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Das Floß der Medusa - 09/2017

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Moralischer Schiffbruch

Franzobels neuer Roman ist nichts für „frankophile, Rotwein trinkende, Käse degustierende Modefuzzis“.

| Von Veronika Schuchter

Im Zentrum sitzt ein bärtiger Mann, seine Hand ruht schützend auf einem nackten Leichnam, der Blick resigniert. Das behelfsmäßig zusammengezimmerte Floß, auf dem er sich befindet, treibt auf stürmischer See, beladen mit toten Seeleuten, während die wenigen Überlebenden verzweifelt versuchen mit Fetzen ein kaum erkennbares Schiff am Horizont auf sich aufmerksam zu machen. Théodore Géricaults 1819 entstandenes, imposantes Ölgemälde zeigt eine archaisch anmutende Szenerie. Dass hier nicht irgendein Schiffbruch gezeigt wird, verrät erst der Titel und damit wird auch klar, welche Schrecken hier tatsächlich auf die Leinwand gebannt sind.
Géricaults „Das Floß der Medusa“ verarbeitet die historische Tragödie der französischen Fregatte Méduse, die 1816 von Frankreich als Flaggschiff nach Saint-Louis im Senegal aufbrach, auf eine Sandbank auf-lief und manövrierunfähig zurückgelassen werden musste. Da es viel zu wenige Plätze in den Rettungsbooten gab, wurde das titelgebende Floß gebaut, auf das sich 147 Menschen pferchten, dorthin gelockt mit dem Versprechen, die Rettungsboote würden es an Land ziehen. Schnell wird klar, dass dieses Konstrukt nicht funktioniert, das Floß wird seinem Schicksal überlassen. Heute ist das Bild bekannter als das historische Ereignis, auch wenn es mehrere literarische und künstlerische Verarbeitungen gab. Die bislang letzte ist Franzobels neuer Roman, der den Titel von Géricaults Gemälde, das auch das Cover schmückt, übernimmt.

Das Ende der Zivilisation

Es beginnt mit der Rettung, auch wenn es nicht mehr viel zu retten gibt. „Wo es kein Brot gibt, gibt es kein Gesetz mehr“, prangt in großen Lettern auf dem Buchrücken. Dass der Mensch dem Menschen ein Wolf sei, ist hier wörtlich zu nehmen: Schnell bricht Gewalt und Kannibalismus aus, jeder ist sich selbst der nächste. Damit verhandelt der Roman eine zeitlose Fragestellung: Wie verhalten sich Menschen im Angesicht der Katastrophe, wenn es ihnen selbst plötzlich an den Leib geht? Wenig eignet sich dazu so gut wie das Schiff, der klassische heterotopische Raum, wie Michel Foucault ihn beschreibt: ein Raum, in dem eigene Regeln herrschen, abgetrennt von den Fall-, aber auch den Sicherheitsstricken der Gesellschaft. Nicht zuletzt darauf beruht die Faszination für Schiffskatastrophen à la Titanic oder Costa Concordia. Diese Versuchsanordnung wird auf dem zurückgelassenen Floß noch auf die Spitze getrieben. „Wie sollte die Menschheit jemals zu einem friedlichen Zusammenleben fähig sein, wenn nicht einmal sie auf dem Floß es schafften? Mussten sie jetzt ein zweites Mal, nämlich moralisch Schiffbruch erleiden?“
Eine Warnung gibt es gleich vorweg: Dieses Buch ist „nichts für frankophile, Rotwein trinkende, Käse degustierende Modefuzzis“. Die Grande Nation kommt nicht gut weg, auf Franzobels Medusa geht es nämlich zu wie in einem Rabelais’schen Renaissanceroman: In deftiger Sprache wird das Bordleben geschildert, so plastisch und detailliert, dass man den Gestank des grauen, madendurchsetzen Fleisches, das in der Kombüse aufgetischt wird, praktisch riechen kann. Da wird geschmatzt, gesoffen, geschissen und gequält, da fliegen die Exkremente mit den Obszönitäten um die Wette. Das Figuren-, sprich Bordpersonal der Medusa ist satirisch überzeichnet, vom holzfüßigen Koch über den davongelaufenen Schiffsjungen bis zum reizdarmgeplagten, völlig unfähigen Kapitän Chaumarey. Ins Unglück führt dann ausgerechnet der Aufschneider und Schelm, dem eigentlich die Rolle des Hofnarren zukommen sollte, nicht jedoch in diesem grotesken Karnevalstreiben, in dem Rollen schon mal vertauscht werden: Anstatt auf seine fähigen Offiziere zu hören, folgt der Kapitän lieber seinem Freund Richeford, dessen nautische Erfahrung sich auf eine Überquerung des Ärmelkanals beschränkt – als Passagier.
Die Schilderung, mit welcher Eitelkeit und Inkompetenz das französische Flaggschiff in den Sand gesetzt wird, wirkt in Bezug auf aktuelle politische Ereignisse prophetisch. „Das Floß der Medusa“ ist Abenteuerroman, Satire, historische Chronik, aber auch Parabel: Es wäre nicht Franzobel, wenn nicht aktuelle politische und humanitäre Bezüge zentral wären: „Gut, die Sache liegt mittlerweile mehr als zweihundert Jahre zurück. Wir können es uns also bequem machen und uns versichern, wir sind anders, bei uns kommt sowas nicht vor. Doch ist das wirklich so?“ Die Schwächsten kommen auf das Floß, wo sie sich, auf sich selbst gestellt, gegenseitig zerfleischen, während die Verantwortlichen schon lange die Leinen gekappt und sich aus dem Staub gemacht haben. Auf dem Hauptschiff ging es um die Willkür, Inkompetenz und Grausamkeit der Herrschenden, jetzt reagiert der Pöbel. Fünfzehn ausgemergelte Gestalten werden am Ende nach dreizehn Tagen gerettet. Was sich in diesen dreizehn Tagen auf den im Atlantik vor der westafrikanischen Küste treibenden Planken abspielte, bildet das Kernstück in Franzobels wuchtigem Epos. Die zentrale Figur auf dem Floß auf Géricaults Bild, der Schiffsarzt Savigny, ist auch eine der Hauptfiguren in Franzobels Roman, eine der wenigen Stimmen der Vernunft, die sich dem totalen Sittenverfall verweigert. Doch auch er greift nicht rechtzeitig ein, um Chaumarey zu stoppen, der den Kapitän nur spielt, statt einer zu sein. So wird sein Humanismus wirkungslos und er rettet am Ende nur sich selbst.
In diesem Mikrokosmos kommt die Zivilisation an ihr Ende, Moral kann sich nur leisten, wer nicht um sein Leben kämpfen muss. Die wichtigste Quelle ist der Bericht des überlebenden Schiffsarztes Savigny, der die grauenhaften Ereignisse auf dem „die Maschine“ genannten Floß festhält, was der französischen Krone, für die das Verhalten ihrer Offiziere kein Ruhmesblatt war, naturgemäß ein Dorn im Auge war. Der äußerst lesenswerte Bericht ist 2005 bei Matthes & Seitz auch auf Deutsch erschienen.

Historisch und doch brandaktuell

Franzobel ist ein Vielschreiber, seine Werkliste ist beeindruckend lang und vielseitig, Lyrik, Theaterstücke, Kinderbücher, Essays und Krimis finden sich unter anderem darauf. Trotz dieser Fülle hat man das Gefühl, „Das Floß der Medusa“ ist etwas Besonderes, ein Höhepunkt im Schaffen des Universalpoeten. Ein manövrierunfähiges Floß, übervoll mit Menschen, die hilflos auf Rettung angewiesen sind, erinnert nicht zufällig an die täglichen, schon zur Gewohnheit gewordenen Flüchtlingstragödien im Mittelmeer. Indem Franzobel gerade die Geschichte der Medusa erzählt, dreht er diese Anordnung freilich um. Hier sind es die Europäer, die nach Afrika emigrieren. Franzobel schafft das Kunststück, einen historischen Roman zu schreiben, in dem die Geschichte nicht nur reine Kulisse ist, der aber gleichzeitig nicht aktueller sein könnte. Sein Erzähler gestattet es dem Leser nicht, sich wohlig im historischen Ambiente zu verkriechen, die Vergegenwärtigung gehört zum narrativen Konzept, die Illusion wird beständig gebrochen: „Als Kapitän wäre ein Schauspieler vom Schlag eines Philip Seymour Hoffman perfekt, und Mads Mikkelsen könnte Gouverneur Schmaltz spielen oder Alexandre Corréard? Emma Stone und Emma Watson als Picard-Töchter, die junge Brigitte Bardot für … Aber das sollten sich die Casting-Agenturen selbst überlegen.“ Bisher kannte man ihn ja eher als boshaften Kritiker österreichischer Verhältnisse, diesmal wendet Franzobel sich größeren Themen zu. Das tut er gewohnt sprachgewaltig, mit bissigem Humor, intellektueller Schärfe und durchaus moralischem, nicht aber moralisierendem Impetus.


Das Floß der Medusa
Roman von Franzobel
Zsolnay 2017
592 S., geb.,
€ 26,80
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