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Karl Kraus – Die Krise der Nachkriegszeit und der

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Von persönlichen Motiven angetrieben

Der zweite Band der umfangreichen Karl-Kraus-Biografie des englischen Germanistikprofessors
Edward Timms ist nun auch auf Deutsch zu lesen.


| Von Evelyne Polt-Heinzl

Im Jahr 1995, neun Jahre nach dem Original, erschien in deutscher Übersetzung mit dem Titel „Satiriker der Apokalypse. Leben und Werk 1874–1918“ Band eins der umfangreichen Karl-Kraus-Biografie des emeritierten englischen Germanistikprofessors Edward Timms. 2005 folgte der zweite Band im englischen Original, er war vom Stand der berücksichtigten Sekundärliteratur her schon damals nicht ganz auf der Höhe der Zeit. Elf Jahre später erscheint nun die deutsche Übersetzung, mit 689 Seiten abermals ein gewichtiges Werk, bei dem doch irritiert, dass das Gros der verwendeten Sekundärliteratur aus den 1960er- bis Mitte der 1990er-Jahre stammt und nur vereinzelt Titel vom Anfang der 2000er-Jahre auftauchen.
Problematisch ist das vor allem für die kulturhistorischen Kontexte, die einen breiten Raum des Buches einnehmen, denn gerade in Bezug auf die Zwischenkriegszeit hat sich seither einiges getan. Einzelstudien und Forschungsprojekte haben im Kontext der Moderne-Debatten für eine Fülle von Neubewertungen oder Neuentdeckungen gesorgt. Sie betreffen Oskar Strnad – den Timms auch beim Skandal um Kreneks „Jonny spielt auf“ nicht erwähnt – ebenso wie Erika Giovanna Klien und den Kinetismus oder O. R. Schatz, aber auch Joe Lederer oder Lili Grün.
Und gerade zu vielen Personen aus dem direkten Umfeld von Kraus liegen jüngere Studien vor, die einen anderen Blick eröffnen, seien es Eugenie Schwarzwald, Mechtilde Lichnowsky, Peter Altenberg, Bertha von Suttner, Adolf Loos, Camillo Castiglione oder Otto Neurath. Dessen Arbeit war im Übrigen in der Zwischenkriegszeit keineswegs „fruchtlos“, seine Bildstatistiken mit den – nicht von ihm, sondern vom im Buch nicht erwähnten Gerd Arntz entworfenen – Bildsymbolen waren in den Medien der Arbeiterbewegung allgegenwärtig.

Patriotische Euphorie

„Durch die Erläuterung einer Fülle von kontextuellen Bezügen präsentiert das vorliegende Buch Die Fackel als einen unentbehrlichen Führer durch die Kulturpolitik der Zwischenkriegszeit“, heißt es im Vorwort, und das zeigt die Gefahr der typischen Schleifen in der Kraus-Philologie. Denn eigentlich war Die Fackel ein hermetischer Raum, ähnlich den Facebook-Foren unserer Tage, wie das Elias Canetti im Rückblick beschrieb: „Was nicht in eine Formel gebracht war, existierte nicht, es mußte eine Einbildung sein, es hatte keinen Bestand, sonst wäre es, sei es bei Freud, sei es bei Kraus auf irgendeine Weise vorgekommen.“
Anders als der Titel vermuten lässt, blickt Timms durchaus zurück auf die Zeit vor 1918, auf Kindheit, Werdegang und den Ers-ten Weltkrieg. Denn im August 1914 „war die patriotische Euphorie so groß, dass sogar Kraus für einen Moment erlag. Da er aufgrund einer Verkrümmung des Rückgrats vom Kriegsdienst befreit war, wollte er in einem ersten Impuls ein finanzielles Opfer bringen und zeichnete eine Kriegsanleihe. Doch im November 1914 widerrief er die Zeichnung“. Zu diesem Zeitpunkt machten freilich viele der im ersten Moment euphorisierten Intellektuellen, wie etwa Robert Musil, ernüchtert eine Kehrtwendung. Nur Kraus gelang es dabei, bis heute sein Einknicken von 1914 lückenlos mit dem Bild seiner moralischen Integrität in der Kriegsfrage zu überschreiben. Und gnadenlos verfolgte er fortan jene Autoren, die im Kriegspressequartier untergekommen waren – ein ,Schutzraum‘, den er selbst eben nicht nötig hatte. Im Übrigen war er, anders als Suttner, die er als „Friedens-Bertha“ verunglimpfte, keineswegs gegen den Krieg an sich, sondern gegen diesen Krieg und seine neuen Methoden. Und auch wenn man Kraus als Visionär sehen will: Dass er in seiner Satire „Reklamefahrten zur Hölle“ im Jahr 1921 „Viehwagen“ einspielt, weist nicht „auf den Holocaust voraus“, sondern auf die Usancen der Truppentransporte im Ers-ten Weltkriegs zurück. In diesem Zusammenhang findet sich übrigens eine der mitunter eingestreuten Verweise auf die anglo-amerikanische Gegenwart: Vor einiger Zeit bewarb eine Annonce im Daily Telegraph Rundreisen zu den „Todeslagern von Treblinka“, mit „hervorragendem Reisebegleiter und gemütlichen Reisegefährten“.

Persönliche Gekränktheiten

Indirekt mit dem Weltkrieg verbunden ist die Tragik der österreichischen Literaturentwicklung, dass Kraus im Zuge seiner Kampfhandlungen gegen seine einstigen Verehrer der jüngeren Generation alle Ansätze einer literarischen Moderne verunglimpft hat. Freilich war die anfängliche Kriegsbegeisterung dieser Autoren zumindest vorgeblicher Grund seiner Attacken, aber wie in all seinen Feindstellungen wurde Kraus in weit größerem Ausmaß, als sein Nimbus als Moralist vermuten lässt, von persönlichen Motiven und Gekränktheiten angetrieben. So ist sein Stück „Literatur oder Man wird doch da sehn“ von 1921 eine finale Abrechnung mit dem Expressionismus, zugleich aber eine mit Franz Werfel, dessen publizistische Vernichtung er seit einem privaten Zerwürfnis Anfang 1914 konsequent betrieb.
Auch das politische Engagement von Autoren beim Umsturz 1918 nutzte er zur Vernichtung ihrer ästhetischen Konzepte. Die Aktionen der Roten Garde mögen ein wenig aufgeregt gewirkt haben, waren aber keineswegs ohne Risiko. Egon Erwin Kisch wurde 1919 verhaftet und übersiedelte nach einer beispiellosen Pressekampagne gegen ihn im November 1921 endgültig nach Berlin. Die Desavouierung der Ereignisse rückt den Sturz eines bankrotten Systems und die damit verbundenen Hoffnungen auf eine gerechtere Gesellschaftsordnung bis heute in die Nähe einer historischen Farce.

Kultur und Presse

Das umfangreichste der sechs Kapitel des vorliegenden Buches ist mit „Kultur und Presse“ übertitelt, und darin nimmt der Kampf gegen Imre Békessys Boulevardblatt Die Stunde eine zentrale Rolle ein. Der Auftakt war auch hier persönlich motiviert. Hatte er zunächst nur die unkritische Bewunderung der neureichen Schieber und Spekulanten kritisiert, reagierte er mit einer scharfen Attacke, als Békessy sich auf ihn berief, worauf Kraus immer mit besonders aggressiver Distanzierung reagierte.
Die Stunde setzte ein karikierend bearbeitetes Kinderbild von Kraus und seiner Schwester auf die Titelseite. Das Mittel der Fotomontage hatte Kraus seinerseits bereits 1911 verwendet und am Cover der Fackel den Herausgeber der Neuen Freien Presse Moriz Benedikt mit der Statue der Kriegsgöttin Pallas Athene überblendet. Doch in eigener Sache verstand er keinen Spaß und eröffnete umgehend einen Prozessreigen. Kraus mag mit seiner Plakat-Kampagne („Hinaus aus Wien mit dem Schuft“) zu Békessys Flucht aus Wien menschlich einiges beigetragen haben; der Mythos, er habe ihn als Einzelperson besiegt, unterschätzt jedenfalls massiv die ökonomischen Hintergründe für das Ende von Békessy und seinem Finanzier Castiglioni, dessen Spekulationsgeschäfte nach der Währungskonsolidierung zusammenbrachen.
1927/28 schrieb Kraus dann im Rückblick sein Stück „Die Unüberwindlichen“, gewidmet seinem Anwalt Oskar Samek, das den Jus-tizpalastbrand vom 15. Juli 1927 mit der Causa Békessy verquickt. Gemeinsam ist den Handlungselementen, dass Kraus auf beide mit einer Plakataktion – 1927 gegen den Polizeipräsidenten 
Johannes Schober – reagierte. Und dass Kraus just ihn attackierte und nicht den verantwortlichen Bundeskanzler Ignaz Seipel, hatte wiederum persönliche Motive: Kraus hatte Schober 1926 um Hilfe in seinem Kampf gegen Békessy ersucht. Die eigentlich unlogische Verbindung der beiden Handlungsstränge – schließlich war Békessy bei der Polizeiaktion 1927 in Wien ein historisch erledigtes Problem – erhält aus dieser privaten Perspektive jedenfalls einen tieferen Sinn.
1923 förderte er Berthold Viertels Theaterprojekt ,Die Truppe‘ mit einem großzügigen Darlehen, wofür sich Viertel im März 1924 mit der Inszenierung von Kraus’ „Traumstück“ am Lustspielhaus Berlin revanchierte. Auch wenn das unkommentiert bleibt, kann man die Glosse beinahe hören, die Kraus in die Feder gelaufen wäre, hätte er Ähnliches von Albert Ehrenstein oder Felix Salten erfahren. Auch unlautere Mittel waren Kraus keineswegs fremd. „Manchmal hat es den Anschein“, so Timms, als ob er etwa Heinrich Heine „um jeden Preis in Misskredit bringen wollte, etwa wenn er fehlerhaft zitiert oder Stereotype bringt, die er doch eigentlich verachtet hat“, genauso wie er „seine Beweisführung“ oft „durch Pauschalurteile“ untergräbt.
Eine besondere Problemzone ist Kraus’ Haltung zum Ende der „parlamentarischen Demokratie“ in Österreich, die 1933 freilich nicht „gescheitert“, sondern von Dollfuß bewusst ausgeschaltet worden ist. Dass Kraus seinen Anwalt selbst 1936 noch gegen einen Sketch im Kabarett Stachelbeere gerichtlich einschreiten ließ, zeigt vielleicht am deutlichsten seine unheilbare Egomanie und bringt die These von seiner „Wandlung zum Demokraten“ in der Ersten Republik doch ins Wanken.

Manche Irritationen

Manches Irritierende im vorliegenden Buch mag der – trotzdem bewundernswerten – Übersetzung geschuldet sein. Was ist gemeint, wenn es heißt, Kraus „verurteilt die Bürgerschicht eher für die soziale Ungerechtigkeit als für wirtschaftliche Ausbeutung“? Anderes hat prinzipiellere Ursachen. Dass es „keinen Hinweis“ gäbe, dass Irma Karczewska, die Kraus 1905 als 15-Jährige zur Geliebten nahm, „sich selbst als Opfer von sexuellem Missbrauch gesehen hätte“, klingt so vertraut euphemistisch wie die Usance, Kraus’ manifeste Misogynie als „antifeministisch“ zu bezeichnen. Und etwas übergriffig wirkt es auch, wenn es über den – zweifellos problematischen – Fritz Wittels heißt, er „war sieben Jahre jünger als Kraus, doch was ihm an Lebensjahren fehlte, machte er durch Unverschämtheit wett“.
Kraus’ „Darstellung gottloser Juden als Verfechter von ,Fortschritt‘ und ,Modernität‘ kommt der Haltung katholischer Reaktionäre sehr nahe“, heißt es an einer Stelle. Doch so deutlich werden die problematischen Aspekte der Person Karl Kraus im vorliegenden Buch selten ausformuliert, häufiger muss man die Schlüsse lesend selber ziehen.
Karl Kraus – Die Krise der Nachkriegszeit und
der Aufstieg des Hakenkreuzes

Von Edward Timms
Bibliothek der Provinz 2016
688 S., geb.,
€ 48,00
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