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» FOKUS | DAS THEMA DER WOCHE

Beziehung auf der K(l)ippe

Das entscheidende Brexit-Treffen zwischen Europa und Britannia fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Die FURCHE war dabei. Ein gespenstisches Dramolett.

| Von Oliver Tanzer


Der 6000 Einwohner zählende Ort Battle acht Kilometer nördlich von Hastings, East Sussex. Nahe der alten Abtei, ein Schild: „1066 fand hier die Schlacht zwischen Normannen und Engländern statt. England wurde damals zum letzten Mal erobert.“ Nicht weit davon ein Haus mit der Aufschrift: „Divorce without Battle – Beziehungsberatung“. Darunter die Plakette: „Errichtet aus Fördermitteln der EU“. Drinnen zwei Sofas, auf denen Britannia und Europa Platz genommen haben. Der Therapeut, Wilhelm I., der Eroberer, Sieger der Schlacht von Hastings, betritt den Raum. Er ist natürlich ein Geist.

Wilhelm I.: Ich komme als Freund!
Britannia: So wie damals, als den Harald, unsern König, du erschlugst just hier am Felde ...
Wilhelm I.: Begrab die blutig-alten Zeiten! Herrscher in beiden Welten war ich, bei den Franzosen ein Herzog, bei den Briten König. Bin Media-tor nun und Brücke über den Kanal (zeigt Richtung Dover). Tot zwar, aber klüger geworden aus dem Morden!
Britannia: (spöttisch) Ein Geist, zum Reimen aufgelegt …
Europa: (schluchzt)
Wilhelm I.: Hört mich an, denn der Fall ist ernst. Seht Euch doch Europa an!
Britannia: (rückt ihr Krönchen zurecht) Tja, Freiheit verlangt eben Opfer.
Wilhelm I.: (schmeichelnd) Als erfahrener Therapeut sage ich euch, dass der Fall durchaus noch nicht verloren ist. Ihr steht an einem entscheidenden Punkte. Denn ehe der Entschluss zur Scheidung formuliert ist, braucht es gut und gerne drei Jahre. Und ehe sie nicht verstrichen, die Frist ...
Britannia: (sich auf dem Sofa zurecht fläzend) ... aber es stimmt auch, dass jener Partner trennungsbereiter ist, der sich im Leben wohler fühlt. Und das bin ich. Die niedrigste Arbeitslosigkeit seit den 70ern, die höchste Beschäftigungsquote. Da drüben, über dem Kanal ist nur Depression. In der Börse sticht der Euro, im Stiefel juckt Italien und in Brüssel brauchen sie schon eine Familientherapie auf Ungarisch und Polnisch.
Wilhelm I.: Wir wollen am Anderen nicht bloß das Schlechte sehen! Sieht denn Britannia gar nichts Gutes auf dem Kontinent? Britannia: Ei freilich, sie haben den Wein!
Europa: (trocknet empört ihre Tränen) Auf den werde ich in Zukunft einen Extra-Zoll draufschlagen! Portwein 100 Prozent, Madeira 1000, Sherry 10.000! Plus!
Britannia: (mit hochrotem Kopf) Was? Den Wein ausgerechnet? Das ist Krieg! Wir importieren 30 Prozent unserer Waren aus Eurer Union. Aber wartet nur, ab jetzt gibt es Kontinental-sperre!
Wilhelm I.: Aber, aber! Wollt Ihr denn gleich den Napoleon mimen? Und wär’ es nicht eines Feindes Spiel, billig nachgetäuscht? Europa, an Euch die Frage, was gefällt Euch an den Briten?
Europa: (nimmt einen Schluck Wasser) Monty Python und Winston Churchill, der hat uns vor Hitler ...
Wilhelm I.: Nein, nicht historisch! Im Hier und Heute!
Europa: Ah so. Coldplay? Meghan und -Harry?
Wilhelm I.: Und abseits der Zelebritäten?
Europa: (lächelt bitter) Oh ja! Unter uns wurde Britannia „Neu Warschau“ genannt. Die Polen jedenfalls meinten, es sei ein „Great Place to Work“. 600.000 zog es dorthin seit der Erweiterung im Osten. Nun haben sie dort Arbeit und die Briten endlich Schwarzbrot. Und Salzgurken! Win-win, wohin man blickt! Und nun? Tempi passati!
Wilhelm I.: Und weiter habt Ihr keinen Gefallen gefunden an Britannia?
Europa: Gefallen, Du bleicher Geist, ist nicht das richt’ge Wort. Die Briten waren unter den mächtigen Märkten die Zweiten. Und unter den Bankiers der Welt die Ersten. Und haben auch reiche und arme Schlucker sonder Zahl. 65 Millionen Köpfe, vereint im Konsum. Und ich gesteh’: Wir wollten niemals ihren Tee, wohl aber ihre Pfunde!
Britannia: Da sagt Ihr es ja selbst! Was haben wir nicht bei Euch eingekauft?! Und immer ein Defizit in die Handelsbücher geschrieben. 204 Milliarden Euro zuletzt. Aber damit ist es jetzt vorbei.
Europa: Ah, da mimt Ihr nun wieder „Ich will mein Geld zurück“. Alles Lug. Wo wärt ihr ohne uns, die wir zur Hälfte erstanden, was euren Fabriken und Büros entsprang. Fahrt nur so fort, und sägt ab den Ast, auf dem ihr sitzet.
Wilhelm I.: (bei sich) Mediator sein ist schwierig in diesem Fall, verhärtet scheinen die Herzen. Wollen wir sie doch mit leichter Muse erweichen. (laut) Und hat nicht Britannia den Kontinent mit mancher Lustbarkeit versorgt? Mit Tennis, dem edlen Golf, den Freuden des Billards, dem rassigen Boxsport, dem geschäftigen Fußball und dem drolligen Curling?
Europa: … die nicht so drolligen Hooligans gar erst!
Wilhelm I.: Und doch war nicht alles schlecht, was zum Schreien Anlass gab! Die Beatles, die Rolling Stones ...
Europa: Geschenkt! Fakt ist: nicht WIR wollen der Union entsagen, sondern SIE. Man stelle sich vor: eine Gemeinschaft von 27 der 35 erfolgreichsten Reiche der Welt. Aber wenn Ihr schon geht, dann zahlt auch eure Bill. Wir wollen 44,32 Milliarden Euro exakt.
Britannia: Das nennt sich wahrhaft Freiheits-Strafe! Aber wir werden Euch schon entschädigen, keine Sorge. Kein Preis ist uns zu hoch fürs höchste Gut.
Wilhelm I.: Ach, zahlen könnt Ihr? Mich wundert’s, sah ich doch, dass sich Eure Staatsschuld seit der Krise verdoppelt hat.
Britannia: Solange genug Kapital sich bewegt in unseren Landen und Banken, so lange ist keine Not. Sind immer noch viertreichstes Land auf dem Erdenrund. Ein Partner, der sich trennt, weiß für gewöhnlich auch, wie’s um ihn steht. So auch wir.
Europa: (spitz) Nun Britannia, so sagt uns denn Eure großen Pläne! In welcher Welt wollt Ihr Eure Reichtümer vermehren? Denn in dieser kann’s nicht sein – ohne uns. Wie werdet Ihr also zaubern?
Britannia: Gemach, Teuerste, handeln mit dem Rest der Welt, der ist uns gut genug. Und glaubt es oder nicht. Dort jubeln alle uns zu. Ich nenne nur Peru. Oder Argentinien. Oder Afrika, seit die ers-te Ministerin dort mit Lust ihr Tanzbein schwang.
Europa: Ja, die Mayen-Balz sah ich wohl, aber denkt Ihr, dafür bekommt man Handel zum Geschenk? Und seht Euch nur vor: In Washington und Peking werdet Ihr so viel tanzen müssen, die Füßchen werden Euch schmerzen.
Britannia: Und findet Ihr es passend über lustigen Reigen zu giften, wenn einem selbst die Eurosklerose in den Knochen steckt? Wilhelm I.: (bei sich) Meiner Treu, ich muss sie bremsen. (laut) Balz ist ein schönes Stichwort. Darf ich denn fragen, wie das war, als Ihr einander noch schön fandet?
Britannia: Also, wenn ich so frei sein darf: Mich hat ihre Aufgeblähtheit zuletzt schon sehr gestört. Ich trat mit einer schlanken Union in Kontakt mit straffen Formen und wenig Bürokratenfett.
Europa: Das ist doch die Höhe. Ich wurde von sechs zu 28, da darf man doch etwas zulegen. Außerdem ist ein Teil meines Apparats nur dazu da, den britischen Rabatt auszurechnen.
Britannia: Pah! Ich sage nur Gurkenkrümmung.
Europa: Was soll man mit jemandem reden, der nur die Sun liest.
Wilhelm I.: Edle! Die Trennung beginnt oft mit einem Verlust an Nähe zwischen zweien, die einander Treue gelobten. Erinnern Sie sich noch der glücklichen Tage der Vereinigung vor über 35 Jahren?
Britannia: Aber ich wollte doch immer nur in eine WG! Und eingetreten sind wir ja in die Europäische Wohngemeinschaft, EWG. Von Ehe war doch nie die Rede!
Europa: (schluchzt wieder) Ach, hätten die Franken weiland doch auf ihrem Veto beharrt gegen Euer Werben. Die wussten, es kommt nichts Gutes von einem Eiland der Freibeuter ohn’ jede Staats-Verfassung.
Britannia: (herablassend) Beruhigt euch. Unsere Bill of Rights gab es schon, da reichten eure „Rechte“ gerade bis unter den Stiefelabsatz von Louis Quatorze.
Europa: Dann fragt doch die Papsttreuen im armen Nordirland, wen sie als Schutzmacht gerne hätten. Eure Unionisten werden es nicht sein. Das Schicksal wird sich bitter rächen, wenn Ihr nicht auf uns hört.
Britannia: Dann lerne aus der Geschichte, Europa, dass es nichts gibt, was man nicht als sein Gegenteil verkaufen kann. Unser Hofmarschall Boris schreibt emsig schon an einer Bulle in seiner Kanzlei, und er wird die Welt damit entsetzen: „Die Wahrheit über Europa – oder wie seine Agenten britische Freiheit und britischen Wohlstand gefährden.“ Und so wirds wirken: die Splendid Separation wird Euch isolieren, nicht uns!
Wilhelm I.: Es riecht nach Scheidung ohne Plan! So wisse, Britannia, dies: Hoffnung ist oft wie ein Jagdhund ohne Spur.
Britannia: Nun kommt er mir mit Shakes- peare! Den geb’ ich Euch zurück: „Wenn man nicht weiß, wohin man will, so kommt man doch am Weitesten.“ Und drauf noch: „Adieu, adieu, adieu, remember me!“ ((Br)exit)



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