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Wir ohne Wal - 50/2016

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Wer den Wal hat ...

Literarisches debüt


| Von Evelyne Polt-Heinzl

Aktuell will jeder Verlag pro Saison mindestens eine Neuentdeckung präsentieren und nicht nur Absolventinnen und Absolventen von Dichterschulen werden von den Lehrenden gleich in großen Verlagshäusern untergebracht. Doch das gilt primär für Debütromane, weshalb Verleger mitunter zu genremäßigen Mogelpackungen greifen. So ist Birgit Birnbachers Prosadebüt „Wir ohne Wal“ eigentlich kein Roman – übrigens genauso wenig wie Eva Schmidts Buch „Das Jahr ist lang“, das es auf der Shortlist des Deutschen Buchpreis schaffte. In beiden Fällen aber ist das eine Stärke der Autorinnen, die mit dem Untertitel ,Roman‘ gleichsam zu einer Schwäche umetikettiert wird.
Das genuine Terrain der 1985 in St. Johann im Pongau geborenen Birgit Birnbacher scheint jedenfalls die Erzählung. Mit wenigen Sätzen vermag sie eine Szenerie zu errichten und mit lebendigen Schicksalen zu bevölkern, in die man unmittelbar und zugleich vom Rand her hineinkippt. Aus der Perspektive und in der Sprache der wechselnden jugendlichen Figuren werden Ausschnitte ihres Alltags ins Bild gerückt – die improvisierte Party im nächtlichen Freibad, ein Streit in der Salzburger Ausgehmeile, der Kampf mit Phobien, Drogenproblemen und ungeklärten Liebesgeschichten, die Überforderung mit dem eigenen Leben, das endlich beginnen sollte, und letztlich eine Sehnsucht nach der verlorenen, auch zurückgewiesenen Nähe zur Familie.

Ein Generationenporträt aus Episoden

Zusammen ergeben die Episoden das Porträt einer Generation, die scheinbar alles hat und dort, wo Eltern und Großeltern noch auf Erspartes zurückgreifen können, in materiellem Wohlstand lebt. Nur die Chance auf Kontinuität und Berechenbarkeit ihrer Lebenswege, die für alle Nachkriegsgenerationen bisher selbstverständlich schien, knippst die Gesellschaft mit dem Abbau des Sozialstaates und der Reduzierung der Wahlmöglichkeiten gerade aus.
Dabei scheint irgendwie alles möglich. Kein Problem, ein Kunstprojekt zu realisieren, das monatelang einen riesigen weißen Wal über der Stadt Salzburg schweben lässt, aber das heißt noch lange nicht, dass daraus die Option einer Existenz als Künstlerin erwüchse. Kein Problem, in irgendeinem mehr minder geheimen Nackt-Club zu verkehren, aber das bringt einen mit großer Wahrscheinlichkeit einer erfüllten Beziehung keinen Schritt näher. Und kein Problem, im Drogenrausch ein linkes Ding zu drehen, aber aus dem Setting Jugendkriminalität dann wieder herauszufinden, ist keine einfache Angelegenheit. Dass heute an jeder Ecke Therapeuten zur Stelle sind, scheint insgesamt nur mäßig hilfreich.
Alle Figuren beklagen die Enge der Kleinstadt, die viele Richtung Wien verlassen, was die Zurückbleibenden glauben macht, dort wäre alles besser. Sie verbeißen sich – wie die Generationen der 1970er Jahre – in die Vorstellung der „Provinz“ als Wurzel ihres Lebensunglücks. Das verbindet sie vielleicht mehr als das Bild des weißen Wals, der einige Monate über ihrer aller Köpfe schwebt, und auch mehr als die ,realen‘ Verbindungsstellen, mit denen die weitgehend autonomen Erzähleinheiten miteinander verknüpft werden.
Beeindruckend aber ist Birnbachers sprachliches wie dramaturgisches Talent. Dass sie für ihr Debüt bereits eine Reihe von Auszeichnungen wie den Rauriser Förderungspreis oder den Preis der Jürgen-Ponto-Stiftung erhielt, ist eine erfreuliche Sache – nicht nur für die Autorin, denn keinesfalls schaffen immer die besten Debüts den Weg in den Literaturbetrieb, in diesem Fall aber eben doch.


Wir ohne Wal
Erzählungen von
Birgit Birnbacher
Jung und Jung 2016.
168 S., geb., € 18,–
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