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Abendland - 46/2007

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Einer für alles
Michael Köhlmeier hat einen vielgeschichtigen Roman geschrieben.
Von Brigitte Schwens-Harrant

Ein umfassender Spiegel von Geschichte und Gesellschaft – wer daran gezweifelt hat, dass im beginnenden 21. Jahrhundert dem Roman noch eine so bedeutende Rolle zukommen kann, der fühlt sich spätestens seit Michael Köhlmeiers „Abendland“ eines Besseren belehrt. Sorgen um die Darstellbarkeit von Erinnerung oder Erfindung begegnen in ihm kaum, Anzeichen für die Inszenierung des Erzählten finden sich in der zerschnittenen Chronologie und im Wechsel zwischen den Protagonisten, von denen vor allem zwei aus ihrem Leben erzählen: Carl Jakob Candoris, der Mathematiker, und sein Patensohn Sebastian Lukasser, der Schriftsteller und Ich-Erzähler, dem Carl sein Leben aufzuschreiben befiehlt. Kein Problem, denn: „Das Publikum liebt mich in der Rolle des Erzählers großer Stoffe.“

Große Stoffe
Wenn einer wie Carl im Jahr 2001 stirbt und 95 Jahre alt geworden ist, dann hat er nicht irgendetwas, sondern ein ganzes Jahrhundert erlebt und zu erzählen. Das ist allemal faszinierend und bietet eine gute Gelegenheit, um Rückschauen auf viele Episoden zu pflegen. Köhlmeier spannt auf 775 Seiten die Möglichkeiten sehr weit: nicht nur Europa, auch Nord- und Südamerika, Japan, Russland, Australien und am Ende sogar Afrika bezieht er mit ein, dazu noch Jazz und Mathematik undundund.
Carl ist demnach das persongewordene Jahrhundert: als Achtjähriger Begegnung mit Edith Stein, Beinahe-Mörder in der stalinistischen Sowjetunion, britischer Spion während des Zweiten Weltkrieges, an der Entwickler der Atombombe in Los Alamos beteiligt, bei den Nürnberger Prozessen ist er auch dabei und am Ende entpuppt er sich noch als Großneffe eines in den Hereroaufstand verwickelten mehrfachen Mörders, der quasi als Schattenfigur ebenfalls den gesamten Wahnsinn dieses Jahrhunderts überlebt hat – allerdings eingesperrt.

Einzelne Geschichten
Auf genauere Inhaltsangaben muss verzichtet werden, sie sind unnötig und wären auch kaum möglich. Die Stärke des Romans liegt in einzelnen Geschichten oder Szenen, aus denen er besteht, einer Erzählsammlung gleich. Die Anhäufung von derart geschichtsträchtigen Ereignissen auf eine einzige Person überzeugt weniger und die Erzählerstimmen sind leider kaum im Ton zu unterscheiden.
Wie also kann man diesen vielgeschichtigen Roman beschreiben, wie dieser immensen Schreib- und Recherchearbeit in einer Rezension gerecht werden? Man kann zum Beispiel wie bei Erzählbänden, die starke und schwächere Texte aufweisen, exemplarisch einige herausgreifen: Schön ist etwa die Beschreibung des Ausfluges gelungen, bei dem der frisch prostataoperierte Sebastian den schmerzerfüllten Carl im Rollstuhl durch den Schnee schiebt – beide Männer lädiert, beide stolz, beide verletzlich.
Szenen wie jene, in der Sebastian seinen Sohn David im Gespräch mit Freund Robert im Café Sperl beobachtet, ohne etwas zu hören, zeugen vom Wahrnehmungsvermögen des Autors und seiner Sensibilität auch für das Generationenproblem. Sie wären ausbaufähig, allerdings nicht mehr in diesem Roman, der seinen Lesern ohnehin einen langen Atem abverlangt.

Distanz zur Figur
Vielleicht wird die Lektüre auch dadurch erschwert, weil so gar keine Sympathie mit Carl aufkommen will – erst recht bei dem, was er Sebastian erzählt. Es bleibt eine kühle Distanz zu dieser kalten Person, die auch vor Mordplänen nicht zurückgeschreckt hat. Einen Schutzengel, und als solcher wird er von Sebastian eingeführt, stellt man sich anders vor. Andererseits ist das Bild auch nicht erstaunlich: denn dieser Schutzengel hat als Schutzengel von Sebastians Vater versagt.
Die Empathie des Lesers lenkt der Ich-Erzähler Sebastian eher auf sich selbst, weniger durch den umfangreichen Mittelteil über seine tintendunklen Jahre in Amerika, sondern vor allem durch die Schilderungen seiner postoperativen Beschwerden und Sorgen und seiner Hilf- und Ratlosigkeit als Vater eines fremden erwachsenen Sohnes. Oder beim Umkreisen der Frage nach dem Selbstmord seines eigenen Vaters, der einst ein berühmter Jazzgitarrist war. Eine Beantwortung wird ausgespart und das ist gut so. Sebastians Frauen wie auch seine Mutter bleiben trotz ihrer für das Schreiben des Erzählers so wichtigen Rollen allesamt rätselhaft. Das ist nicht unstimmig.
Rührend, unvermutet zärtlich und in der Kürze nach so viel Länge umso wirksamer: der letzte Abschied zwischen den beiden Männern: „‚Machen wir es kurz‘, sagte er. Ich kniete mich neben sein Bett und legte meinen Kopf an seine Brust. Er streichelte mir übers Haar. Wir küßten uns, und ich verließ ihn.“


Abendland
Roman von Michael Köhlmeier
Carl Hanser Verlag, München 2007
775 Seiten, geb., € 25,60
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