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43/2016 - Die Geometrie 
des Verzichts

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Verschollen, vergessen, verdrängt

Der Preis der Hotlist 2016 geht an den Arco Verlag für „Die Geometrie des Verzichts“ von Debora Vogel. Wer aber ist diese Autorin überhaupt?

| Von Anton Thuswaldner


Debora Vogel ist heute eine nahezu Unbekannte. Dabei zählte ihr Wort einmal etwas in der europäischen Kulturszene der Zwischenkriegszeit. Sie war eine intellektuelle Autorin, die sich davor hütete, in ihre Lyrik Gefühle einziehen zu lassen. Sie leistete Kopfarbeit, hielt die Vorstellung, dass sie als Frau aus dem Herzen zu dichten habe, für unerträglich. Sie mischte sich ein in intellektuelle Debatten, diskutierte mit Männern auf Augenhöhe, war eine gewiefte Theoretikerin, belesen, gebildet und um geistige Unabhängigkeit bemüht. Sie verkehrte in Avantgarde-Kreisen und stand in Briefwechsel mit wichtigen Vertretern einer neuen, gerade im Entstehen begriffenen Literatur.
Surrealismus und Expressionismus haben Spuren hinterlassen in ihrer Arbeit, sie selbst schrieb vom „Modernismus“, wenn sie die kulturellen Hervorbringungen ihrer unmittelbaren Gegenwart meinte. Das bedeutete ihr mehr als ein reines Spiel mit Sprache und Formen, sie sprach der neuen Gestalt von Kunst und Literatur „sozialen Wert“ zu. Sie verwehrte sich gegen Kritiker, die den Modernisten absprachen, ein „aktuelles, soziales Thema bearbeiten“ zu können, nur weil sie Form über Inhalt stellten. In einem Brief vom April 1937 an Aaron Glanz-Leyeles, den Herausgeber einer jiddischen Literaturzeitschrift, äußerte sie sich dazu empört. Wie sehr ihr aktuelle, soziale Themen nahe gingen, bewies sie in Essays,- in denen sie sich über „die intellektuelle Elite“ Gedanken machte und deren „Bedeutung bei der Arbeit an gesellschaftlichen Umwandlungen“ betonte. Debora Vogel verstand, dass sie in einer Zeit gewaltiger Umbrüche lebte, und Literatur und Kunst waren dringend dazu aufgerufen, dafür eine eigene, noch nie gehörte Sprache zu finden.

Umweg der Dingwelt

In den frühen dreißiger Jahren schrieb Debora Vogel das Gedicht „Schuhe“, an dem sich gut beobachten lässt, wie sie ihr poetisches Programm verwirklichte. Es ist dem Gedenken ihres toten Vaters gewidmet. Eine Morgenszene wird aufgebaut: „Erste Tropfen gelben Lärms fallen in Straßen.“ Die Stadtbewohner rüsten sich für den Tag. „Bald ziehen Menschen ihre Schuhe an / schwarze Schuhe, braune Schuhe ...“ Von einem ganz normalen Arbeitstag im Anbruch ist die Rede. Vorerst jedenfalls, der Übergang kommt abrupt. Zuerst das Kollektiv einer erwachenden Stadt, dann das Individuum, das aus der Masse der Erwachenden herausgeschnitten wird. Zu den Lebenden gehört dieses Individuum nicht mehr, das wird uns rasch deutlich gemacht: „Weder die Füße gehören mehr zu ihm / noch der Körper dem Paar Füße ohne Schuhe.“ Überhaupt lesen wir nicht von einem Menschen, sondern von seinen Schuhen, die ihn repräsentieren. Über den Umweg der Dingwelt spricht die Dichterin von ihrem abwesenden Vater. Damit beugt sie der Emotionalisierung vor. Die fragmentierte Wirklichkeit entspricht dem Lebensgefühl einer Intellektuellen im 20. Jahrhundert, die an die Abbildbarkeit einer hektisch gewordenen Welt nicht länger glauben mag.
Im erwähnten Brief an Aaron Glanz-Leyeles beklagte sie indirekt die Ideologisierung der Kunst. Für Debora Vogel bedeutete ein Gespräch über Ästhetik selbstverständlich auch Austausch über die Gesellschaft und die aktuellen Zustände. Von einer sich selbst genügenden Kunst hielt Debora Vogel gar nichts. Sie griff „gewisse linke Elemente“ an, die den Avantgardisten Tadeusz- Peiper attackierten. Es genüge, dass er Anleihen beim Konstruktivismus nehme, „um ihm kein Vertrauen mehr zu schenken“, klagte sie engstirnige Politstrategen an. In diesen Zeiten aufgebrachter politischer Kunstdebatten verwehrte sich Vogel dagegen, Kunst als Propaganda instrumentalisieren zu lassen. Mit kämpferischer Leidenschaft verteidigte sie ihre Sache zu einer Zeit, als in Europa längst die politische Verdüsterung hereingebrochen war und Kunst als lebensrettende, aufklärerische Instanz auf verlorenem Posten stand.

Lebensmittelpunkt Lemberg

Wer aber ist Debora Vogel und wie kommt es, dass sie über mehr als sieben Jahrzehnte vollkommen in Vergessenheit geraten konnte? Sie wurde am 4. Jänner 1900 im galizischen Schtetl Bursztyn geboren und genoss als Tochter aufgeklärter jüdischer Eltern eine solide Ausbildung. Verleger, Schriftsteller, Rabbiner gehörten zu ihren Vorfahren. Sie war weltgewandt, maturierte in Wien, kannte die Kulturszene in Berlin, Paris und New York und wurde mit einer Arbeit über die Ästhetik Hegels promoviert. Lemberg machte sie zu ihrem Lebensmittelpunkt. Sie sprach polnisch und deutsch, lernte französisch und latein und eignete sich hebräisch und jiddisch an, um sich den Zugang zu den Quellen jüdischer Kultur aufzuschließen. Sie entschied sich, ihre Literatur auf jiddisch zu schreiben, was ihre Wirkung drastisch beschränkt und ihren Einfluss auf die Nachwelt erheblich erschwert hat. Doch in dieser ihr unverbraucht scheinenden Sprache entdeckte sie ein unausgeschöpftes Potenzial sich zu äußern, ideal für eine, die sich als Avantgardistin verstand. Sie stand in vertrautem Briefkontakt mit Bruno Schulz („Die Zimtläden“), dem großen Klassiker aus Lemberg. Die beiden tauschten Lektüreerfahrungen aus, und im Dialog schärfte Debora Vogel ihre eigene Poetik. Keinem anderen ihrer intellektuellen Briefpartner kam sie so nahe wie Bruno Schulz, dem sie gestand, wie sehr sie die Einsamkeit schätzte und es brauchte, „hoffnungslos dem Verlassensein und der Obdachlosigkeit ausgeliefert“ zu sein. Rhetorisch solcherart auf eine zurückgezogene, vergrübelte junge Frau vorbereitet, folgte ein überraschendes Geständnis: „Trotzdem sehne ich mich nach einer Reise mit dir.“ Diese definierte sie als geistiges Abenteuer: „Sehr gespannt bin ich auf das künstlerische Ergebnis dieser Reise, auf ein Gespräch über bestimmte Straßen und Bilder, die uns beiden vielleicht erlauben, unsere anders- bzw. gleichartigen Betrachtungsweisen herauszukristallisieren.“

Ratlose Kritik

Im Jahr 1932 brachte Debora Vogel den Band „Akazien blühen – Montagen“ heraus. Die Kritik konnte ihre Ratlosigkeit nicht verbergen. Mit einem konventionellen Roman, der mit komplexen Charakteren aufwartet und diese in Verhältnisse setzt, von denen sie gefordert werden, hatte das Buch nichts zu tun. Es fehlten Figuren, an deren Schicksal sich teilhaben ließe, weit und breit keine individuellen Erfahrungen, die eine Persönlichkeit erst zu einer solchen machen. Sie stellte Prototypen des Massemenschen aus, jenes seiner Eigenart entkernten Typus, der als Synonym für den Großstadtmenschen des 20. Jahrhunderts steht. Als „Hieroglyphenprosa“ fertigte ein Kritiker das Buch ab und als „ernstgemeinte Trivialliteratur“. Rettung kam von Bruno Schulz. Er würdigte das Buch ausführlich als „ein Äquivalent für eine seit je fertige, unbewegliche und mechanisierte Welt“. Tatsächlich versetzt uns Vogel in eine beklemmende Kunstwelt. Schneiderpuppen und Puppenentwürfe bevölkern die Stadt, Menschen sind mit Stoffseelen ausgestattet: „Die Seele des unbeholfenen Porzellans. Die Seele des Papiers und des Holzes. Die Seele des Eisens. Die Seele des Blechs.“ Hält man sich vor Augen, dass ein Jahr später Deutschland nationalsozialistisch wird, ist das Erschrecken über diese Darstellung der Maschinenhaftigkeit der Existenz groß.
Es ist dem Arco Verlag, dem überhaupt wunderbare Entdeckungen verdrängter Autorinnen und Autoren zu verdanken sind, hoch anzurechnen, dass er sich an das Wagnis gemacht hat, das Gesamtwerk Debora Vogels herauszubringen. Die Gedichte erscheinen sogar zweisprachig auf jiddisch und deutsch. Eine großartige Schriftstellerin – sie wurde 1942 zusammen mit ihrem Mann und ihrem sechsjährigen Sohn im Ghetto von Lemberg erschossen – erfährt so noch einmal eine Art später Gerechtigkeit.


Die Geometrie 
des Verzichts
Gedichte, Montagen, Essays, Briefe.
Von Debora Vogel Aus d. Jidd. u. Poln.
übers. u. hrsg. v. Anna Maja Misiak

Arco 2016, 550 S.,
geb., € 32,00
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