ro ro

Navigation
Literaturkritik | Filmkritik | Dossiers | Suchen
You do not have permission to download files

Alles was ist - 40/2013

Herunterladen
Als wären es Fotografien

James Salters neuer Roman „Alles, was ist“ liest sich als weises Alterswerk.

Von Rainer Moritz


Oft ist sie erzählt worden, die ungewöhnliche Karriere des inzwischen 88-jährigen James Salter, der jahrelang als Kampfflieger für die Air Force im Einsatz war, dann Schriftsteller wurde und erst Ende der 1990er-Jahre mit dem Roman „Lichtjahre“ sowohl in Europa als auch in den USA breite Anerkennung fand. Sein neuer, im Original im Frühjahr 2013 erschienener Roman ist ein Alterswerk, das die vorläufige Bilanz eines Männerlebens zieht, und belegt, wie verdient der späte Ruhm dieses Autors war und ist.
Philip Bowman heißt der – im gleichen Jahr wie Salter geborene – Protagonist. Als junger 
Lieutenant zur See nimmt er am Ende des Zweiten Weltkriegs im Pazifik an der Schlacht um Okinawa teil und will sich nach seiner Rückkehr ganz anderen Dingen widmen. Er studiert in Harvard, beschließt, sein Glück im Journalismus zu suchen, ehe er seine wahre Bestimmung als Lektor in einem angesehenen New Yorker Literaturverlag findet.

Vier Jahrzehnte

Ohne dass die Zeitgeschichte eine tragende Rolle spielen würde, erzählt „Alles, was ist“ Bowmans Lebensweg über rund vierzig Jahre – in dem für Salter so typischen lakonischen Stil, der große Worte selbst bei großen Gefühlen meidet und pointierte Dialoge setzt, wo andere Zuflucht zu aus-ufernden Beschreibungen nähmen.
Er partizipiert am literarischen Leben in New York und London, erlebt, wie seine demente Mutter stirbt, ein Arbeitskollege Frau und Kind verliert, und verliebt sich immer wieder aufs Neue. Zuerst in Vivian, eine junge Frau aus Virginia, die er am St. Patrick’s Day kennenlernt, gegen den Willen ihres Vaters heiratet und die ihn alsbald verlässt, ohne dass er zu sagen wüsste, warum.
Bowman leidet unter seiner Einsamkeit, still, nicht demonstrativ, und findet den Boden unter den Füßen wieder, als er der mit einem Griechen verheirateten Christine begegnet. Beide finden vor den Toren New Yorks ein Traumhaus am Teich, doch noch ehe sich beim Leser Befriedigung über dieses perfekte Glück einzustellen vermag, zerbricht es: Christine lässt sich mit einem anderen ein und entreißt Bowman mit juristischen Tricks das Haus, wo er die „glücklichste Zeit“ seines Lebens verbrachte.
Was alles an Schrecklichem und Schönem (nicht zuletzt beim Sex) in diesem Roman auch passiert: Philip Bowman nimmt die Zäsuren und Wendungen seines Lebens mit einer Nüchternheit an, die wie Abgeklärtheit, ja manchmal wie Gleichgültigkeit wirkt.
Warum ihm dies und jenes widerfährt, wird psychologisch nicht ausgewalzt. Es ist so, wie es ist, und die Erinnerung an das, was war, sorgt keineswegs für Klarheit im Nachhinein: „Er erinnerte sich an Vivian, aber nur wie an eine Ansammlung bestimmter Ereignisse, als wären es Fotografien. Er erinnerte sich nicht an ihre Stimme, und nur mit Staunen – teilweise mit Staunen – überlegte er, was ihn dazu gebracht hatte zu glauben, sie wäre das Mädchen, das er heiraten sollte.“

Stimmungen mit Bildern

James Salter ist ein Meister darin, kleine Bilder zu platzieren, die Stimmungen grandios und zugleich unspektakulär einfangen – so wenn Bowman zusammen mit Christines Tochter Anet (mit der er quasi als Revanche eine Affäre eingeht) den Nachtflug eines Reihers beobachtet oder wenn er sich im „Liebeswahn“ auf einen Kampf mit mannshohen Wellen einlässt und diesen Wagemut fast mit dem Leben bezahlt.
Was das zu bedeuten hat und warum man dies tut und von jenem absieht, bleibt ein Geheimnis, an dessen Enträtselung James Salter seine Figuren nicht verzweifeln lässt. Der Autor erzählt von Philip Bowmans Leben, nicht mehr und nicht weniger, und damit von einem Leben, „das nicht vorhersehbar war“ und das „sich ihm eröffnet hatte“. Und er tut das so zurückhaltend und gekonnt, wie das nur in weisen Alterswerken geschieht, die keine Notwendigkeit sehen, ihre Weisheit auszustellen.


Alles, was ist
Roman von James Salter.
Aus dem amerikan. Engl. von Beatrice Howeg.
Berlin 2013. 367 S., geb., € 23,70
You do not have permission to download files


DownloadsII 5.0.4 by CyberRanger & Jelle
Based on ecDownloads 4.1 © Ronin



Powered by vBulletin® Version 3.6.5 (Deutsch) | Copyright ©2000 - 2005, Jelsoft Enterprises Ltd.
ro
ro ro
Werbung
  19:38:05 04.18.2005