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Atlantic - 33/2015

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Nur mit dem Wind nach Europa

Jan-Willem van Ewijk nähert sich in „Atlantic.“ auf ungewöhnliche Art einem brandaktuellen Thema: In grandiosen Bildern und mit poetischer Erzählweise verbindet er Surferfilm und Migrationsgeschichte.



| Von Walter Gasperi


Schwarz ist zunächst die Leinwand. Nur die Stimme des jungen Fischers Fettah (der Debütant Fettah Lamara), der sich von seiner kleinen Nichte Wisal verabschiedet, hört man. Erst dann kommen die Bilder dazu: grandiose Bilder vom Ozean, auf dem Fettah auf seinem Surfbrett dahingleitet, teilweise begleitet von einer an Philip Glass erinnernden Musik. Von seinem marokkanischen Heimatdorf aus will Fettah 300 Kilometer die Küste entlang bis Spanien surfen.
Der Niederländer Jan-Willem van Ewijk, der selbst begeisterter Surfer ist, schwelgt ausgiebig in solchen Bildern vom Windsurfen, vermittelt in Luftaufnahmen eindringlich die Faszination dieses Sports und die Majestät des Ozeans, spielt dabei aber auch immer wieder mit dem Gegensatz von Meer und Land. Von Anfang an kennzeichnet „Atlantic.“ ein dichotomischer Aufbau, denn schon die Vorspanntitel sind konsequent sowohl in arabischer als auch in lateinischer Schrift gehalten – ein Gegensatz, der schon auf die Kluft zwischen Afrika und Europa vorverweist, die van Ewijk auf eigenwillige Weise thematisiert.
Eine Geschichte kristallisiert sich in der fragmentarischen Erzählweise erst langsam durch den Strom der Erinnerungen des auf dem Atlantik surfenden Fettah heraus. Statt eines realistischen Sozialdramas über ein Flüchtlingsschicksal entwickelt van Ewijk in seinem zweiten Spielfilm aber ein fast dialogloses filmisches Gedicht, das nicht nur in seinem freien, assoziativen Erzählen, sondern auch im Einsatz von Voice-over und Musik an die Filme des US-Regisseurs Terrence Malick erinnert.

Kulturelle Gegensätze

Die schwierige wirtschaftliche Situation aufgrund des leer gefischten Meeres wird nur beiläufig angesprochen; im Mittelpunkt stehen vielmehr persönliche Gründe, die den jungen, wortkargen Marokkaner zur Migration bewegen. Er hat sich nämlich in die blonde Alexandra (Thekla Reuten), die Freundin eines Niederländers, verliebt. Sie verbringt wie andere Windsurfer aus Europa und den USA ihren Urlaub an der marokkanischen Küste. Zwar bringen diese Touristen, von denen Fettah das Surfen gelernt hat und die ihm ihr beschädigtes Equipment zurückließen, dem Küstendorf etwas Geld, wecken aber auch Sehnsüchte.
Mit nah geführter Handkamera – ein Gegenpol zu den Luftaufnahmen vom Meer – gewährt der Niederländer durch Fettahs Erinnerungen Einblick in das Dorfleben und macht auch die Diskrepanz zwischen Touristen und Einheimischen sichtbar. Eindrücklich vermittelt er den kulturellen Gegensatz auch, indem er der afrikanischen Musik Streicherklänge gegenüberstellt. Und er macht deutlich, wie Fettah diesem Ruf Europas verfällt, wenn beim Abschiedsfest für die Touristen die einheimische Musik zumindest für seine Ohren immer mehr von der europäischen verdrängt wird.
So bietet „Atlantic.“ eine sehr ungewöhnliche, aber durchaus interessante Annäherung an ein brandaktuelles Thema: gerade weil sich dieser Film nicht auf eine Schlagzeile reduzieren lässt, sondern dem Zuschauer in seiner poetischen Erzählweise viel Raum für eigene Gedanken bietet, und nicht zuletzt dank eines starken Hauptdarstellers durchaus plausibel eine individuelle Geschichte erzählt. Dennoch lässt das Schwelgen in Bildern vom Windsurfen angesichts der realen Not von Flüchtlingen auch ein ungutes Gefühl zurück, und jeder muss wohl für sich entscheiden, ob so ein poetischer Zugang zu diesem Thema passt.


Atlantic
NL/B/D/MAR 2014. Regie: Jan-Willem van Ewijk.
Mit Fettah Lamara, Thekla Reuten, Mohamed Majd.
Thimfilm. 94 Min.
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