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Der letzte Engel – Der Ruf aus dem Eis - 25/2015

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Federweisse Sehnsüchte

Zoran Drvenkar erweitert und schärft mit seinem neuen Jugendroman erfolgreich den ersten teil von „Der letzte Engel“.

Von Heidi Lexe

In einem wilden Ritt durch die Zeiten war man im Jahr 2012 den Figuren des ersten Bandes von Zoran Drvenkars Jugendroman „Der letzte Engel“ gefolgt. Ein kurzer Blick zurück: Motto, ein Berliner Jugendlicher von heute, der eines Morgens als Engel (wieder-) erwacht, steht an seinem eigenen Grab. Seine Engelsflügel waren ihm soeben brutal abgeschnitten worden und rund um ihn beginnen die Toten sich aus ihren Gräbern zu erheben. Zombie-Alarm?
Nach drei Jahren hat das Warten auf die Finalisierung der Ereignisse endlich ein Ende: Der Zombie-Alarm war unbegründet. Vielmehr schärft der in Berlin lebende Autor ein Grundmotiv seines üppig angelegten Erzählens: die Sehnsucht. Sie wird im Verhalten der Wiedergänger zeichenhaft fokussiert. Sie werden nicht zu „walking deads“, sondern kehren in ihr jeweiliges Heim zurück, um sich dort zur ewigen Ruhe zu betten. „Aber so wenige wissen, wie man richtig lebt. Leben heißt, ein Ziel für seine Sehnsucht zu suchen“, lautet ein Zitat von Lars Sund, das nun an den Beginn des ersten Tages gestellt wird.
Hat sich der epische Erzähl-bogen des ersten Bandes von einer mythischen Zeit vor der Zeit bis hin in die Gegenwart gespannt, so verdichtet „das zweite Buch“ diesen Zeitraum nun zu drei Tagen – zu jenen drei Tagen, von denen in der so genannten Prophezeiung die Rede war. Sie beruht auf Ereignissen des Jahres 1815, als zwei reichlich durchgeknallte russische Gräfinnen in einen faszinierenden archäologischen Fund involviert werden: Im ewigen Eis wurden zwei Skelette gefunden, beide ausgestattet mit fedrigen Flügeln. Aus deren Magie entspringen jene Rituale, die im Handeln der Gräfinnen Kannibalismus und Pionierleistungen der Gentechnik zueinander führen, um das Geschlecht der Engel wieder erstehen zu lassen.
Wenn dieses Handeln nun, im „zweiten Buch“, verbunden wird mit dem titelgebenden Ruf aus dem Eis, expliziert Zoran Drvenkar damit die an dieses Handeln gebundenen individuellen Sehnsüchte nach dem ewigen Leben gleichermaßen wie das Ausmaß der Einsamkeit, in das diese Sehnsüchte letztlich münden.
In einem fulminanten Handlungspatchwork war man im ersten Band unterschiedlichen Figuren in unterschiedlichen Zeitebenen gefolgt. Nun werden diese ausschnitthaften Ereignisse, deren Kontextualisierung und Zusammenhang sich erst nach und nach im Lektüreprozess erschlossen hat, zu chronologisch und parallel geführten Handlungssträngen zusammengeführt. Wobei sich auch die Figuren des 19. Jahrhunderts durch ihre Nähe zur Magie der Engelflügel ins Hier und Heute gerettet haben und auf eine letztgültige Erfüllung der Prophezeiung hoffen: Eine aus dem Gleichgewicht geratene Welt soll rückgeführt werden in eine ursprüngliche Verheißung, die sich unter dem ewigen Eis verbirgt.
Diese Prophezeiung wird zu Beginn des neuen Bandes offen gelegt und ordnet die im ersten Buch etablierten Oppositionen neu. In überraschenden Konstellationen machen sich die Figuren in Landschaften des ewigen Eises auf, das weit mehr Geheimnisse verbirgt als jene Engelskelette: Die Ereignisse der mythischen Zeit vor der Zeit, bisher nur an die Erinnerungen des Mädchens Mona gebunden, werden nun auserzählt. Damit werden Bedeutung und Handlungsmotive der Figuren auf überraschende Weise neu bestimmt und der über Jahrhunderte andauernde Kampf zwischen der so genannten „Familie“ und der so genannten „Bruderschaft“ zu einem Szenario verdichtet, indem (erneut) der letzte Kampf zwischen Engeln und Menschheit geschlagen wird.

Neuer Abenteuerroman

Die Figur des Engels wird dabei aus ihrem theologischen Kontext gelöst und erfährt eine mythologische Transformation, die auf die biblischen Wächter mit dem Schwert in der Hand verweist. Drvenkar nutzt die im Text auftretenden Brüder Grimm dazu, eine Absage an ein mythogenes Genrekonzept vorzunehmen. Vielmehr nutzen die gekonnt verschlungenen Wege der Ereignisse Elemente des historischen Romans und führen die Spielarten ausdif-ferenzierter Phantastik über in einen mit den Mitteln der Post-moderne wieder belebten modernen Abenteuerroman.


Der letzte Engel – Der Ruf aus dem Eis
Roman von Zoran Drvenkar 
cbj 2015
544 S., geb., € 18,50
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  22:59:38 06.08.2005