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Die Auswandernden - 49/2016

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Sobald die Wörter fraglich waren

Sprache kann festnehmen und Sprache kann beglücken: Peter Waterhouse zeigt in
„Die Auswandernden“ beides.


| Von Brigitte Schwens-Harrant


Was für ein erstaunliches Buch: Da stehen am Anfang ein Mann und eine Frau auf einem Platz in Wien vor einer Tafel und lesen. Er liest schnell, er kennt die Sprache ja, und wendet sich bereits, um weiterzugehen. Sie hingegen steht noch immer da und liest und liest und liest. Für sie ist die Sprache neu, sie muss erst entdeckt werden, Wort für Wort.
Media ist mit ihrer Tochter aus einem kaukasischen Dorf nach Österreich gekommen, hier beantragt sie Asyl. Der Mann an ihrer Seite, wohl Peter Waterhouse selbst, begleitet sie nun auf ihren Wanderungen durch Stadt und Sprache. Sie liest langsam, fragt nach der Bedeutung, liest noch einmal, schlägt Worte im grünen Wörterbuch nach, das sie aus der Tasche zieht. „Gelang, bedeutet es lange?“ oder: „Was bedeutet gescheitert? Was ist ein gescheiterter Räuber? Ist ein gescheiterter Räuber ein anderer Räuber als ein Räuber? Hat er nichts geräubert und ist er kein Räuber?“ Solche Fragen machen etwas mit dem Begleiter und den Lesenden: Die eigene Sprache wird neu entdeckt.
Die Sprache: In diesem wunderschönen, mit Nanne Meyers Zeichnungen kongenial künstlerisch gestalteten Buch ist die Sprache vielleicht die eigentliche Hauptperson, allerdings eine vielfach befragte. Denn was Sprache anrichten kann, auch das ist Thema dieser ebenso essayistischen wie poetischen Prosa. Da gibt es die Sprache der Bescheide, Protokolle, Ausweisungsbescheide und Ablehnungen, eine Sprache, die weiß, die deutet, die keine Fragen kennt. Eine Sprache, die festschreibt und festnimmt. Die haftet und verhaftet. Die Ankunft von Flüchtlingen etwa wird in Protokollen als „Aufgreifen“ beschrieben, selbst wenn sie gerade vor dem Aufgreifen geflüchtet sind. Flüchtlinge werden nicht eingelassen und aufgenommen, sondern aufgegriffen – und gedeutet. „Warum nicht die geschehenen und erfundenen Geschichten gleich bewerten? Warum die einen höher bewerten als die anderen, die einen für wahrer halten als die anderen? Warum sie deuten? Um die aufgegriffenen Erzähler noch einmal aufzugreifen? Den an der Landesgrenze Aufgegriffenen noch einmal in der Sprache aufzugreifen.“ Die Sprache verrät das Nicht-willkommen-Heißen der Menschen. Von den Menschen erzählen solche Protokolle: nichts.

Orte und Schriften der Deutung

„Media hatte mir die Beschreibung und Dokumentation ihres Landes zu lesen gegeben und gesagt, sie wolle diese Beschreibung nie mehr wieder sehen, welche von dem Amt in Graz gekommen sei. Eine Beschreibung, nicht um ihr Land und ihren Landstrich zu beschreiben, sondern um die Zurückweisung, die Zurückschiebung und die Abschiebung in das ferne Land zu begründen und vorzubereiten, als zulässige Abschiebung gemäß Paragraph 8 oder 8000 Asylgesetz zu beschreiben. Jeder Satz der Beschreibung war eine Begründung, somit war jeder Satz keine Beschreibung, somit eine Lüge.“
Da ist der Ort der Deutung, der Asylgerichtshof, da sind die Schriften der Deutung, behauptende Bescheide und Gesetzesbücher ohne eine einzige Frage. So kann man Menschen wohl kaum begegnen. Beginnt- das Gespräch nicht erst, wenn der oder die Andere eben nicht zu deuten, nicht zu erkennen ist, wenn er oder sie anders spricht?, fragt Peter Waterhouse – und als ein solches Gespräch kann man durchaus auch das Gespräch zwischen dem Text und den Zeichnungen sehen, das gesamte schöne Buch als Übersetzung von Text ins Bild und zurück, die Bilder als unausdeutbare Fragen, die den Text weiterführen.
Der zweisprachig aufgewachsene Peter Waterhouse weiß als Übersetzer über die Kunst und Schwierigkeit der Übersetzung, aber er weiß auch, dass im Missverständnis möglicherweise ein besonderer Reichtum steckt. „Vielleicht wurde das Land ihrer Herkunft am ehesten beschrieben, vielleicht wurde es am leisesten dokumentiert, wenn Media versuchte, Worte der neuen Sprache zu deuten, und wenn ich ihre Rede missverstand. Eröffnete sich in ihrem Deuten und immer dann, wenn ich ihre Rede missverstand, ihr fernes Land? Sobald die Wörter fraglich waren? Belebte sich die Herkunft?“

Frage über Frage

Frage über Frage stellt Waterhouse in diesem wohl fragenreichsten Buch der Saison – und deutlicher könnte er sich nicht wenden gegen jene Bücher ohne jede Frage, die des Gesetzes. Gegen die Welt der Bescheide erinnert er an den Möglichkeitsraum der Literatur und des Märchens (Literatur als Kunst der Auswanderung?), beginnend bei Adalbert Stifter. Die vielen erwähnten Texte locken zur Lektüre, allen voran Johann Wolfgang von Goethes „Unterhaltungen deutscher Ausgewanderter“, die die Flucht vor französischen Revolutionstruppen über den Rhein erzählen.
Und er schenkt wunderbare Wörter. Grace, denkt der Autor einmal nach, dieses Wort ist kaum zu übersetzen und es ist eines der schönsten Wörter der Welt. „Die vielen, die aus so vielen Ländern nach Österreich und nach Wien und nach Europa flüchteten, sie suchten nicht an um Asyl, sie suchten nicht an um Schutz, sie suchten nicht darum an, vorübergehende oder lange Zeit geduldet zu werden [...] Sie baten um grace, also nicht um einen Zeitraum, nicht um Immunität, sondern um die Schönheit der Welt. Um Gunst; um Freundschaft, um Liebe; um Wohlwollen.“


Die Auswandernden
Von Peter Waterhouse 
und Nanne Meyer
starfruit 2016
256 S., geb., € 28,80
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