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Das offene Boot und andere Erzählungen - 51/

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Vom Warten auf Wärme im Schneesturm

Mit „Das offene Boot“ schrieb er sich vor über einem Jahrhundert in die Literaturgeschichte ein. Die Erzählungen von Stephen Crane, die soeben erschienen sind, beeindrucken nicht nur als schönes Buch, sondern vor allem aufgrund der Schreibkunst des Autors.


| Von Brigitte Schwens-Harrant

„Etwa um drei Uhr an diesem Februarnachmittag begann der Blizzard große Wolken von Schnee die Straße entlangzuwirbeln, fegte ihn von den Dächern und vom Straßenpflaster auf, bis die Gesichter der Passanten kribbelten und brannten wie von tausend Nadelstichen. Die auf den Gehsteigen duckten sich tief in ihre Mantelkragen und gingen allesamt gebückt, als gäbe es nur noch Alte auf der Welt.“

Atmosphäre und Details

Die Art und Weise, wie Stephen Crane in seiner kurzen Prosa „Die Männer im Sturm“ die Situation eines winterlichen Sturmnachmittags skizziert, wie er dabei Atmosphäre herstellt und vermittelt, packt von der ers-ten Zeile an. Deutlich wird in diesem Text auch Cranes außergewöhnliche Kunst der Beobachtung. Ende des 19. Jahrhunderts geschrieben, als das neue Medium Film noch in den Kinderschuhen steckte, muten Cranes Erzählungen selbst oft wie Filme an.
Zunächst „filmt“ Crane in der Totalen: Kutschen fahren da durchs Bild und Straßenbahnen, die Pferde kommen auf dem Schneematsch ins Rutschen, Menschen eilen zu ihren heißen Abendmahlzeiten. Dazu treten die Geräusche: auf der Hochbahn rumpeln die Züge, die Schneemassen mildern den Lärm auf dem Kopfsteinpflaster, das Schneeschaufeln erinnert „an ein Leben auf dem Land, wie es jeder auf die eine oder andere Weise zu kennen glaubt.“
Dann zoomt Crane sich näher heran: Vor einem Gebäude mit geschlossenen Türen versammeln sich immer mehr Männer verschiedenster Herkunft, Amerikaner, Deutsche, Iren. In der Kälte drängen sie sich wie Schafe aneinander, die Fäuste in die Taschen gebohrt, sie warten, dass die Türen sich öffnen, sie warten auf ein Bett für die Nacht und auf Kaffee und Brot am Morgen, sie warten auf Eintritt ins Obdachlosenheim.
Crane beobachtet und beschreibt, und so wie der Schnee immer noch auf die gebeugten Köpfe der Wartenden saust – bis die Männer „aus großer Höhe aussehen mochten wie eine Lieferung schneebedeckter Waren“ –, so wirbelt der Schnee auch nach einigen Seiten noch durch den Text, ohne dass dieser je langweilig würde oder redundant oder gar banal.
Noch näher zoomt sich Crane schließlich heran, und man sieht die Veränderung in den Gesichtern derer, die schließlich eintreten können, ins Warme und Helle. Hoffnung und Erlösung finden sich hier beschrieben, ohne dass diese großen Worte je fallen müssten.
Stephen Crane konnte wirklich schreiben. Das zeigt der soeben im Mareverlag erschienene Band „Das offene Boot und andere Erzählungen“, grandios übersetzt von Lucien Deprijck. In Literaturwerkstätten müssten Cranes Texte gelesen werden, um von ihm das Handwerk zu lernen, das des Beobachtens ebenso wie das des Beschreibens.

Schiffsbruch mit Folgen

Crane hatte 1897 als 25-jähriger Korres-pondent einer New Yorker Zeitung den Untergang des Dampfers Commodore überlebt, der von Florida unterwegs nach Kuba war. Zu viert saßen sie in einem Boot, der Kapitän, der Maschinist, der Schiffskoch und er, hofften auf Rettung und sahen andere ertrinken. Das traumatische Erlebnis zog in der Folge seine Spur, möglicherweise durch Cranes Gesundheit – er starb bereits 1900 an Tuberkulose –, sicher aber durch seine literarischen und journalistischen Texte. Statt wie ge-plant eine Reportage über den Unabhängigkeitskrieg, über Kuba und die heimlichen Waffenlieferungen, verfasste Crane einen Artikel über den Schiffsbruch – „Der Schiffbruch der Commodore“ –; aus dem Umstand, dass er selbst mit an Bord saß, machte er jene Kurzgeschichte „Das offene Boot“, mit der er sich in die amerikanische Literaturgeschichte einschrieb – und mit der auch dieser schön gestaltete Band eröffnet.
Wie traumatisch das stundenlange Verharren zu viert auf dem Boot gewesen sein muss, zeigten Cranes letzte Lebenstage, er verbrachte sie im Fieberwahn. „Es ist furchtbar mit anzuhören, wie er versucht, im Rettungsboot die Plätze zu tauschen“, schrieb seine Lebensgefährtin in einem Brief.
Beobachtungs- und Beschreibungskunst, der Sinn für Details und Symbolik und der Einsatz von sparsamen sprachlichen Mitteln zeichnen Cranes Texte aus. Der Autor verarbeitete auch seine Erfahrungen als Korrespondent im Türkisch-Griechischen Krieg 1896/97 literarisch, etwa in der Erzählung „Der Tod und das Kind“. Unspektakuläre Szenen tragen in seinen oft so nüchtern erzählten Texten das Spektakuläre in sich. In „Ein kleiner Unhold“ etwa stiehlt ein Junge einem anderen das Spielzeug, die kurze Prosa bringt die tragische Kluft der Gesellschaft zum Vorschein, schlicht und einfach erzählt und gerade deswegen groß in der Wirkung.


Das offene Boot und andere Erzählungen
Von Stephen Crane
Aus dem amerikan. Englisch übersetzt 

und herausgegeben von Lucien Deprijck
mare 2016
231 S., geb., € 26,80
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