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"F" und "Das größte Wunder"

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Zwillingsgeschichten

2 Autoren, 2 Bücher: Die neuen Romane von Kehlmann und Glavinic lassen sich als Variationen zu einem Thema lesen.

Von Evelyne Polt-Heinzl

Zur Jahrtausendwende organisierte die Zeitschrift „Literatur und Kritik“ eine Diskussion über die „Situation der SchriftstellerInnen-Generation um 30“, an der Thomas Glavinic und Daniel Kehlmann teilnahmen. Staatliche Subventionen seien „ein Schaden, bis zu einem gewissen Grad“, meinte Glavinic, Literatur müsse sich am Markt behaupten. Kehlmann formulierte vorsichtiger: „Wenn Autoren vom Markt leben müssen, müssen sie eine Art von Büchern schreiben, die auf den Markt zielen und vielleicht ihr eigenes künstlerisches Kalkül verletzen.“
Es war dann Kehlmann, der 2005 mit seiner historischen Doppelbiografie „Die Vermessung der Welt“ den Markt final eroberte und viele Monate lang die Bestsellerlisten anführte. Seine Popularität nutzte er schließlich, um in einer euphorischen Rezension Glavinics „Die Arbeit der Nacht“ als „aufregenden Schauerroman und komplexes literarisches Werk“ zu preisen. Das zeigte Wirkung, auch wenn Glavinic nicht ganz gleich ziehen konnte, was er 2007 in seinem autobiografischen Bericht aus dem Schriftstellerleben „Das bin doch ich“ ironisch thematisierte.

Gestörte Kindheiten

Nun legen beide Autoren Romane vor, die sich als Variation zu einer Themenstellung lesen lassen, die in etwa lauten könnte: Was ergeben versagende Mütter und egomane Väter, also gestörte Kindheiten für ein Zwillingsbrüderpaar und einen Stief- oder Wahlbruder für Lebensgeschichten? Beide Romane arbeiten mit wechselnden Erzählsträngen, die in sich einlässig funktionieren, einem dichten Netz an Bezügen und einem Set an magischen Elementen, die dem Fundus der Romantik entstammen: geheimnisvolle Räume, Botschaften und Zeichen, die es zu entschlüsseln gilt, seherische Fähigkeiten, Identitätsverwechslungen, Namensgleichheiten und überraschende Wiederbegegnungen, die Frage von Genie oder Mittelmaß und nicht zuletzt das Zwillings-Thema, gleichsam Walt und Vult aus Jean Pauls „Flegeljahre“ revisited.
„Fatum … Das große F. … plötzlich bekommt man ein Schicksal, das nie für einen bestimmt war“, sagt gegen Ende von Kehlmanns Roman „F“ Arthur Friedmann, der einst seine drei Söhne und ihre beiden Mütter verließ und spurlos verschwand, um ein erfolgreicher, am Ende aber doch nur mittelmäßiger Schriftsteller zu werden. Unangemeldet taucht er im Leben der erwachsenen Söhne hin und wieder auf, weniger aus Zuneigung denn aus Lust an der Irritation. Selbst seine Enkelin – ihr ist das letzte Kapitel gewidmet – verschont er nicht und bringt sie eines Tages zu einem alten Wahrsager; es ist just jener Hypnotiseur Lindemann, dessen Performance einst seinen spontanen Abgang ausgelöst hat.

Krisen und Fassaden

„Jedes Dasein, vom Ende her gesehen, besteht aus Schrecken“, lautet der Tenor eines seiner Bücher, das die Geschichte der Familie über Jahrhunderte zurück als Abfolge von Lebenskatastrophen erzählt. Für seine Söhne trifft das durchaus zu. Die Zwillinge Iwan und Eric sehen einander zum Verwechseln ähnlich, sind aber radikal verschiedene Charaktere. Eric wird Finanzberater und gerät in den Strudel der Schneeball-Zockerei. Mühsam versucht er mit Tabletten die Fassade aufrecht zu erhalten, verliert zunehmend den Bezug zur Realität und fühlt sich bedroht von dämonischen Kellerwinkeln und Dachkammern. Vor dem Auffliegen seiner betrügerischen Geschäfte rettet ihn dann wie ein göttliches Wunder der Börsencrash von 2008: das veranlagte Geld seiner Kunden ist zwar weg, aber sein Betrug ist im größeren Betrug beinahe verschwunden.

Scheitern an den Frauen

Iwan fühlt sich nach einer Wiederbegegnung mit Lindemann als Künstler endgültig gescheitert, stattet aber als Fälscher seinen Geliebten, den Maler Heinrich Eulenböck, mit einem reichen Werk aus, dem er als Kunsthistoriker zu hohem Marktwert verhilft. Eines Tages versucht er bei einer Rauferei von Straßenjungen zu vermitteln und wird erstochen.
Eric verkauft die geerbten „Eulenböcks“, das ruiniert zwar den Markt, die Erlöse helfen ihm aber über die Krise hinweg. Psychisch fliegt er in einen fanatischen Katholizismus, während Martin, der adipöser Stiefbruder der Zwillinge, zwar Priester geworden ist, aber nicht glaubt, was er seiner Gemeinde verkündet. In seiner Jugendgruppe ist einer der Straßenjungen, die fast alle Ron heißen – bei dessen „Beichte“ vom „Zwischenfall“ mit Iwan hört Martin allerdings wie meist nicht richtig zu.
Martin, der noch im hohen Alter am Rubik-Würfel seiner Kindheit dreht, wurde Priester aus Lebensangst und auch aus dem Scheitern am anderen Geschlecht. Das ist ein Moment, das die drei Brüder eint: Iwan hat sich zu seiner Homosexualität bekannt, was Eric zutiefst verstört, der Ehefrau und Tochter einfach aus einem prinzipiellen Mangel an Empathiefähigkeit verfehlt.
Der Held in Glavinics „Das größere Wunder“ heißt wie schon in „Die Arbeit der Nacht“ und „Das Leben der Wünsche“ Jonas. Diesmal wartet er im Basislager auf die Besteigung des Mount Everest – die wird er am Schluss schaffen, und zwar im Alleingang, das entspricht der ihm zugedachten Rolle als Wunschprojektionsfigur. Abschnittsweise eingefügt ist seine Lebensgeschichte.
Monströs ist auch hier vor allem die Vaterfigur, in dem Fall ist es der Großvater seines Freundes Werner, der Jonas samt seinem behinderten Zwillingsbruder Mike aus dem Haus ihrer alkoholkranken Mutter wegholt und später adoptiert. Der alte Herr ist eine Art Mafiaboss, Leichen pflastern seinen Weg und auch den von Jonas, denn wer immer seinen Buben etwas tut, der verschwindet von der Bildfläche und sei es ein unfähiger Zahnarzt. Sonst kümmert er sich wenig um die Kinder und lässt ihnen alle „Streiche“ durchgehen, denn, wie er kurz vor seinem Tod erzählt, er habe sich köstlich amüsiert, wie sie das ganze Dorf terrorisiert haben und keiner aufzumucken wagte, schließlich wussten alle um des Paten langen Rache-Arm.
Man muss uns doch erziehen, wir sind Kinder, denken die Buben immer wieder, aber das tut auch keiner der vielen Hauslehrer und schon gar nicht ihr martialischer „Erzieher“ Zach, bis für Werner eine der „Mutproben“ tödlich endet. Kindheiten in gefühlsarmem Luxusambiente ergeben selten harmonische Charaktere. So vertreibt sich Jonas auch später als Millionenerbe seine Zeit vorwiegend mit reichlich pubertären Aktionen, dass sie „wenig Sinn“ haben, scheint ihm gerade ein „Beweis von Freiheit“. Er lässt einen verrotteten Güterwaggon zweimal um die halbe Welt transportieren, kauft eine Insel, um am Meer Musik zu hören, reist viel ohne sich für Land und Leute zu interessieren und errichtet für seine kleinen Andenken in Oslo ein Privatmuseum à la Orham Pamuk. Manchmal zieht er sich in eine römische Wohnung zurück, die er dann zwei Jahre lang absolut nicht verlässt.

Bloßer Behauptungscharakter

Angereichert ist auch dieses aberwitzige Leben mit vielen märchenhaften Elementen, allen voran ein geheimnisvolles Schloss mit sieben versperrten Zimmern, deren Schlüssel auf noch geheimnisvollere Art nach und nach auftauchen. Untrüglich ist Jonas’ innere Stimme und unerklärlich bleiben seine Krankheiten wie seine Fähigkeit, alle Sprachen zu verstehen. Er selbst meint, sein Leben lang auf der Suche nach der großen Liebe zu sein, aber was er von seiner verloren geglaubten Geliebten erzählt, ist so wenig überzeugend wie seine Zuneigung zum früh verstorbenen Zwillingsbruder. Allen Sätzen über die Liebe scheint ein bloßer Behauptungscharakter anzuhaften. Das ist vielleicht das Stärkste an Glavinics Trilogie: Sie ist eine gnadenlose Anamnese von Jonas’ Unfähigkeit, Gefühle und Nähe zuzulassen.
Im Basislager freilich fällt das nicht auf, hier ist bei Glavinic nur ein Menschentyp zugange: der mehr rüpel- denn kumpelhafte Einzelkämpfer. Radikaler kann der Mythos von der Kameradschaft am Berg nicht zerstört werden, auch wenn hier alle, Frauen wie Männer, mit einer einzigen Zunge zu sprechen scheinen, im gleichen flapsigen Ton.
Will man den Gedanken einer gemeinsamen Themenstellung weiterspinnen, dann war Glavinic im Fabulieren kühner, Kehlmann im Komponieren überzeugender, und abgestürzte Formulierungen wird man bei Kehlmann nicht finden.


F
Roman von Daniel Kehlmann
Rowohlt 2013
384 S., geb., 
€ 23,60


Das größere Wunder
Roman von Thomas Glavinic

Hanser 2013
522 S., geb., 
€ 23,60
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