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Das Biest - 01/2017

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Staubtuch und scharfe Zunge

Der niederländische Autor A. F. Th. van der Heijden entwirft in seinem jüngst auf Deutsch 
erschienenen Roman „Das Biest“ eine ziemlich anstrengende Tante – mit tragischer Geschichte.

| Von Brigitte Schwens-Harrant

Der Anfang gehört zum Besten dieses Buches: „Wann immer Tante Tiny ein Wohnzimmer betrat, selbst bei wildfremden Leuten, zog sie sofort ein knallgelbes Staubtuch aus ihrer Jackentasche, um damit unauffällig links und rechts über die Armlehnen zu wischen. Das ging so schnell, auch das Einstecken des Lappens, dass jeder Augenzeuge sich zu Recht fragen konnte, ob er es denn wirklich gesehen hatte – hätte nicht diese grellgelbe Flamme, die für einen Moment aus ihrer Hand gezüngelt war, auf jedermanns Netzhaut nachgeglüht.“

Kampf gegen das Schweigen

Wie in einer Ouvertüre finden sich in diesen ersten Sätzen wichtige Motive angeführt: allen voran die Putzwut – und damit auch die Themen Sauberkeit und Unter-den-Teppichkehren –, und die grelle Flamme: Denn die Zunge von Tientje Putz, wie Tante Tiny – allerdings nie in ihrer Hörweite – genannt wird, ist scharf und stets bereit. Tante Tiny zückt diese ihre schärfste Waffe, kaum betritt sie das Haus ihrer Eltern – und das tut sie oft und regelmäßig. Und bei jedem Besuch attackiert sie Eltern und 
Schwester mit den immer selben Vorwürfen.
Tinys Kampf gegen das Schweigen einer Familie ist zu Beginn noch glaubwürdig und faszinierend, doch je öfter dieses Schweigen behauptet wird, ohne erzählerisch gestaltet zu sein, desto unglaubwürdiger wird die Sache. Der Vater etwa spricht, auf sein Fehlen bei der Geburt der Tochter angesprochen, sofort – keine Spur von Schweigen. Und was für ein folgenreiches Unheil Tiny in ihrer Kindheit widerfahren ist (an dem auch die Mutter des Ich-Erzählers Albert beteiligt war), ahnen rasch auch die Leser. So dunkel, so unbekannt, so geheimnisvoll ist dieses Geheimnis gar nicht.
Mit der Zeit verläuft sich daher die Brisanz des Einstiegs, tritt der Roman auf der Stelle, wirken die unendlichen Wiederholungen der Auftritte und Ausbrüche der Tante redundant. Auch die Konstruktion des Lügengespinstes, das Tinys Ehe zusammenhält, nützt sich ab. An die bisherigen Werke des Autors reicht der Roman „Das Biest“ nicht heran.
A. F. Th. van der Heijden ist ein Mann großer Romanprojekte. Er gilt als einer der wichtigsten Schriftsteller in den Niederlanden, hierzulande ist er eigenartig unbekannt, obwohl das Verlagshaus Suhrkamp seine Werke betreut. 1983 begann er mit „Die Schlacht um die Blaubrücke“ seinen bisher siebenbändigen Romanzyklus „Die zahnlose Zeit“. In diesen Romanen tritt Albert Ebgerts auf, seine Geschichte wird beginnend mit der Geburt am 30. April 1950 (just der Königinnentag!) erzählt – und damit scheint auch niederländische Nachkriegszeit auf.

Boshaft veranlagte Tante

Im Roman „Das Gefahrendreieck“ tauchte Tiny bereits auf, als eine etwas boshaft veranlagte Tante, wie es dort hieß. Dieser Tante widmete A. F. Th. van der Heijden nun seinen jüngsten Roman, er erzählt die nicht unheikle Beziehung zu ihrem Neffen, mit dem die Tante im Bett nicht nur Schokoladeneier teilt. Zu den stärksten Momenten gehört die erzählte Ambivalenz. So wie die se Tante nicht nur grausam, sondern auch recht sympathisch sein kann, ist die Geschichte ebenso tragisch wie komisch. Gut und Böse liegen nahe beieinander, und der Ich-Erzähler selbst spielt eine äußerst ambivalente Rolle, etwa wenn er ohne einzugreifen zusieht, wie seine alte Mutter von ihrer jüngeren Schwester gedemütigt wird.
Wen weniger Tante Tinys Schicksal als vielmehr A. F. Th. van der Heijdens Können interessiert, dem seien seine früheren Romane empfohlen, unter anderem „Tonio“, in dem der Autor berührend und selbstreflexiv den Tod seines eigenen Sohnes literarisch verarbeitet hat.


Das Biest
Roman von A.F.Th. van der Heijden
Aus dem Niederländ. von Helga van Beuningen

Suhrkamp 2016, 300 S., geb.,
€ 24,70
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