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Martiniloben - 50/2016

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Volkstümelnd gegen die Probleme der Zeit

Ländliche Idylle – mehr Schein als Sein, muss Mona nach ihrem Umzug aufs Land feststellen.
Als Außenseiterin im Mikrokosmos Dorf erlebt die Heldin in Marlen Schachingers „Martiniloben“
politisch raues Klima. Ein dystopischer Roman – der sich als Thriller entpuppt.


| Von Anton Thuswaldner


Lange hatte das Dorf in der Literatur keinen guten Stand. Großstadt war angesagt, weil sich hier all das ereignete, was in die Zukunft wies. Zudem setzten sich zeitgenössische Schriftsteller nicht gern dem Vorwurf des Konservativismus aus, dass sie auf dem Land eine Idylle vorfänden, die der Überprüfung nicht standhielte. Die Stadt als Ort der Anonymität, der Geschwindigkeit, der Gewalt, des Asphalts und des Betons als Widerpart des Dorfes, wo sich die Menschen untereinander kennen und Nachbarschaftshilfe als selbstverständlicher Wert gilt, die Natur als Rückzugsgebiet für vom Druck der Wirtschaft überforderte Arbeitsbienen – dieser Gegensatz hat ausgespielt. Das wissen österreichische Autoren wie Reinhard Kaiser-Mühlecker oder Gerhard Roth sehr genau. Die Niederösterreicherin Marlen Schachinger passt gut in die Reihe jener, die in der Provinz nichts anderes als die große Gesellschaft in der Nussschale sehen. Alles, was unsere Gegenwart ausmacht, findet sie im Dorf auch, im überschaubaren Rahmen also, sodass jene Konflikte, die uns heute bedrängen, ein Phänomen sind, das überall vorzufinden ist.

Eine Heldin aufrechten Gangs

Mona hat sich das anders vorgestellt. Sie war tatsächlich der Meinung, dass sie beträchtliche Vorteile hat, wenn sie aufs Land zieht. Sie ist eine, die zum Kämpfen gezwungen wird. Sie arbeitet an der Universität, wo sie, weil es um ihren beruflichen Aufstieg geht, Neider auf den Plan ruft. Im Dorf wird sie sowieso skeptisch beäugt als eine, die von außen kommt und nicht dazu gehört. Es ist wohl ihr Schicksal, am Rande zu stehen, ein Leben auf Glatteis zu führen. Dazu gehört, dass auch ihr Lebensgefährte, ein Journalist, dem das Sicherheitsnetz abhanden gekommen ist, wenig Verlass bietet. Weil sie sich auch noch für die wenigen Flüchtlinge im Ort einsetzt, gilt sie als nicht vertrauenswürdig. Immerhin haben die Maulhelden einer neuen autoritär auftrumpfenden Politik hier das Sagen. Das macht Mona zur angefeindeten Außenseiterin, was nicht nur lästig, sondern auch gefährlich ist. Ein Leben zählt jetzt eben nicht mehr so viel wie noch vor einiger Zeit, als Toleranz als nobel galt.
So sieht die Konstellation aus, in die Marlen Schachinger ihre Heldin des aufrechten Gangs stellt. Sie steht reichlich verloren in einer Welt, die drauf und dran ist, sich von den Grundsätzen einer aufgeklärten Zivilgesellschaft zu verabschieden. Eine gegen den Rest der Welt, das ist der Stoff, aus dem Spannungsliteratur hergestellt wird. Tatsächlich legt Schachinger einen Roman vor, der sich mehr und mehr von einer Geschichte, die heutige politische Probleme sehr direkt anspricht zu einem Buch wandelt, das sich Thrillerelementen öffnet. Das nimmt ihm letztlich einiges von seiner Schlagkraft, die ihm von Anfang an so wuchtig zur Verfügung steht. Steht vorerst das Milieu, in dem sich menschenfeindliche Haltung herausbildet, unter Beobachtung, liegt am Ende das Augenmerk auf der Psychologie einer Person, die mordet. Und die handelt nicht aus politischer Motivation, sondern aus gekränkter Liebe.
Die überraschende Wendung von der Autopsie dumpfer Mentalität zur Beschreibung eines psychopathischen Charakters geschieht aus formalen Gründen. Mona lebt ja in zwei Welten, die nichts miteinander zu schaffen haben. An der Universität in der Stadt, die sie als Pendlerin aufsucht, befindet sie sich in einer Geis-teswelt, wo Rivalitäten und Konflikte mit verletzender feiner Klinge geführt werden. Hier ist sie die Intellektuelle, die Rebellin für Aufklärung, die zurückgedrängt werden soll. In ihrem Haus auf dem Land wird sie zur Praktikerin, die sich kümmert um die Vernachlässigten. Sie ödet an mit ihrem Engagement, das sie als Feindin der heimattümelnden 
Fraktion ausweist. Die Verbindung beider Welten stiftet ihre Nachbarin, die, aus der Stadt gekommen, auf dem Land einen privaten Rachezug als verschmähte Liebhaberin eines Professors von Monas Uni führt. Sie ist eine heimtückische Killerin, die sich das aufgeheizte Klima gegen Flüchtlinge zunutze macht, um ihre eigenen Gewaltfantasien brutal durchzuziehen.

Heimeligkeit, demagogisch einfach

Martiniloben steht als Symbol für jene Art von Volkskultur, die die Leute als Einheit zusammenschweißen soll, damit sie gegen alles Fremde gewappnet sind. Das führt Schachinger recht eindringlich vor Augen, sodass der Leser automatisch weiß, auf welcher Seite er steht. Das wirkt bisweilen etwas gar demagogisch einfach im Dienst der gerechten Sache.
Das Buch, das aktuelle Zustände in eine zügig voranschreitende Geschichte packt, ist nicht in unserer unmittelbaren Gegenwart angesiedelt, sondern in einer nahen Zukunft unter verschärften Bedingungen. Das politische Klima ist noch rauer geworden, die Stimmung aufgeheizt, Gewalt eskaliert, die Ratlosigkeit nimmt zu. Und nirgends gibt es Aussicht auf Entspannung der Lage. Eine Zwei-Welten-Theorie bietet uns Schachinger zur Erklärung an. Die Spaltung der Gesellschaft, von der jetzt so häufig die Rede ist, ist in diesem Roman längst unüberbrückbar geworden. Hier die, die auf Abschottung drängen und eine falsche Heimeligkeit erzeugen, dort die Verteidiger einer offenen Zivilgesellschaft. Eine Feindseligkeit hat die Menschen ergriffen, die Vernunft hat abgedankt, die Gefühle sind ab jetzt für Politik zuständig.
Der Roman ist flott geschrieben und sehr handlungsorientiert und aufs Ende hin gearbeitet, sodass es der Autorin auf Spracharbeit nicht so sehr ankommt. Von der österreichischen Mentalität jedenfalls weiß er eine Menge zu berichten.


Martiniloben
Roman von
Marlen Schachinger
Septime 2016.
504 S., geb., € 24,–
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