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Der Geruch des Paradieses - 48/2016

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Die Sünderin, die Gläubige, die Verwirrte

Die türkische, in London lebende Schriftstellerin Elif Shafak spiegelt in ihrem jüngsten Roman „Der Geruch des Paradieses“ die Zerrissenheit der Türkei im Leben dreier Frauen. Aus verschiedenen Positionen webt sie eine Geschichte mit lebendigen Figuren.

| Von Veronika Schuchter

Zugegeben, sie passt uns gut ins Bild, uns, dem fortschrittlichen, erdog˘an-kritischen Westen, dem die Menschenrechte das höchste Gut sind, sobald sie anderswo mit Füßen getreten werden: Die türkische Schriftstellerin Elif Shafak taugt zur Parade-Intellektuellen. Sie ist gebildet, lehrt momentan an der Kingston University in London, sie ist Atheistin, führt eine moderne Ehe zwischen London und Istanbul pendelnd, schön und kameratauglich ist sie überdies auch noch.
Wer eine intellektuelle Stimme zur politischen und sozialen Lage der Türkei braucht, fragt die 1971 in Straßburg geborene Shafak. Die Verfolgung oppositioneller Kulturschaffender hat sie am eigenen Leib erfahren, absurderweise stellvertretend für eine ihrer Figuren: Ihr 2008 veröffentlichter Roman „The Bastard of Istanbul“ brachte sie wegen Beleidigung des Türkentums vor Gericht, wo sie zwar freigesprochen wurde; daran, dass sie Personenschutz brauchte und ihr Bild auf der Straße bespuckt wurde, änderte das nichts. Sie ließ sich nicht davon abbringen, polarisierende Themen aufzugreifen, „Ehre“ von 2014 setzt sich etwa mit dem Thema Ehrenmord auseinander. Das steht uns natürlich zu Gesicht. Doch auch wenn wir unsere eurozentrische und leicht paternalistische Perspektive hinterfragen müssen, die unsere Präferenz für bestimmte Gesichter des Widerstandes prägt, ist Shafak sowohl als Intellektuelle als auch als Literatin ein Glücksfall, was sie mit ihrem neuen Roman „Der Geruch des Paradieses“ (aus dem Englischen übersetzt von Michaela Grabinger) eindrucksvoll unter Beweis stellt.

Familie als soziokultureller Mikrokosmos

Im Mittelpunkt des Romans steht Peri, die mit ihrem Mann und ihrer pubertierenden Tochter eine unliebsame Dinnerparty in Istanbul durchzustehen hat. Plötzlich sieht sie sich mit ihrer Vergangenheit in Oxford konfrontiert, wo sie ihr Studium vor Jahren ohne Abschluss abbrechen musste, nach einem Skandal rund um den umstrittenen Professor Azar, der schlicht und einfach GOTT unterrichtet. Shafak verwebt drei Zeitebenen auf zwei Kontinenten miteinander: das sich im Umbruch befindende Istanbul im Jahr 2016, Peris Studienzeit in Oxford 2001, dazwischen sind immer wieder Rückblenden auf ihre Kindheit und Jugend geschoben. Peris Vater Mensur, Anhänger einer westlich orientierten, säkularen Politik im Geiste Atatürks, verweigert sich der orthodoxen Frömmigkeit seiner Frau Selma. Shafak inszeniert die Familie als soziokulturellen Mikrokosmos, als Abbild der in ihrem Heimatland wirkenden politischen und religiösen Kräfte. Peri kann als Sinnbild für die Türkei gelesen werden, zerrissen zwischen ihren dauerstreitenden Eltern, zwischen Säkularisierung und dem Patriarchat in all seiner Härte, in der Frauen zu Jungfräulichkeitstests gezwungen werden und nahtlos von der Herrschaft der Familie in die Herrschaft ihres Ehemannes übergeben werden. Auch Peris Brüder könnten unterschiedlicher nicht sein, der eine landet als systemkritischer Kommunist im Gefängnis, während der andere all das verkörpert, was den Westen am Islam stört.
Aus diesem konfliktbehafteten Setting heraus versetzt Shafak ihre Heldin ausgerechnet in die altehrwürdige Hochburg von Bildung und Aufklärung, nach Oxford. Der Zerrissenheit zwischen zwei Polen entgeht sie auch dort nicht. Peri freundet sich mit zwei jungen Frauen an: „Shirin und Mona und ich. Wir drei: die Sünderin, die Gläubige, die Verwirrte.“ An Shirins Wand hängt Coldplay neben Nietzsche, sie frönt in jeder Hinsicht den Freiheiten des Studentenlebens. Mona hingegen versucht ihren Glauben mit ihren feministischen Überzeugungen unter ihrem mit Stolz getragenen Kopftuch zu vereinen. Dazwischen Peri, die in beiden Welten nicht daheim ist, wofür sie von Shirin kritisiert wird: „Halb Muslima, halb modern. Kannst Schweinefleisch nicht ausstehen, gönnst dir aber Wein – oder Wodka oder Tequila … Willst die Religion nicht aufgeben, weil man ja nicht weiß, ob nicht doch ein Jenseits existiert – da geht man lieber auf Nummer sicher. Aber deine Freiheiten möchtest du schon behalten. Ein bisschen von dem und ein bisschen von dem. Der große Mischmasch unserer Zeit: Muslimus modernus.“
Die Dinnerparty, auf der nicht nur gegessen und getrunken, sondern vor allem politisiert wird, zeigt das Zerfallen einer einst vielfältigen Gesellschaft und die Unversöhnlichkeit der verschiedenen Gruppen. „Die Gesellschaft hatte sich in unsichtbare Gettos auf aufgeteilt. Istanbul glich weniger einer Metropole als einer Flickenstadt aus voneinander abgeschotteten Communitys. Man war entweder ‚streng religiös‘ oder ‚streng säkuar‘, und diejenigen, die sich noch irgendwie in beiden Lagern gesehen und mit dem Allmächtigen ebenso leidenschaftlich auseinandergesetzt hatten wie mit der Gegenwart, waren entweder verschwunden oder auf gespenstische Weise verstummt.“ Das klingt schablonenhaft, ist es aber nicht. Shafak versteht es, aus den verschiedenen Positionen keine platte Parabel zu zimmern, sondern eine Geschichte zu erzählen, die lebendige und individuelle Figuren aufweist.

Absage an Absolutismus

Fragen interessieren Shafak wesentlich mehr als Antworten. Damit schafft sie etwas Seltenes, sie schreibt engagierte Literatur und ist gleichzeitig eine großartige Erzählerin, sie differenziert, scheut aber die Botschaft nicht. Weder die englische noch die türkische Literatur, in denen die in beiden Sprachen schreibende Shafak beheimatet ist, kennen die deutschsprachigen Ressentiments der Unterhaltung gegenüber.
Peri, von Shirin als Muslimus modernus abqualifiziert, ist in Wahrheit keine Verwirrte, sondern auf der Suche nach einem Weg, abseits von starrsinnig verfolgten Dogmen. Damit wird „Der Geruch des Paradieses“ zu einer Absage an Absolutismus und zu einem literarischen Plädoyer für Toleranz. Meinungsfreiheit, der Schutz von Minderheiten und Frauenrechte sind für Shafak nicht verhandelbar, gegen organisierte Religionen hegt sie ein großes Misstrauen. Was sie aber von so vielen anderen politisch engagierten Intellektuellen unterscheidet, ist, dass sie ihre Positionen ohne moralisierende Selbstgefälligkeit vertritt.


Der Geruch des Paradieses
Roman von Elif Shafak
Übers. von Michaela Grabinger
Kein & Aber 2016
560 S., geb.,
€ 25,70
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