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Der Lärm der Zeit - 07/2017

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Drei Arten, eine Seele gezielt zu zerstören

Nacht für Nacht darauf warten, abgeholt zu werden; Reden halten, die der eigenen Meinung widersprechen; einer Partei beitreten, der man sich nie anschließen wollte: Julian Barnes erkundet das tragische Leben des Komponisten Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch.


| Von Brigitte Schwens-Harrant

Jeden Abend packt der Mann seinen Koffer mit „Zigaretten, Unterwäsche und Zahnpulver“, zieht sich an und stellt sich ins Treppenhaus vor den Aufzug. Und wartet. Manchmal fährt er ein paar Stockwerke hinunter, und dann wieder hinauf in den fünften Stock. „Das geschah nicht zum ers-ten Mal, und das Muster blieb immer gleich. Es wurde nie ein Wort gewechselt, weil Worte gefährlich 
waren. Immerhin war es gerade noch möglich, dass er aussah wie ein Mann, der von seiner Frau Nacht für Nacht demütigend hinausgeworfen wurde, oder wie ein Mann, der wankelmütig Nacht für Nacht seine Frau verließ und dann zurückkehrte. Wahrscheinlicher aber war, dass er genau so aussah wie das, was er war: ein Mann, der wie hundert andere in der Stadt Nacht für Nacht auf seine Verhaftung wartete.“
Nacht für Nacht steht er da, um sich nicht rasch vor einem NKWD-Mann anziehen zu müssen; die Angehörigen sollen nicht Augenzeugen werden, wenn er plötzlich aus der Wohnung gezerrt wird. So aber sieht es aus, als hätte er alles unter Kontrolle. Es sieht aus, als hätte er keine Angst.
Abgeholt wird Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch nicht, aber Angst hat er und kaputt macht dieses Warten. Was der britische Schriftsteller Julian Barnes in seinem soeben auf Deutsch erschienenen Roman „Der Lärm der Zeit“ beschreibt, ist kein Einzelschicksal, auch wenn Barnes darin die besondere Geschichte eines der bekanntesten Komponisten des 20. Jahrhunderts erzählt.
Anfang des Jahres 1936 war der in St. Petersburg geborene Musiker Schostakowitsch gerade 29 Jahre alt, er war erfolgreich – und erfolgreich war auch seine erste Oper „Lady Macbeth von Mzensk“, gespielt in Europa und Amerika. Die Aufführung am 26. Jänner im Bolschoi Theater in Moskau sollte eine entscheidende Wende bringen: Stalin hörte zu. Für den Komponisten Schostakowitsch ging schief, was nur schief gehen konnte: Dirigent und Orchester waren nervös, das „Orchester wurde lauter und lauter; und wann immer Schlagzeug und Blech fortissimo unter der Loge dröhnten – laut genug, um Fensterscheiben zerspringen zu lassen –, zuckten die Genossen Mikojan und Schdanow theatralisch zusammen, wandten sich der Gestalt hinter dem Vorhang zu und machten spöttische Bemerkungen. Als das Publikum am Anfang des viertes Akts zur Regierungsloge hochschaute, fand es sie verlassen.“ Stalin war vorzeitig gegangen. Kein gutes Zeichen.

Drohende Musikkritik

In der Prawda las Schostakowitsch zwei Tage später in einem Beitrag mit dem Titel „Chaos statt Musik“, dass seine Musik „quakt, grunzt und knurrt“, „er habe aus derselben vergifteten Quelle getrunken, die auch der Ursprung ‚linksabweichlerischer Entartungen in der Malerei, Dichtung, Pädagogik und Wissenschaft‘ sei. Und falls es noch deutlicher gesagt werden musste – und das musste es immer –, wurden die linksabweichlerischen Entartungen als Abkehr von der ‚wahren Kunst, wahren Wissenschaft und wahren Literatur‘ hingestellt.“ Das Dokument ging in die Musikgeschichte ein, die Drohungen darin waren unmissverständlich: „Dieses raffinierte Spiel aber kann böse enden.“ In Zeiten, in denen auch Musiker denunziert und ermordet wurden, wusste Schostakowitsch die Warnung zu lesen.
Barnes’ Roman fragt – durchaus aktuell – nach der Möglichkeit von Musik (und Kunst) in Zeiten der Diktatur, er thematisiert die Bedeutung, aber auch die Grenzen von Ironie und erzählt vom Leben eines Künstlers, der kein Held ist, sondern eher ein ganz normaler Feigling, wie es wohl viele gab und gibt. Denn in „Stalins Russland gab es keine Komponisten, die mit einem Stift zwischen den Zähnen schrieben. Von nun an würde es nur zwei Arten von Komponisten geben: die einen waren am Leben und hatten Angst, die anderen waren tot.“

Statt Freiheit Angst

Was Wunder, dass nach dem anonym verfassten Prawda-Artikel Kritiker ihre Meinung änderten, dass bisherige Schostakowitsch-Anhänger in seinem Werk plötzlich auch die Gefahren von „Formalismus, Kosmopolitismus und Linksabweichung“ sahen, dass sich Kollegen und Freunde von Schostakowitsch distanzierten und sogar das gefährliche Wort „Volksfeind“ fiel. Der Traum eines Musikers, Künstler würden „aus freiem Willen und ohne jede politische Direktive dazu beitragen, dass die Seelen ihrer Mitmenschen blühten und gediehen“, wurde von den Bürokraten der Macht durch Angst ersetzt.
Jede Menge Bücher und Interpretationen gibt es über Schostakowitsch, auch Literaten haben sein Leben thematisiert bzw. versucht, in Schostakowitschs Musik zu lesen, wie etwa William T. Vollmann in „Europe Central“ (2005) oder Richard Powers in „Orfeo“ (2014). In Biografien und Monografien werden Schostakowitschs Werke analysiert. Hat der Komponist der Macht zugearbeitet oder in seiner Musik gar subversive Gegenstimmen eingebaut?

Nicht nur Musik

Julian Barnes gibt die Quellen an, auf die er für seinen Roman zurückgegriffen hat, allen voran Elizabeth Wilsons Monografie aus dem Jahr 1994 und Solomon Volkovs „Zeugenaussage. Die Memoiren des Dmitri Schostakowitsch“ aus dem Jahr 1979. Das Interpretieren der Musik aber lässt Barnes sein. Die Musik gehört der Musik, nicht der Macht, so zeigt er seinen Schostakowitsch überzeugt. Doch Schostakowitschs Versuch, unbehelligt von der Geschichte einfach nur Musik zu machen, scheint gescheitert. Zu viel hat er sich in die Pflicht nehmen lassen, hat er Reden gelesen, die nicht seine Meinung widergaben, hat er Unterschriften geleistet gegen seine Überzeugung.
„Er wusste nur eins: Dies war die schlimms-te Zeit“ – so beginnt das erste Kapitel „Auf der Treppe“, in dem Schostakowitsch nachts im Stiegenhaus steht und darauf wartet, abgeholt zu werden. „Er wusste nur eins: 
Dies war die schlimmste Zeit“, lautet der erste Satz des zweiten Kapitels „Im Flugzeug“. Da befindet sich Schostakowitsch bereits auf dem Rückflug von New York, wo 
er an seiner grandiosen Demütigung selbst mitgewirkt hat, indem er Reden hielt, die das Gegenteil verkündeten, von dem, was er dachte. Strawinsky habe sein Vaterland verraten, wird er dort zitiert – dabei schätzt er den Kollegen außerordentlich.
„Er wusste nur eins: Dies war die allerschlimmste Zeit“, so beginnt das dritte Kapitel „Im Auto“, und das ist erstaunlich, denn inzwischen ist Stalin gestorben. Doch gerade jetzt gelingt es der Partei, Schostakowitsch einen Beitritt abzuringen, obwohl er sich nie einer Partei anschließen wollte, „die Menschen umbringt“, und mit dieser Einstellung und ohne Parteimitgliedschaft sogar die Stalinzeit überstanden hat.
Drei Daten, drei Orte, drei Kapitel, drei Arten der Zerstörung einer Seele erzählt Barnes in seinem Roman: „Eine Seele konnte auf dreierlei Art zerstört werden: durch das, was andere einem Menschen antaten; durch das, was ein Mensch sich selbst antat, weil andere ihn dazu trieben; und durch das, was ein Mensch sich aus freien Stücken selbst antat. Jede einzelne Methode erfüllte ihren Zweck; wenn aber alle drei zusammenkamen, waren die Folgen unausweichlich.“


Der Lärm der Zeit

Roman von Julian Barnes
Aus dem Engl. von Gertraude Krueger
Kiepenheuer & Witsch 2017
245 Seiten, geb., € 20,60
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