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Verbannt! - 48/2016

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Flotter Plot in alter Strophe

Ann Cotten belebte die Spenserstrophe aus dem 16. Jahrhundert neu. Ergebnis: ein freches Versepos über die Welt des Internets und der Medien.


| Von Maria Renhardt

In der Antike war sie gang und gäbe. Auch später und sogar heute gibt es sie noch. Die Rede ist von der Verbannung, einer Möglichkeit, unliebsame oder politische Gegner ganz einfach kaltzustellen.
Die in Iowa geborene und nun in Wien und Berlin lebende Autorin Ann Cotten hat sie in ihrem Versepos aufgegriffen, wenn auch auf ganz eigene Weise. Ihre jüngste Veröffentlichung mit dem lapidaren Titel „Verbannt!“ ist medial mit höchstem Lob bedacht worden und auf dem ersten Platz der ORF-Bes-tenliste und auf der Longlist des Österreichischen Buchpreises gelandet. Ihr Epos ist nichts für schwache Nerven, weil in diesem Textuniversum kein Stein auf dem anderen bleibt. Cotten sträubt sich erfolgreich gegen jedwede herkömmliche poetische Praxis.
Während ihres Studiums kommt sie mit der Dichtung der Wiener Gruppe in Berührung und schreibt ihre Diplomarbeit über Konkrete Poesie. Das experimentelle Schreiben begleitet sie, obwohl sie gleichzeitig Traditionen mitschwingen lässt wie in ihrem Debüt „Fremdwörterbuchsonette“. Das spielerische Jonglieren mit der Sprache und der Anspruch, etwas völlig Neues auszuprobieren, um es gleichzeitig philosophisch zu unterfüttern, man denke an ihre „Glossarattrappen“, bei denen Lektüre durchaus auch Mitarbeit heißt, werden zum Anstoß ihres Schreibens.

Reim vor Plot

Zu ihrem neuen, aus 19 Kapiteln bestehenden Versepos hat Cotten, die ihren Text auch selbst illustriert hat, schon mehrfach Stellung bezogen. Sie habe die alte neunzeilige Spenserstrophe aus der englischen Literatur des 16. Jahrhunderts, die etwa der Romantiker Lord Byron verwendet habe, wiederbelebt. Diese alte Strophenform folgt einem besonderen Reimschema, und wenn man ganz streng ist, eigentlich auch einem speziellen Rhythmus, von dem Cottens Verse durchaus frei getragen sind. Versmaß oder „wilder freier Vers“? Auf jeden Fall kein „halbseidenes Poltern“. Denn: „Die Byronstrophe ist kein Spidermankostüm, / und wenn sies wäre, gälte es dennoch, die Tassen / nicht umzuhauen.“ Die Reime erfordern mitunter, dass Wörter scherzhaft auseinandergerissen werden, ohne Rücksicht auf die Silbe. Macht nichts.
In ihrem Prooemium, der „Einleitung“, gibt sie programmatische Auskunft, so die klare Absage an die Narration: „Die Handlung – nach Inger Christensen – gibt es, / doch nur als Untergrund für dieses Reimewesen, / das die Handlung begleitet wie Striptease. / Und über weite dunkle Stellen wippt es, / unsicher, nur so rum und wartet auf den Plot ...“ Nichtsdestotrotz könnten ihre „Strophen stören ... / den wohlgeeichten literarischen Verstand“. Bevor sie nach der Tradition des antiken Epos die neun Musen anruft, erweist sie noch Hegel, dem philosophischen Impulsgeber ihres Werkes, Reverenz.
Der Plot entgleitet einem zwar permanent, ist aber stellenweise dennoch greifbar, schemenhaft, fragmentarisch, vor allem am Anfang. Da ist eine Fernsehmoderatorin, die sich in Lena, die Tochter einer Kollegin, verliebt. In einer kurzen Auflistung der Ereignisse spiegelt sich das Fazit wider: „zwei Hinweise, ein Skandal, DNA-Spuren, ein Tweet“. Nach einem gescheiterten Prozess wirkt die Moderatorin an Lenas neuer, ziemlich grotesker Sendung „Verführ den Moderator“ mit. Irgendwann wird die Idee der „Zivilisationsverstoßung“ geboren. Drei Dinge dürfen auf die Insel mit: „ein Schleifstein und ein Messer“ und die 22 Bände des „Meyers Konversations-Lexikons“ aus dem Jahre 1910.
Wer nun eine weibliche Robinsonade vermutet, irrt. Die Ankunft auf der Insel Hegelland gestaltet sich gleich explosiv. Die Protagonistin („Wie soll ichs aushalten bis ans Lebensende mit mir?“) klettert auf eine Palme, eine Kokosnuss fällt zu Boden, ein Tiger kommt: „‚Mädchen, wähne nie, dass ein Tiger dich nicht sieht‘, rät aus einer kleinen Wolke über der Palme, wo ich nach Gott suche, Sigmar Polke / mir. Gott sei Dank, habe ich früher so exzessiv / Kunst konsumiert. Sonst hinge heute meine Fresse tief.“

Bevölkertes Hegelland

Bald darauf macht sie die Entdeckung, dass Hegelland bevölkert ist. Hier lebt der Abenteurer Wonnekind mit anderen Matrosen, in dessen Fänge sie gerät. Und dann geht’s los. Kunterbunt schwirren und brausen griechische Götter und Göttinnen, Helden aus der Gegenwart, ja allerlei andere Gestalten auf der Insel herum. Alles beginnt sich zu verzahnen, zu verwickeln, zu verknoten und wächst sich bald zum Drama aus, weil die Welt zusammenbricht und damit auch der Plot.
Cottens Versepos ist anspruchsvoll. Die Reime, Wortspiele, Anspielungen und rhetorischen Mittel sowie das dicht gestrickte poetische Gewebe beweisen ein enormes handwerkliches Rüstzeug, erfordern aber zugleich ungeteilte Hinwendung zum Text. Die Gedankenfunken, in denen die Reime gewissermaßen als strukturelle Taktung fungieren, entzünden sich oft an einzelnen Wörtern, gefunden etwa im besagten Lexikon; so generieren sich auch einzelne Textteile und setzen den Assoziationsfluss in Gang. Cotten ist Experimentkünstlerin („ein jeder Vers schwillt an, da hohl, enthaltend zwar die ganze Welt, / ... mein Schwellen ist Rotieren, schneller, schneller, schneller“) und surft thematisch selbstbewusst durch die kuriose, moderne Welt des Internets und der Medien. Interessant ist der Blick auf die vexierbildartige Verflechtung des Seins mit der Virtualität, die sie schließlich in diesen Kopfweltspuren ironisch ad absurdum führt. Ein krasser, verzerrter Spion in die Zukunft unseres smarten Lebens?

Eine Fingerübung

In einem Interview sieht Cotten „Verbannt!“ nur als „Kleinigkeit nebenbei“, als „ein Experiment, eine Fingerübung auf dem Weg zur Science-Fiction“. Daran faszinierten sie vor allem Zeitmaschinen. „Zeitmaschinen sind wie Abstraktion, eine Perspektive, ein Fenster, eine Fluchtlinie in Vergangenheit und Zukunft zugleich.“ Ähnliches lässt sich auch über ihr Versepos sagen. Cotten sticht in die Sprache, öffnet Fenster und Luken, katapultiert beherzt Verse ins Räderwerk der Abstraktion: „Ich dreh durch, rutsche, bin noch Linien mit den Fingern, / und langsam, wie das Licht aufsteigt, beginnt der Text zu singen ...“ Nur Seeworte bleiben.


Verbannt!
Versepos von Ann Cotten
Suhrkamp 2016
168 S., geb., 
€ 16,50
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