Ceci n'est pas un site web. Das ist keine Website.
Die FURCHE wird digital, bis zum Go Live schenken wir Ihnen an dieser Stelle wöchentlich ein Highlight aus der aktuellen FURCHE.

Offener Brief

Blumenpflücken mit Mähdreschern

Warum der Bildungswissenschafter Stefan T. Hopmann die Einladung zur Mitarbeit an der geplanten Lehrplanreform ablehnt:
Ein offener Brief an Bildungsminister Heinz Faßmann (ÖVP).

Sehr geehrter Herr Minister Faßmann,
herzlichen Dank für die Einladung Ihres Hauses, an einem Begleitgremium (einem sogenannten „Sounding Board“) für die geplante Überarbeitung aller Lehrpläne der Volksschule, der Mittelschule und der AHS-Unterstufe mitzuwirken. Lehrpläne und ihre Wirkung sind mein Thema. Seit über dreißig Jahren habe ich mich an solchen Verfahren beteiligt und dazu empirisch, historisch und international vergleichend geforscht. Seit zehn Jahren bin ich Herausgeber der international bedeutendsten wissenschaftlichen Zeitschrift auf diesem Gebiet, des Journal of Curriculum Studies. Aber gerade diese Vorkenntnisse machen es mir unmöglich, Ihre Einladung anzunehmen.

Was gewollt ist

Das Einladungsschreiben formuliert in bewundernswerter Kürze, worum es geht: „Die Lehrpläne sollen auf wesentliche Bildungsziele reduziert und stärker kompetenzorientiert ausgerichtet werden. Eine klare Zielstellung der Weiterentwicklung ist auch eine deutliche Verknüpfung von Lehrplänen und Leistungsbeurteilung.“ Seitdem es Schulordnungen oder Lehrpläne gibt, wurde wiederholt versucht, durch detaillierte Vorgaben bestimmte Unterrichtsverläufe und -ergebnisse zu erzwingen. Schon Maria Theresias Schulordnung von 1774 begleitete für diesen Zweck Felbigers Methodenanweisung. Den Methodenarsenalen des 18. folgten die oft an Herbart oder Hegel angelehnten Lektionspläne des 19. Jahrhunderts. Im 20. Jahrhundert wurden dafür fallweise von Behaviorismus bis Kognitivismus jede vorherrschende Lernpsychologie, aber auch Henry Fords Fließbandproduktion und andere Managementmodelle herangezogen. Dabei wurde fast immer versprochen, die „Überbürdung“ (Lorinser 1836) durch überfüllte Lehrpläne zu beenden. Faktisch erzeugt aber die Engführung von Lehrplan und Leistungsmessung das genaue Gegenteil.

Die letzten großen internationalen Wellen waren die Lernzielsteuerung der 1960er und 1970er, die Einführung von Bildungsstandards in den 1990er Jahren, sowie seit der Jahrtausendwende die Idee, durch Detailbeschreibungen von Kompetenzen Ähnliches zu erreichen. Der US-Bundesstaat Maine hat einen entsprechenden Versuch in diesen Tagen abbrechen müssen: Zu groß waren die Flurschäden im Schulbetrieb. Er war nicht der Erste und wird nicht der Letzte gewesen sein, dem solches widerfährt. Der Ansatz hat noch nie und nirgends nachhaltig getaugt, denn er beruht auf einem grundlegenden Missverständnis, was Lehrpläne können und wie guter Unterricht zustande kommen kann.

Was Lehrpläne können

Die Idee der ersten staatlichen Lehrpläne war, den Schulen einen breiten Rahmen zu geben, welche Inhalte in der Schule vorkommen dürfen. Damit war nie die Absicht verbunden, Schülerinnen und Schüler sollten alles können, was der jeweilige Lehrplan erlaubt. Sondern ganz im Gegenteil sollte an den Schulen ausgewählt werden, was der Lehr- und Lernfähigkeit der jeweils Anwesenden angemessen war. Dabei wurde bewusst in Kauf genommen, was ohnedies nicht zu ändern ist, nämlich dass Unterrichtsverläufe und Ergebnisse je nach Standort sehr unterschiedlich sind. Dementsprechend setzten sich im 19. Jahrhundert auch die Ziffernnoten gegen die bis dahin üblichen inhaltlichen Festlegungen als verallgemeinerte Beschreibungen der Bewährung im Unterricht durch, um dadurch trotz aller Unterschiedlichkeit sinnvolle Vergleiche zu ermöglichen. Sie haben sich in diesem Sinne bewährt. Auch das beruhte auf einer bereits Aristoteles bekannten Schulweisheit, die immer wieder durch praktische Erfahrung und auch jüngst (Göllner et al. 2018) durch empirische Forschung erneut bestätigt wurde, dass es nämlich in guten Schulen nicht auf Wissensanhäufung und Spitzenleistungen ankommt, sondern auf die Förderung der Lernfähigkeit und des Gemeinsinns.

Was Lehrpläne nicht können

Dass nicht alle Lehrkräfte und Schulen die dieser Logik innewohnende „pädagogische Freiheit“ sinnvoll nutzen, ist unbestritten. Nur kann administrativer Zwang, alle im ganzen Land über den gleichen Leisten zu scheren, daran wenig ändern. Er ist wie ein Versuch, mit Mähdreschern Blumen zu pflücken. Der Druck, Inhalte und Ergebnisse durch detaillierte Verschränkung unter Kontrolle zu bringen, nimmt den Lehrkräften den notwendigen Spielraum, Unterricht den Gegebenheiten am Standort anzupassen. Das schadet unweigerlich den Schwächsten, die der Unterrichtsbeschneidung nicht genug eigene Ressourcen entgegensetzen können. Große Leistungsunterschiede und soziale Schieflagen sind die historisch und empirisch gut belegte Folge. Das nutzt vor allem jenen, deren Lebenschancen nicht allein von der Qualität der öffentlichen Schule abhängen. Es ist ja auch kein Zufall, dass diese Einengung des Schulbetriebs gegenwärtig vor allem von der Testindustrie, von Mark Zuckerberg und Bill Gates, sowie von politischen Kräften wie Ihrer Amtskollegin in den USA, Betsy DeVos, massiv gefördert wird, die eine Aufspaltung und Privatisierung des Schulwesens propagieren.

Was geschehen wird

Solche Kollateralschäden können immer neue Anläufe in die gleiche Richtung nicht verhindern. Zu verlockend scheint für Politik und manche Wissenschaft der Traum, den grauen Schulalltag ein für alle Mal durch eigenes Zutun zu vergolden. Natürlich finden sich dann auch jedes Mal als Bildungsexperten verkleidete Alchemisten, die Erfahrung ignorieren oder Missverständnisse behaupten und dem staunenden Publikum versichern, diesmal werde das Wunder geschehen. Das allfällige Scheitern wird wie jetzt in Maine der mangelhaften Umsetzung, nicht zuletzt den Lehrkräften, zugeschrieben und nicht den Denkfehlern ihrer Zauberformeln. Erst wenn der Verlust von Wählerstimmen droht, steigt die Politik aus. Da hilft auch das historische Wissen nicht, dass in vielen Fällen verantwortungsbewusste Lehrkräfte diese Zumutungen bis dahin aussitzen, und der Schulbetrieb sie letztlich wieder ausschwitzen wird. Solange solche Reformen währen, beschädigen sie die Chancen der Schule, guten Unterricht zu erteilen.

Meine große Tochter ist erfolgreich in der Theoretischen Chemie unterwegs, ihr Zwillingsbruder in der Politikwissenschaft. Die eine hat mir bestätigt, dass sich Alchemisten von wissenschaftlicher Vernunft nicht beirren lassen, der andere, dass das in der Politik oft nicht anders ist. Sie haben ja selbst erst vor kurzem in erstaunlicher Offenheit eingeräumt, dass im Zweifelsfall die Politik Vorrang vor besserem Wissen habe. Meine großen Kinder sind wie die Ihren, Herr Minister, zum Glück dem Schulbetrieb längst entwachsen, aber meine Enkel noch nicht. Wenn schon nicht als Politiker, können Sie vielleicht als Vater noch einmal überdenken, ob Sie eine Reform verantworten wollen, die nachkommenden Generationen schaden wird. Auf jeden Fall hoffe ich, dass Sie in dieser Perspektive verstehen, warum ich nicht Geräuschkulisse („Sounding Board“) für eine Politik sein will, die die Zukunft unserer Kinder und Kindeskinder mutwillig gefährdet.

Mit herzlichen Grüßen Stefan T. Hopmann

Der Autor ist Professor für Bildungswissenschaft an der Universität Wien.