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Elle - 08/2017

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Der brutale Charme der Bourgeoisie

Mit „Elle“ kehrt der 78-jährige niederländische Regisseur Paul Verhoeven ins Kino zurück. Ein grandioses Vexierspiel mit einer grandiosen Isabelle Huppert in der Hauptrolle.


| Von Otto Friedrich

Zwischen erotischem Begehren und sexueller Gewalt liegt nur ein schma-ler Grat. Auch in der Filmgeschichte fehlt es nicht an Erzählungen über Möglichkeit und Unmöglichkeiten, sich auf derartigem Grat zu halten und nicht in Abgründe zu stürzen. Man denkt an Bernardo Bertolu-ccis Klassiker „Der letzte Tango in Paris“, wo die Triebe das menschliche Treiben auf der Leinwand zum Exzess werden lassen.
„Elle“, Paul Verhoevens Rückkehr ins heimische Kino nach zehn Jahren Abstinenz, ist, was das Explizite betrifft, kein Skandal, aber doch ein Tabu-Brecher: Denn wie hier mit dem Thema Vergewalti-gung umgegangen wird, kann in den Geruch geraten, sexuelle Gewalt leichtfertig für die Dramaturgie einer Filmhandlung (eine Adaption des Romans „,Oh …‘“ von Philippe Djian) einzusetzen.
Solchem Einwand steht jedoch die kompromisslose Gesellschaftsdiagnose entgegen, die „Elle“ in grandioser Weise darstellt. Mag sein, dass diese doch arg zynisch ausfällt. Aber die Art und Weise, wie Paul Verhoeven im Verein mit seiner einmal mehr großartigen Hauptdarstellerin Isabelle Huppert dies umsetzt, macht das Opus des 78-jährigen Niederländers zum Filmereignis ersten Ranges.
Michèle (Huppert) ist die toughe Leiterin einer Firma, die Computerspiele entwickelt, sie hält ihre Beschäftigten streng an der Kandare. Als sie eines Abends in ihre Wohnung in einem Pariser Villenviertel kommt, wartet ein in schwarzer Ganzkörpermaske gekleideter Eindringling auf sie.

Schonungslos, brutal, ungeschönt

Der Film beginnt bildlos nur mit den Geräuschen dieser Vergewaltigung. Aber auch als sich zum Ton dann die Bilder und Schnitte gesellen, bleibt Verhoeven schonungslos: brutal, entwürdigend. Verbrecherisch ist das Geschehen, das der Film ungeschönt zeigt.
Doch Michèle reagiert nicht so, wie man es von einem Opfer erwartet. Sie verständigt keineswegs die Polizei (und tut dies auch in der Folge nicht), sondern wirft die Unterwäsche sowie die im Zuge der Gewalt zu Bruch gegangenen Einrichtungsgegenstände in den Mistkübel und setzt sich dann in die Badewanne.
Irgendwann erzählt sie Freunden beiläufig von der Vergewaltigung – die nicht die einzige bleiben wird; und diese sind entsetzt, dass sie dagegen nichts unternimmt. Nach und nach enthüllt der Plot, dass diese bourgeoise Exis-tenz voller Abgründe ist: Michèle hat ein Verhältnis mit dem Mann von Anna (Anne Consigny), mit der sie gemeinsam die Computer-spielfirma leitet. Und von ihren Spiel-Entwicklern fordert sie immer explizitere Gewaltdarstellungen ei-nes Fantasy-Monsters, das sich im Computerspiel an einer ätherischen Maid vergeht.
Alles in „Elle“ ist ein Vexierbild: Eigentlich jede Figur entpuppt sich – je nach Blickwinkel – als gleichermaßen gut wie als böse, und es gibt kein Setting, das nur einen Augenblick lang beruhigend wäre. Ob eine Vergewaltigung das ist, was sie zeigt – oder die Erfüllung einer sexuellen Fantasie, bleibt ebenso offen wie die Legitimität von Lebensbewältigungen, die einem in „Elle“ auf geradezu aufdringlich bunte und Konventionen hinter sich lassende Weise angeboten werden. Einen durch und durch bösartigen Blick auf diese Gesellschaft erlaubt sich Verhoeven, und er wird in „Elle“ zum genialen Fortführer filmischer Vivisektion der Bourgeoisie, wie sie der Altvordere Luis Buñuel von den 1950er- bis in 1970er-Jahre vorgelegt hat.

In jeder Hinsicht boshafter Film

Dazu passt, dass Michèle selbst mit ihrer dunklen Vergangenheit ins Reine kommen müsste: Sie ist die Tochter eines Serienmörders, aber nicht einmal diese gestohlene Kindheit kann im Eindeutigen bleiben: Ob und wie Michèle etwas mit den Verbrechen des Vaters zu tun hat, lässt „Elle“ – wie so vieles – offen. Eindeutig ist nur, dass das Verhältnis von Michèle zu ihrer Mutter Irène (ebenfalls großartig: Judith Magre) ein gebrochenes ist. Und da wäre noch Nachbar Patrick (Laurent Lafitte), der mit einer gar frommen Ehefrau Rebecca (Virginie Efira; auch hier: Buñuel, schau oba!) gesegnet ist und daher einiges an erotischem Wunschpotenzial mitbringt …
„Elle“ ist mitnichten ein Psychothriller, bei dem es darum geht, einen Vergewaltiger zu enttarnen und zur Strecke zu bringen. Sondern Paul Verhoevens Alterswerk erweist sich als ein in jeder Hinsicht boshafter Film, der seinem Publikum immer dann die lange Nase zeigt, wenn es eine Spur aufgenommen hat. Keine Frage, dass die Michèle dieses Films eine Paraderolle für die Huppert ist.

Elle
F 2016. Regie: Paul Verhoeven. 

Mit Isabelle Huppert, Laurent Lafitte,
Anne Consigny, Judith Magre.

Filmladen. 130 Min.
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