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Die große Heimkehr - 08/2017

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Heimat ist kein Ort

Anna Kim erforscht in ihrem Roman „Die große Heimkehr“ die gewalttätige Herrschaft Koreas und beleuchtet damit erneut Leerstellen in der Geschichte.

| Von Christa Gürtler

„In my solitude / you taunt me / With memories / That never die“, singt Billie Holiday, ihre Stimme und ihre Musik hört die Ich-Erzählerin Hanna aus dem Inneren eines Hauses in Seoul „tröpfeln“, bevor sie den 78-jährigen Archivar Yunho Kang kennenlernt, den Billie Holidays Platte „Solitude“ sein Leben lang begleitet hat und der nun in einer „Höhle aus Geräuschen und Klängen“ und Büchern lebt. Er habe, so erzählt er, viel Zeit in Jazzbars verbracht, „das seien die besten Verstecke, die man sich vorstellen könne“. Und Verstecken musste sich Yunho Kang immer wieder in Seoul, aber auch im japanischen Exil. Der Blues von Billie Holiday ist die amerikanische Stimme „aus einer anderen Welt“, gleichzeitig spiegelt sie Yunhos „Abgeschiedenheit. Einöde. Einsamkeit“, denn „Billie singe, als wäre sie allein auf der Welt, als gäbe es niemanden, der ihr zuhörte.“
Hanna, ein südkoreanisches Kind, das von deutschen Eltern adoptiert wurde, fährt nach 
Seoul, um mehr über Korea zu erfahren, sie möchte wissen, „warum mir meine Eltern die Heimat genommen haben.“ Anna Kims Roman „Die große Heimkehr“ ist keine Rekonstruktion dieser Familiengeschichte, sondern ein brillantes Panorama der Mentalitäten und vielfältigen Vergangenheiten eines geteilten Landes, in dem eine Mutter keine Zukunft für ihr Kind sah.

Mit Literatur Gehör verschaffen

Tatsächlich hing das Überleben des Einzelnen von Familienkonstellationen ab, denn das im südkoreanischen Rechtssystem verankerte „Prinzip der Mitschuld der Blutsverwandten wurde erst Anfang der Achtzigerjahre aufgegeben.“ Es gab in Südkorea Familienregister, in denen die Entwicklung einer Familie festgehalten wurde und die Menschen auf ihren „Stammbaum“ festlegte, der damit nicht nur die Vergangenheit repräsentierte, sondern auch auf die Zukunft verwies. Deshalb wurde es in Nordkorea als Befreiung angesehen, als General Kim Il Sung das Familienregister abschaffte und damit den Menschen Freiheit suggerierte, während er bloß die Familienmacht durch die Staatsmacht ersetzte und sich selbst als Vater etablierte.
Mit Hanna teilt die Autorin Anna Kim ihre Herkunft, sie ist 1977 in Südkorea geboren und hat ebenfalls keine Erinnerungen an ihr Geburtsland, da sie seit ihrem zweiten Lebensjahr zunächst in Deutschland und seit 1984 in Wien lebte und heute in Berlin wohnt. Es ist ihr Aussehen, das sie vielerorts als Fremde markiert und mit dieser Erfahrung der Fremdheit setzt sie sich in allen ihren Büchern auseinander, von ihrem Debüt „Die Bilderspur“ (2004) bis zu ihrem brillanten Roman „Die große Heimkehr“, in dem sie sich zum ersten Mal mit Korea beschäftigt und bei ihren Recherchen entdeckt hat, dass ihr eigener Vater, der starb, als sie elf Jahre alt war, in seinem Heimatland maßgeblich an Demonstrationen beteiligt war.
Für Anna Kim, die selbstbewusst behauptet, „die Fremde ist der Ort, an den ich hingehöre“, ist Literatur eine Möglichkeit, Geschichtsbilder zu hinterfragen, denn Geschichte gehört „demjenigen, der sich Gehör verschafft“. Dass sie sich mit ihrer Literatur Gehör verschaffen kann, das hat sie schon in ihren Romanen „Die gefrorene Zeit“ und „Anatomie einer Nacht“ bewiesen, die von den Leerstellen in der Geschichte des Krieges im Kosovo und der Kolonialgeschichte Grönlands erzählen. Ihre politische Verantwortung sieht sie in ihrer Rolle, das Story-Telling nicht den Siegern zu überlassen. Und tatsächlich begreifen wir bei der Lektüre ihres spannenden Romans „Die große Heimkehr“ ein wenig mehr von den unfassbaren historischen Verwerfungen eines Landes, das 1910 von Japan annektiert und nach 1945 von den Besatzungsmächten Sowjetunion und USA geteilt wurde in Nord- und Südkorea.

Nur eine Wahrheit?

Yunho Kang ist der Erzähler der brutalen Geschichten, die von den Ereignissen in Seoul 1959 und Osaka 1960 ausgehen und den Bogen weit in die Vergangenheit und bis in die Gegenwart spannen und die Kontinuität permanenter Gewalt und Grausamkeit bezeugen, die eine Trennung von politisch und privat gänzlich obsolet erscheinen lassen. Yunho und sein Freund Mino Kim wuchsen in Nonsan, einem kleinen Dorf im Westen Südkoreas auf, Johnny als Sohn eines Schuldirektors, Yunho als Sohn des Pförtners. Minos Vater wirft Yunho aus seinem Haus, als er erfährt, dass sich Yunhos Bruder einer nordkoreanischen Guerilla-Gruppe angeschlossen hat und damit seine ganze Familie gefährdet. Yunho muss deshalb fast drei Jahrzehnte als illegaler Flüchtling leben. Nach Jahren kreuzen sich die Wege der beiden Freunde in Seoul wieder, Yunho kann bei Mino einziehen, aber da heißt er schon Johnny, studiert an der Universität und ist mit Eve liiert, einer geheimnisvollen Frau, die auch die große Liebe von Yunho wird und mehrere Namen hat: Eve Moon, Yunmee Moon, Mizuki Takahashi, Eve Lewis. Gleich zu Beginn des Romans erfahren wir aus einem von Hanna übersetzten Brief an Yunho, dass sie in einem amerikanischen Altersheim als Mrs. Lewis verstorben ist. Wer war Eve wirklich, wer war 
Johnny, auf welchen Seiten standen sie? Liebe, Freundschaft und Verrat bestimmen die Dreiecksbeziehung über Jahrzehnte und schließlich muss Yunho einsehen, dass man niemanden kennt und dass es nicht nur eine Wahrheit gibt.

Fragile Identitäten

„Damals war es nicht ratsam, sich auf eine Identität zu verlassen, und zu keiner Zeit war es einfacher, sich mehrere zuzulegen oder die eine, die man besaß, gegen eine andere einzutauschen. Und selten war Identität so fragil, sie zerbrach oft an einem Blatt Papier.“ Um zu überleben, musste man in Südkorea mit Identitäten jonglieren, bewegte sich zwischen Kommunisten, Spionen, Überläufern, Kollaborateuren, der Nord-West-Jugend, einer antikommunistischen und paramilitärischen Schlägertruppe im Dienst der Militärregierung Südkoreas und der japanischen Geheimpolizei und geriet rasch zwischen die Fronten.
Yunho weiß nicht, wem er trauen kann, er schließt sich einer geheimen revolutionären Gruppe an und bekennt Eve, dass er sie „wie ein Heimatloser liebe, der endlich sein echtes Zuhause gefunden hat.“ Als Johnny bei einer Demonstration einen Gegner tötet, fliehen alle drei mit einem Schiff nach Japan und geben sich dort als Geschwister aus. In Osaka wartet aber nicht die Freiheit auf sie, denn die Koreaner werden dort als Barbaren und Menschen zweiter Klasse gettoisiert und haben keinen Anspruch auf japanische Hilfe. Das nordkoreanisches Propagandaprogramm „Die große Heimkehr“ bot den Zainichi, den „vorübergehend in Japan Verweilenden“ eine neue (alte) Heimat, die Rückkehrer aber fanden sich in desolaten Verhältnissen wieder. So waren die Wohnungen zwar mit Wasserklosetts ausgestattet, aber es gab kein fließendes Wasser in den Häusern, dafür Verhaftungen und Verfolgung.
Nur Yunho erlebt von den drei Freunden seinen Lebensabend in Seoul, doch für ihn ist es keine Heimkehr, denn er kann Hanna nur „das Leben eines Fremden“ erzählen. Auch Hanna glaubt „nicht an den Ort Heimat“.
Anna Kim gelingt mit ihrem Roman „Die große Heimkehr“ eine ebenso sinnliche wie erkenntnisreiche Annäherung an Geschichte und Gegenwart Koreas, die uns in eine fremde Welt eintauchen und dabei Billie Holidays „Blue Moon“ hören lässt.


Die große Heimkehr
Roman von Anna Kim 

Suhrkamp Verlag 2017,

558 S., geb., € 24,70
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