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Laurence Anyways - 25/2013

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Rausch der Gefühle

Kann eine Beziehung weiter bestehen, wenn der Mann beschließt, als Frau 
zu leben? Zu Xavier Dolans drittem Spielfilm „Laurence Anyways“.


Von Walter Gasperi

Der 1989 in Montreal geborene Xavier Dolan gilt als Wunderkind des Kinos. Nachdem er ab seinem vierten Lebensjahr in Werbespots und Fernsehserien mitgespielt hatte, drehte er mit neunzehn seinen ersten Spielfilm („J’ai tué ma mère/I killed my mother“), mit dem er sogleich zum Filmfestival von Cannes eingeladen wurde. Ein Jahr später folgte „Les amours imaginaires/Heartbeats“ (2010) und mit 23 legt er mit „Laurence Anyways“ schon seinen dritten großen Spielfilm vor.
Erzählte Dolan in seinen ersten beiden Filmen, in denen er auch selbst Hauptrollen spielte, persönlich von einer schwierigen Mutter-Sohn-Beziehung beziehungsweise von einer Dreiecksbeziehung unter Jugendlichen, so beschränkt er sich bei „Laurence Anyways“ einerseits auf die Rolle des Regisseurs, richtet andererseits den Blick auf die Gefühlswelt von Erwachsenen.
Von 1989 bis 1999 folgt Dolan dem Schriftsteller und Lehrer Laurence (Melvil Poupaud) und der Werbefilmregisseurin Fréd (Suzanne Clément). Schwer belastet wird ihre Beziehung, als Laurence erklärt, dass er schon seit der Kindheit eine Frau sein wollte und dies nun auch leben wolle. Trotz erstem Schock beschließt Fréd bei Laurence zu bleiben, doch je mehr er zu sich selbst findet, des-to mehr entfernen sie sich innerlich voneinander. Unweigerlich trennen sich ihre Wege schließich, doch los kommen sie voneinander nicht.

À la Almodóvar und Wong Kar-Wei

Um Grenzüberschreitung und den Umgang mit Außenseitern kreist „Laurence Anyways“. Bittere Erfahrungen muss der Protagonist machen, er verliert wegen seines Outings seinen Job und wird auch physisch attackiert. Mit 160 Minuten ist dieses Melodram, das inhaltlich an die frühen Filme Almodóvars, stilistisch an die Anfänge Wong Kar-Weis erinnert, zwar überlang, aber auch reich an grandiosen und zutiefst bewegenden Momenten. Furios und exzessiv arbeitet Dolan mit filmischen Mitteln, doch ist die Form nie Selbstzweck, sondern intensiviert die Gefühle.
Einen atemberaubenden Sog entwickelt der Franko-Kanadier mit einem Rausch aus Licht und Farben, mit Zeitlupe und nah geführter Handkamera und einem grandiosen Soundtrack, der sich bei Hits aus den achtziger Jahren ebenso bedient wie bei Beethoven, Brahms und Vivaldi.
Das fast quadratische 4:3-Format erzeugt weniger ein Gefühl von Enge und Beklemmung als vielmehr von Intimität, schafft Nähe zu den Schauspielern, die in zahlreichen Großaufnahmen und langen Einstellungen intensiv und bewegend ihre Gefühle vermitteln.
Großartig meistert Melvil Poupaud den schwierigen Part von Laurence, bei dem offen bleibt, ob er auch eine Geschlechtsumwandlung durchführte. Fast noch stärker ist aber Suzanne Clément in der Rolle der verzweifelt liebenden Fréd.


Laurence Anyways
CDN/F 2012. Regie: Xavier Dolan.

Mit Melvil Poupaud, Suzanne Clement, Nathalie Baye, Monia Chokri.
Thimfilm. 159 Min.
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