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Atmen - 39/2011

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Die Luft der Freiheit

Bei den Filmfestivals in Cannes und in Sarajewo reüssierte 
 Karl Markovics mit seinem Regiedebüt „Atmen“. 
Ein Sozialdrama und ein Lebensaufstieg voll herber Poesie.

Von Otto Friedrich

Immer noch fehlt es dem heimischen Film an ausreichender Finanzierung. Und immer noch reüssiert österreichischer Film trotzdem international – wenn auch nicht wirklich an der Kinokasse. Erstaunlich, dass heuer gleich zwei österreichische Regie-Erstlinge international von sich reden machen: Nach Markus Schleinzers eiskalter Missbrauchs-Parabel „Michael“ kommt nun „Atmen“ von Karl Markovics und Martin Gschlacht, dem heimischen Kameramann Nummer eins, ins Kino.
Gott sei Dank muss der Kritiker keine Präferenz für eines der beiden Opera erkennen lassen, denn eine solche fällt in cineastischer Hinsicht äußerst schwer.

Still und punktgenau beobachtet

International hat „Atmen“ die Nase vorn – so winkte in Cannes schon der „Prix Europa Cinemas Label“ sowie beim Sarajevo Film Festival die Prämierung als Bes-ter Film sowie für Thomas Schubert als Bester Schauspieler: Der junge Darsteller brilliert in seiner Debütrolle perfekt. Eine Augenweide. Großes Kino aus dem kleinen Lande. Schade, dass Österreich nur einen Beitrag für den Auslandsoscar einreichen kann. Aber: Die Wahl fiel auf „Atmen“.
Das Thema ist der einzige Startvorteil für den Streifen von Karl Markovics, der ja als Schauspieler („Die Fälscher“, 2007) den Auslandsoscar schon in der Tasche hat. Denn wiewohl auch das stille und punktgenau beobachtete Sozialdrama „Atmen“ alles andere als die Sonnenseite des Lebens im Auge hat, erweist sich die Missbrauchsschilderung von „Michael“ doch als weitaus schwerer erträglicher Tobak.

Katharsis und Neubeginn

Wegen eines Tötungsdelikts sitzt der 19-jährige Roman Kogler in der Jugendstrafanstalt Wiener Neustadt. Sein Bewährungshelfer drängt ihn, sich einen Job zu suchen: So würde eine vorzeitige Entlassung in greifbare Nähe rücken. Ausgerechnet bei der Wiener Bestattung heuert Freigänger Roman an; neben der ungewohnten Arbeit mit dem Tod gerät der junge Sträfling in den Mikrokosmos einer herben Männerwelt, in der Sterben und der Tod kalter Alltag sind.
Für Roman, wiewohl als Heimkind mit vielen Wassern gewaschen, ist dieser Umgang keinesfalls leicht zu ertragen: der junge Häfenbruder als Sensibelchen mitten in der Hierarchie der Leichenwärter. Insbesondere Partieführer Rudolf Kienast macht Roman das Leben schwer. Als der Jüngling dann seine erste nackte Frauen-leiche zu Gesicht bekommt, die im Leben eine Frau Kogler war, glaubt Roman seine Mutter vor sich zu haben, die ihn als Baby ins Heim gegeben hat.
Die Tote namens Kogler entpuppt sich zwar doch nicht als Romans Mutter; aber die Vermeintlichkeit treibt ihn an, diese zu suchen – und zu finden. Für Roman wie für die Mutter dräut eine kurze, aber heftige Katharsis und der Beginn eines neuen Lebens herauf. Auch mit den Kollegen im Leichengeschäft bahnt sich krauses Verstehen und rüde Herzlichkeit an. Fehlt nur noch, dass der Herr Rat, der Romans Antrag auf vorzeitige Entlassung schon einmal abschlägig beschied, nun endlich ein Einsehen mit dem Buben hat.

Thomas Schuberts Kraft

Dieser vordergründig unspektakuläre Plot entwickelt sich in Langsamkeit und Poesie zu einem filmisch grandiosen Tableau: ein österreichisches Coming-of-Age-Drama von einer anderen als der Butterseite des Lebens. Auch ein junger Totschläger hat Sehnsüchte und ein Herz. Er sucht seine Mutter, um mit sich ins Reine zu kommen und dieser vom Leben geprüften unscheinbaren Frau ungelenk anzubieten, es ihm gleich zu tun.
Karl Markovics gelingt sein Erstling so, als habe er immer schon gewusst, wie man Filme macht. Und Martin Gschlacht an der Kamera beweist Selbiges einmal mehr. Dennoch steht und fällt die Qualität von „Atmen“ auch mit der schauspielerischen Kraft von Hauptdarsteller Thomas Schubert: Markovics wollte einen jungen unverbrauchten, nicht durch eine Schauspielschule geformten Charakter. Es ist ihm und seiner Casterin Nicole Schmid gelungen, eine perfekte Wahl für die Rolle des Roman zu treffen.
Die älteren Kollegen des Jungmimen beeindrucken gleichfalls, allen voran ist Georg Friedrich als Kienast in seinem Proleten-Element. Aber auch Gerhard Liebmann als Bewährungshelfer, Stefan Matousch als Vorgesetzter bei der Bestattung und Karin Lischka als Romans Mutter komplettieren die reife Ensembleleistung.
„Atmen“: Der Titel ist das Programm des Streifens. In einer Schlüsselszene liegt Roman am Boden des Schwimmbeckens in der Strafanstalt. Unter Wasser. Einen Film lang darf man ihm dabei zuschauen, wie er sich langsam, aber doch, Schritt für Schritt seine eigene Atemluft erkämpft. Das ist weder einfach noch selbstverständlich. Aber möglich, erzählt der Film.
Unterstützt wird die großartig strenge Bildsprache und ebensolche Dramaturgie von der Musik Herbert Tucmandls. Nicht zuletzt dessen wuchtige Schlussfantasie über die ersten Töne der Requiem-Sequenz „Dies irae“ verweist darauf, das „Atmen“, dieser (un)spektakuläre Lebensmutmacher in Filmform auch eine Auseinandersetzung mit dem Tod ist.
Und was für eine.


Atmen
A 2011. Regie: Karl Markovics.
Mit Thomas Schubert, Georg Friedrich, Gerhard Liebmann.
Thimfilm. 96 Min.
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