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Alles über Sally - 09/2010

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Alte Eisen nun ganz neu?

Arno Geigers Roman verspricht „Alles über Sally“, erzählt aber eher die Weltsicht des Autors.

Von Evelyne Polt-Heinzl

Eine neue Gepflogenheit der Verlage ist es, den Leseexemplaren für die Literaturkritik Handreichungen voranzustellen, wie mit dem Roman lesend zu verfahren sei. Das kann eine euphorische Vorauskritik sein, im Fall von Arno Geigers „Alles über Sally“ ist es ein Interview mit dem Autor. Ihn interessierte, so ist hier zu lesen, das „historisch neue“ Phänomen, dass Frauen um fünfzig „noch vor ein paar Jahrzehnten längst altes Eisen“ waren, während sie „in unserer Gesellschaft im positiven Sinn immer auffälliger werden.“

Sexuelle Abenteuerlust


Sally Fink ist 52, seit dreißig Jahren verheiratet mit dem Museumskurator Alfred, Mutter von drei halbwüchsigen Kindern und vom Beruf Lehrerin. Darüber hinaus erfahren wir über Sally keineswegs alles, eher im Gegenteil recht wenig. Als Person verschwindet sie immer wieder hinter der Weltsicht des Autors, der Sally auf anhaltende sexuelle Abenteuerlust festnagelt.

Gleich zu Beginn sitzt Alfred „auf ältliche Weise im Bett“, um seine Krampfadernbeschwerden mit einem Stützstrumpf zu lindern, während sich Sally wieder einmal gelangweilt „in ihren Gedankenfundus“ zurückzieht. Sie verachtet Alfreds hässlichen „Kuratorenfuß“ – Schmerzen hin oder her –, sie will den Stützstrumpf einfach nicht sehen, er „bedeutet alt und krank und irritiert mich“. Als kurz darauf Einbrecher das gemeinsame Haus verwüsten, beseitigt Sally tatkräftig das Chaos und fühlt sich von Alfreds Trauerarbeit nur belästigt, denn: „Sie peilte ein neues Leben an, während Alfred am alten hing.“
Das tut Sally dann auf eine recht konventionelle Art und sucht sich einen alternativen Sexualpartner, noch dazu im nächsten Umfeld. Erik und Nadja Aulich sind mit dem Ehepaar Fink befreundet, doch Sallys „genitales Gehirn reagiert sofort“ an jenem „eigentlich hundsgewöhnlichen Freitag“, an dem das erste erotische Date mit Erik stattfindet. An ihm gefällt ihr etwa seine „kräftige Kinnlade, in der auch die Weisheitszähne Platz fanden“, und als Erik ein verbales Vorspiel beginnt, unterbricht sie ihn rüde: „Jetzt sollten wir einfach ficken.“ Erik bezeichnet das irritiert, aber höflich als „spontan“, doch es markiert für ihn wohl den Anfang vom Ende der Beziehung, er wird sich der Russin Lena zuwenden und sozusagen gleich zwei betrogene Frauen zurücklassen.
Sallys Abgebrühtheit im Umgang mit ihrer Freundin Nadja, die sie „tröstend“ aushorcht, um Näheres über ihre Rolle im Spiel zu erfahren, scheint selbst den Autor zu verwundern. „Denn die Situation war in einem Maße ehebrecherisch, es ging nicht, dass sie mit blinder Sorglosigkeit darüber hinwegsahen, wie alles immer weiter hochkochte. Und gleichzeitig sank das moralische Niveau immer mehr.“ Was immer man davon sprachlich halten mag, inhaltlich ist es zweifellos richtig, bleibt allerdings auf Handlungsebene ohne Folgen.
Sally, die Mitte der 1970er Jahre aus einer drückenden – „vaterlos“ lautet der psychologische Fingerzeig – Jugend ausbrach und als Botschaftsangestellte nach Kairo ging, hat damals die neu eroberte sexuelle Freizügigkeit in vollen Zügen genossen und scheint dabei auf ihre Kosten gekommen zu sein. Keine Selbstverständlichkeit in einer Zeit, als die Bedürfnisse weiblicher Sexualität noch kein Thema waren. Im Übrigen genauso wenig wie inszenierte „Freud-Dinners“ an österreichischen Botschaften, hier dürfte dem Autor die große Freud-Nacht von 2006 historisch in die Quere gekommen sein.
Es war auch in Kairo, wo Sally und Alfred einander kennenlernten. Damals, so meint Sally, oder eigentlich der Autor, galt eine „sorgfältige Partnerwahl“ als spießig, und so haben sie denn geheiratet, auch wenn Sally mit einer typischen Formulierung des gesunkenen Psychotherapeutenjargons unserer Tage zunächst nur zugestand: „Bis jetzt hat es mir viel gegeben.“
„Privat hatte Sally mit Angepasstheit nichts am Hut“, meint der Erzähler, doch das bleibt eine Behauptung. Weder in den Jugenderinnerungen noch in ihrem Verhalten als alternde Frau ist Unangepasstheit auszumachen – abgesehen vom Sexualverhalten. Selbst von ihrer Tochter will sie erfahren, welche „wilden sexuellen Erfahrungen“ sie gerade erlebe, worauf die mit Schweigen reagiert und lieber „pauken“ geht.
Die Wirtschaft, so hören wir Sally einmal ihren Schülern erklären, „versucht, uns alle dorthin zu bringen, dass wir für Fernsehen, Telefonieren, Kalorien, Sex und Leistung leben“. Sally, so könnte man anfügen, ist da schon angekommen. Reflektieren sehen wir nur Alfred, was Sally als „Krakeln“ in seinen Tagebüchern wahrnimmt.

Problem Altern


Letztlich ist Sallys einziges Problem das Altern, das sich einfach nicht aufhalten lässt. „Sie war noch immer mit einem hohen Maß an erotischer Wahlfreiheit ausgestattet“, versucht sie sich nach Ende der Affäre mit Erik einzureden, wohl wissend, dass sie trotzdem nur „eine dieser Frauen im mittlerem Alter“ war, „die sich nicht aufgeben wollen, aber doch schon deutliche Einbußen erlitten haben“.

„Noch vor fünfzig Jahren waren die männlichen Tugenden die angesehenen Tugenden gewesen. Jetzt wurde den weiblichen Tugenden der Vorzug eingeräumt“, lässt Arno Geiger seine Sally denken, und das zeigt, wie weit der Autor von seiner Figur entfernt ist, denn von einem erfolgten „Paradigmenwechsel“ kann nur ein Mann von 40 überzeugt sein, aber keine Frau von 50 plus. Auch wenn Frauen mittlerweile, so sie nur fleißig auf ihre Linie achten und regelmäßig joggen, dieselben last erotic calls erleben dürfen, bei denen schon die Männer meist eine traurige Figur gemacht haben.
Glücklich mache „der rätselhafte Zauber einer Sprache, die auf lakonische Weise im Kleinen das ganz Große findet“, meinte ein Kritiker. Doch es wirkt mitunter auch daneben oder dürftig, wenn „der Weg durch den Prüfungssaal in Angriff genommen“ wird, ein Haus „eigentlich nicht viel hermacht“ oder „alles wie Kraut und Rüben“ liegt. „Sally haute sich ab“, heißt es wiederholt, etwa wenn der betrogene Alfred von Realitäten spricht, denen man ins Auge sehen müsse. „Plumpsen“ können hier die Nudeln in den Suppenteller oder die Sonne „hinter die Türme der Altstadt“, und während Sally „im Fallout“ eines Gesprächs vergeblich auf Eriks Anruf wartet, „passierte nichts, nur nutzlose Ausbeutung von Gehirnkapazität“. Arno Geiger macht es dem Leser nicht immer leicht, seine Sprache als beglückend zu empfinden.

Alles über Sally
Roman von Arno Geiger
Hanser 2010
364 S., geb., € 22,10
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