu treten – ein Formalakt, wie Inoue sagt. Er setzt auch den tatsächlich vom Glauben abgefallenen Ferreira ein. Dieser, vom Regime mit einer Streitschrift beauftragt, die das Christentum widerlegen soll, berichtet Rodrigues von seiner Grubenfolter: Er wurde kopfüber und verschnürt in eine Erdgrube gehängt, ein Schnitt am Kopf lässt das Opfer dabei quälend langsam ausbluten.
Und erneut werden Christen auf diese Art gemartert – zumindest so lange, bis Rodrigues das Antlitz des Gottessohnes mit Füßen tritt. Ferreira wirft dem verzweifelten Jesuiten Hybris vor: Er sehe sich selbst lieber als von Gott verlassenen Schmerzensmann am Ölberg, statt das Leiden der vor seinen Augen Gefolterten zu beenden. Eine Jesusvision beendet schließlich den Gewissenskonflikt des Jesuiten.
Martin Scorsese präsentierte „Silence“ erstmals am 29. November im Vatikan vor 300 Jesuiten, von denen er viele schon in die peniblen Recherchen für seinen Film miteinbezogen hatte. Danach wurde er von Papst Franziskus empfangen, dabei erzählte ihm der Jesuit auf dem Stuhl Petri, auch er habe Endos „Schweigen“ als junger Priester verschlungen.
In der jüngsten Ausgabe der Jesuiten-Zeitschrift Stimmen der Zeit bekennt sich Scorsese zum Katholizismus als seiner spirituellen Heimat. „Den Christen Japans und ihren Priestern“ widmet er laut Abspann seinen Film, von denen nur kleine Untergrund-Gruppen eine 250 Jahre lange reli-giös-kulturelle Abschottung überlebten.
Scorsese gelang ein anspruchsvoller Film mit gemäldeartigen Bildern und beeindruckender Besetzung. „Silence“ mag nicht die Wucht von Meisterwerken wie „Taxi Driver“, „Raging Bull“ oder „Cape Fear“ und wohl auch nicht den Publikumszuspruch seiner jüngsten Arbeiten „Hugo Cabret“ und „The Wolf of Wall Street“ erreichen. Aber lohnend sind Scorsese-Filme allemal, erst recht dieser zum Nachdenken anregende, hochaktuelle über ein Christentum in der Diaspora.


Silence
USA/Taiwan/MEX 2016.
Regie: Martin Scorsese.
Mit Andrew Garfield, Adam Driver,
Liam Neeson.
Constantin. 161 Min.
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