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Der Betrachter- 06/2017

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„Mein geistiges Leben 
haben Traumata aktiviert“

Mit dem posthum erschienenen Band „Der Betrachter“ liegen nun die Notate des ungarischen Schriftstellers und Nobelpreisträgers Imre Kertész lückenlos bis 2009 vor.

| Von Maria Renhardt

„Ich bin Jude, Eklektiker, Existentialist, Religionsloser, Gläubiger, exilierter Umherziehender, der zu Hause nicht zu Hause ist, dessen einzige Identität die Identität im Schreiben ist“, hält der ungarische Schriftsteller und Nobelpreisträger Imre Kertész 1995 in seinem Tagebuchband „Der Betrachter“ fest, der nun posthum, ein halbes Jahr nach seinem Tod, im Rowohlt Verlag erschienen ist. Es ist das Bild eines Zerrissenen, das er hier zeichnet, eines Menschen, den seine Wurzellosigkeit sein Leben lang begleitet hat, der ungarisch schreibt und europäisch denkt. Die Entwurzelung gründet in der Begegnung mit Schrecken, Tod und Massenvernichtung. 1944 wird Kertész im Alter von 14 Jahren nach Auschwitz deportiert und später nach Buchenwald überstellt. Diese biografische Zäsur lässt keine Normalität mehr zu.
Irgendwann, auf das Jahr 1954 datiert er den Entschluss, führt sein Weg zum Schreiben, der von seiner ersten Ehefrau Albina in besonderer Weise unterstützt wird. Dass er zugleich auch ein Tagebuch führt, sieht Kertész einerseits als „metaphysische Pflicht“, andererseits aber auch als notwendige Erinnerungskultur. Die nun erschienenen Aufzeichnungen protokollieren die Jahre 1991 bis 2000. Somit liegen nun gemeinsam mit dem „Galeerentagebuch“ und der „Letzten Einkehr“ von 1961 bis 2009 durchgehend tagebuchartige Notate vor.

Tiefgründig und philosophisch

Bei der Lektüre des „Betrachters“ wird sehr schnell klar, dass man es hier nicht mit gewöhnlichen Tagebuchaufzeichnungen zu tun hat. Es handelt sich um einen Text von großer Tiefgründigkeit und philosophischer Schärfe, der Kertész’ geistige Entwicklung, schwierige Schreibprozesse, aber auch sehr viel Persönliches widerspiegelt. Durch diesen Band mäandern sich seine Lebensthemen, später haben sie noch einmal in der „Letzten Einkehr“ eine tiefe Spur hinterlassen.
Zeit seines Lebens hat er das Gefühl, kein „echtes Schriftstellerleben“ zu führen: „Ich lebe nicht das blinde, im Dunkeln stochernde, kämpferische Leben, das die Keime zu Pflanzen aufspringen läßt ...“.

Randposition und Repressionen

Das Schreiben ist ein schmerzvoller Prozess. Es hat zu tun mit der „Artikulation der eigenen Fremdheit“. Buchtitel wie „Ich ein anderer“ zeugen davon: „Muß man nicht in Zeiten der Auslöschung – und des Verschwindens – des Individuums die Individualität ... in den Mittelpunkt stellen?“ Kertész hat nicht nur den Holocaust überlebt, der sich als Gedächtnisspur unauslöschlich in ihm eingebrannt hat, sondern auch politisch schwierige Zeiten in Ungarn. Die Zeit des Kommunismus verbringt er völlig isoliert ohne nennenswerte Publikationsmöglichkeiten, mit Übersetzungen und kleineren Texten hält er sich über Wasser. Sein Ruhm kommt spät und wird ganz und gar nicht in Ungarn begründet. Mit seiner Randposition, den Repressionen und der fehlenden Anerkennung in seinem Heimatland, das ihm eigentlich „feindselig“ gegenübersteht, hadert er sein Leben lang: „Ich muss mich damit arrangieren, daß ich zwar ungarisch, trotzdem aber in einer Fremdsprache schreibe, die man in Ungarn nicht versteht.“ Den Vergleich zu Kafka zieht er selbst. Keine Zeile finde sich in der ungarischen Literaturgeschichte über ihn. Seine „Überflüssigkeit“ habe ihm nichtsdestotrotz „Flügel verliehen“. Es mutet fast als Versöhnungsgeste an, dass ihm „am meisten Liebe“ von Deutschland entgegengebracht wird. Scherzhaft begreift er sich als „Dudelsackpfeifer“, der immer weiterzieht, dorthin, wo man seine Musik versteht und liebt.
Ein Abschnitt ist dem Tod seiner ersten Frau Albina gewidmet. Es ist der bewegende und behutsame Abschied von einer Frau, die 42 Jahre an seiner Seite war und deren Sterben ihn im Hinblick auf das Schreiben geradezu verstummen lässt, gleichzeitig aber eine tiefe Auseinandersetzung mit Liebe und Tod anstößt. Minutiös belichtet Kertész die Narben und Wunden auf seiner emotionalen Landkarte angesichts ihres physischen Verfalls und ihrer letzten Stunden vor dem Tod, den unsäglichen Schmerz, Schuld, Trauer und Liebe: „Ich liebe ihr Wesen, alles, was sie ist, die Idee von ihr, die Erinnerung, die Wirklichkeit, ihre Seele, ihr innerstes Wesen, sie selbst ...“ Er ringt mit ihrem sukzessiven Weggehen, während sie langsam Teil einer anderen Welt wird. Magda, die er ein Jahr später heiratet, ist an seiner Seite und trägt ihn durch die schwere Zeit.

Kertész ist ein Suchender

Kertész hat sich als Intellektueller mit den literarischen und philosophischen Größen seiner Zeit eingehend beschäftigt. Neben Schopenhauer, Adorno oder Cioran sind ihm Camus, Nietzsche, Kafka und Beckett besonders nahe, auch Sandor Marai, ein ungarischer Schriftstellerkollege. Die Fragen nach Gott im Spiegel des Menschseins, Reflexionen über die Existenz und das Jenseits stehen dabei im Zentrum - immer auch im Kontext des Holocaust: „Auschwitz als Ergebnis des zu Ende gedachten Antisemitimus“ und damit verbunden die unerschütterliche Überzeugung, dass Auschwitz auch „unter der Öffentlichkeit des Fernsehens“ möglich gewesen wäre. In Auschwitz sieht er seine Wurzeln, aber auch in der „Offenbarung des Johannes“. Nicht umsonst heißt es an einer Stelle ganz lapidar: „Mein geistiges Leben haben Traumata aktiviert.“ All das mündet immer wieder in ein Ringen um Gott und die Schöpfung. Das Leben erweist sich als fragil, zufällig, plötzlich hinwegfegbar. Zur Wahrheit zu gelangen ist dabei mehr als müßig.
Kertész ist ein Suchender. Die Verletzungen seines Lebens lassen sich nicht abschütteln. Seine Aufzeichnungen zur politischen und gesellschaftlichen Situation des 20. Jahrhunderts sind als mutige, scharfsichtige und luzide Zeitdiagnose zu sehen; sie mahnen zur Weitsicht, was gegenwärtige Entwicklungen betrifft. Dass unter den Neonazis und Neonationalisten auch viele ehemalige kommunistische Spitzel zu finden sind, ist für ihn nur allzu schlüssig. Dieser dichte Text evoziert eine radikale Hingabe an die Geisteswelt eines Menschen, der das Betriebssystem dieser Welt zu verstehen versucht und trotz allem versöhnlich schließt: „Solange du lebst, sei glücklich, weil allein das Glück des Lebens würdig ist, sonst vegetierst du würdelos.“


Der Betrachter
Aufzeichnungen 1991 – 2001 

Von Imre Kertész 

Rowohlt 2016, 254 S.,
geb., € 20,60
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